Die South Bronx ist der ärmste Wahlbezirk der USA. Doch die Kongressabgeordnete Alexandria Ocsio Cortez gibt den Menschen hier Hoffnung

Focus, 25.11.2022

Ein ganz gewöhnlicher Dienstagmorgen an der Ecke 61st Street und Greenpoint Avenue, im Herzen von Queens, dem, wie man sagt, multiethnischsten Viertel der multiethnischen Stadt New York. Das Donnern der U-Bahn über die Hochbahngleise, die hier in den Außenbezirken der Metropole noch wie in alten Zeiten die ganze Avenue überschatten, frisst im sechs Minuten Takt jeden anderen Laut. Die Menschen darunter hasten geschäftig über die Kreuzung zur Arbeit. An der Ecke bietet ein Truck heißen Kaffee und frische Bagels an.

Als um kurz vor 10 eine dunkle Limousine vorfährt und eine junge Frau aussteigt, bildet sich jedoch plötzlich, wie aus dem Nichts, eine Menschentraube, die nach wenigen Minuten die vierspurige Kreuzung blockiert. Es ist Alexandria Ocasio Cortez, die Kongressabgeordnete des New Yorker Distrikts 14, zu dem die Bronx und Teile von Queens gehören und niemand hier im Bezirk will es sich nehmen lassen, ihr die Hand zu schütteln, mit ihr ein Selfie zu machen, ihr Glück zu wünschen.

Man liebt AOC, wie sie hier genannt wird und ihr Auftritt an diesem Morgen, dem Morgen der US Zwischenwahlen, bei denen auch sie wieder auf dem Zettel steht, verdeutlicht warum. AOC macht keinen Wahlkampfauftritt, bei dem sie von einem Podest aus Parolen von sich gibt. Sie will sich lieber unter die Menschen ihres Distrikts mischen, ihnen in die Augen sehen, mit ihnen ein paar Worte wechseln, ihnen das Gefühl geben, dass sie eine von ihnen ist, dass sie ihre Sorgen und Nöte versteht.

Es sind die Sorgen und Nöte der Vergessenen von Amerika. Die Bronx, in der Alexandria Ocasio Cortez als Tochter puertorikanischer Einwanderer aufgewaschen ist, besteht zu 90 Prozent aus der nicht-weißen Arbeiterschicht. Die Armutsrate des Viertels beträgt Jahrzehnten konstant um die 30 Prozent. Seit Generationen waren die Bewohner der Bronx es gewohnt, dass niemand auf sie hört, dass sich niemand um sie kümmert. Die Politik in Washington war für sie so weit entfernt wie der Buckingham Palast. Bis Alexandria Ocasio Cortez kam.

Alexandria Ocasio Cortez schaffte vor vier Jahren hier in ihrem Heimatbezirk eine politische Sensation. Durch mühsames, monatelanges Türklopfen, durch Tausende Einzelgespräche an Ecken wie dieser mobilisierte AOC damals die Wähler und schaffte die Wahl ins Repräsentantenhaus. AOC drängte damals einen Establishment-Kandidaten, für den die Bronx nichts war, als ein bequemes Vehikel zur Macht, von seinem Kongress-Sitz. Dabei hatte sie keine einflussreichen Sponsoren, keine Netzwerke innerhalb der Parteimaschinerie, kein Privatvermögen im Hintergrund. Sie hatte nur den Rückhalt der Menschen von der Straße.

Durch ihren Erfolg wurde AOC zum Symbol für eine neue Welle in der US-Politik, eine, welche die Verkarstung in Washington aufbrechen kann und dafür sorgen, dass die Marginalisierten und Verdrossenen wieder Hoffnung schöpfen. AOCs Beispiel machte Schule, sie wurde zum prominentesten Gesicht der sogenannten „Blue Wave“, zu der Frauen wie Gouverneurskandidatin Stacey Abrams in Georgia, Cori Bush in Missouri, Ilhan Omar in Minnesota oder Ayanna Pressley aus Massachussetts gehören.

AOC und die Blue Wave haben Hoffnung gemacht, dass man die amerikanische Politik von innen verändern kann, wenn man die Menschen mobilisiert, die eigentlich aufgegeben hatten, die sich damit abgefunden hatten, dass ihre Stimme ohnehin nicht zählt. Dass sie ohnehin von den Mächtigen nicht gehört werden.

Diese Hoffnung ist weiterhin da. James deVon etwa, ein bulliger schwarzer Mann mit einem sanften Lächeln, ist freudig erregt, dass AOC heute in seinen Bezirk gekommen ist und er sie persönlich zu Gesicht bekommt. „Sie ist eine von uns“, sagt er, als AOC nach mehr als einer halbe Stunde unter der Hochbahn wieder in ihr Auto entschlüpft ist. Eine, die versteht, was es heißt, um seinen Lebensunterhalt kämpfen zu müssen und sich dabei noch mit dem allgegenwärtigen Alltagsrassismus in Amerika herumschlagen zu müssen.

Dabei haben sich konkret für James die Lebensumstände noch kaum merklich verbessert, seit AOC ihn in Washington vertritt. James arbeitet 40, manchmal auch 50 oder mehr Stunden pro Woche. Er hat zwei Kinder, die er, so berichtet er stolz, beide auf die Universität geschickt hat. Aber er hat seit mehr als zehn Jahren keinen festen Wohnsitz. „Ich kann mir in New York keine eigene Wohnung leisten.“ Und mit 50 Jahren bei Bekannten und Verwandten auf dem Sofa zu schlafen, zehrt an seinem Stolz, an seiner Würde.

Die Geschichte von James ist wie die Geschichte seines Heimat-Bezirks, der Bronx. Unter den fünf Bezirken der glitzernden Metropole Manhattan war die Bronx schon immer der geschundene Underdog, das Stiefkind, das, gleich, wie sehr es sich anstrengt, einfach nicht voran zu kommen scheint.

Für den Rest der Stadt ist die Bronx noch immer eine Gegend, die man meidet. Die Bronx wird mit Elend, Drogen und Kriminalität in Verbindung gebracht. Das Image stammt aus den 70er und 80er Jahren, als das Viertel im Nordosten der Metropole, von Manhattan durch den Harlem River getrennt, am Boden lag. Die Bilder von Schutt- und Müllbergen in der South Bronx, von den verkohlten Überresten ausgebrannter Häuserblocks, die damals um die Welt gingen, haben sich tief eingeprägt.

Die Bronx war damals, wie ganz New York, von der Stadtflucht der weißen Mittelschicht betroffen. Jüdische und italienische Familien waren aus der Bronx in die Vororte gezogen. Sie wurden durch eine Flut von Einwanderern aus Lateinamerika ersetzt, nicht wenige davon ohne Papiere. Eine schleichende Verelendung des Viertels setzte ein, beschleunigt durch die fiskalische Krise der Stadt und den brutalen Bau einer Stadtautobahn, die mitten durch die Wohngebiete schnitt. Bis zur Mitte der 70er Jahre hatte man die Bronx praktisch abgeschrieben. Polizei, Feuerwehr und Müllabfuhr machten sich gar nicht mehr die Mühe, hier ihren Job zu tun.

Seitdem ist vieles besser geworden. Nachdem Präsident Jimmy Carter 1977 die Bronx besuchte und die Zustände zur nationalen Katastrophe erklärte, wurde viel in die Revitalisierung investiert. An der Stelle, an der sich Carter damals vor Schuttbergen und verkohlten Wohnhäusern fotografieren ließ, steht heute beispielsweise eine Reihe hübscher kleiner Einfamilienhäuser, samt gepflegten Vorgärten.

Trotzdem bleibt die Bronx das Armenhaus New Yorks. Der Bezirk ist noch immer das Aufnahmelager für dokumentierte und undokumentierte Einwanderer aus armen Ländern – zusätzlich zu lateinamerikanischen Ländern kommen sie nun auch aus afrikanischen Ländern. Eine Tatsache, die dramatisch ins Bewusstsein des restlichen New Yorks sprang, als im Januar diesen Jahres beim Brand eines Wohnhauses 17 Menschen aus Gambia ums Leben kamen.

Zudem wirkt bis heute in der die Wohnungsbaupolitik der 30er bis 60er Jahre nach. Die New Yorker Städteplaner hatten die Bronx damals schon als Sammelstelle für die Ärmsten der Stadt gedacht und hier mehr Sozialbauten hingestellt, als irgendwo sonst in New York. Egal, ob man von Manhattan aus über den Harlem River der Bronx entgegenfährt oder auf der Autobahn von New England im Norden kommend – das erste, was man sieht, sind endlose Landschaften monströser grauer Plattenbauten, die an das Schlimmste sozialistischer Architektur in Osteuropa erinnern.

Die Bronx bleibt das mit Abstand ärmste Viertel der Stadt.  In der South Bronx leben 38 Prozent der Menschen unterhalb der staatlichen Armutsgrenze, die, wie Experten meinen, angesichts New Yorker Lebenshaltungskosten ohnehin zu niedrig veranschlagt ist. So traf die Pandemie die Bronx auch härter als jeden anderen Stadtteil von New York. Die Mehrheit der Menschen arbeiteten in Jobs, die physische Präsenz erforderte – Krankenschwestern. Heimpflegerinnen, Bus- und U-Bahnfahrer, Bauarbeiter. Die Infektions- und Mortalitätsraten waren höher als irgendwo sonst. Und bis zum März 2020 war die Arbeitslosigkeit in der Bronx auf 25 Prozent angestiegen.

Trotzdem wurde AOC im November 2020 mit 70 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Und auch in diesem Jahr wurde sie mit demselben Prozentsatz an Stimmen zurück nach Washington geschickt. Ihre Gegnerin, Tina Forte, eine erklärte Trump-Anhängerin, bekam 27 Prozent. Hier in der Bronx, wo 90 Prozent der Bevölkerung nicht-weiß ist, zieht die rassistische Rhetorik der MAGA Republikaner, die bei den Vergessenen und Abgehängten im ländlichen Amerika greift, nicht.

Wenn man von Mott Haven, einem Wohnbezirk in der South Bronx aus, die Willis Avenue hinunter blickt, dann scheint Manhattan zum Greifen nahe. Die Anhöhen im nördlichen Teil der Insel, die in der Vorstellung der Welt noch immer oft mit ganz New York gleichgesetzt wird, sind keine zwei Kilometer entfernt und an einem klaren Tag kann man an den Gebäuden auf der anderen Seite des Flusses jedes Detail erkennen.

Doch die South Bronx ist eine andere Welt. Entlang der Westseite der Willis Avenue reihen sich so weit das Auge reicht braune Backsteinwohntürme auf. Auf der anderen Seite haben klassische New Yorker Apartmenthäuser vom Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihren markanten Feuerleitern die schlimmen Zeiten mehr schlecht als recht überlebt. Im Erdgeschoss der herunter gekommen Blocks sind billige Geschäfte für die Klientel hier, Bodegas für den kleinen Einkauf, ein Chinarestaurant, ein Bestattungsinstitut.

Zwischen diesen Läden markiert eine Tür mit den Lettern „Refugees Welcome“ den Eingang zu einem der beliebtesten Restaurants der South Bronx. „La Morada“ gehört einer vierköpfigen Famile aus Oaxaca, deren Mole Oaxaqueno die Restaurantkritiker der Stadt sämtlich ins Schwärmen geraten lassen.

Doch La Morada ist mehr als nur ein Restaurant. Die Famile Saaaverda, die selbst vor zehn Jahren ohne Papiere in New York ankam, hat es in ein Selbsthilfezentrum für dokumentierte und undokumentierte Einwanderer verwandelt. Während wir dort zu Mittag essen gehen Menschen der unterschiedlichsten kulturellen Hintergründe ein und aus, Araber, Nordafrikaner und natürlich Südamerikaner der verschiedensten Herkunft, trinken Kaffee, unterhalten sich über Jobs und Asylanträge, bekommen einen Laib Brot vom Vortag und ein bisschen Guacamole mit. „Der Gedanke der Nachbarschaftshilfe war in Oaxaca schon Kern unseres Lebensstils“, sagt Yajaira Saaverdo, die jüngste des Klans, ein quirlige kleine Frau mit unbändiger Energie.

Yajaira ist  durch das „Dreamer“ Gesetz von Obama geschützt, dass es Kindern von illegalen Einwanderern erlaubt, in den USA zu leben und zu arbeiten. Ihr Bruder, der für das Programm bei der Einwanderung schon zu alt war und ihre Eltern warten jedoch auch nach zehn Jahren noch auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge.

Einwanderung ist selbstverständlich für Yajaira das politische Thema Nummer Eins. Und obwohl sie genau weiß, dass Ocasio Cortez alleine die chaotische Einwanderungspolitik von Washington, nicht in Ordnung bringen kann, ist sie dankbar, dass da jemand ist, der sich für sie und ihre Familie und ihre Nachbarn stark macht. „Sie ist eine von uns“, sagt Yajaira, genau wie James DeVon. Ein Satz, den man hier in der Bronx immer wieder hört, wenn es um AOC geht.

Yajaira sagt das nicht nur, weil Ocasio Cortez in Washington die Stimme für die knapp 13 Millionen undokumentierten Einwanderer erhoben und einen raschen, unbürokratischen Weg zur Einbürgerung oder wenigstens zu legalem Aufenthaltsstatus gefordert hat. Sie sagt es auch, weil Ocasio Cortez auch nach vier Jahren in Washington nicht Teil des Washingtoner Establishments geworden ist.

Ocasio Cortez verfolgt im Kongress beharrlich ihre Ziele, die sich mit den Interessen der Menschen aus ihrem Bezirk decken. Sie fordert universelle Krankenversicherung und alle jene Dinge, die sie in ihrem „Green New Deal“ fest geschrieben hat – einer Blaupause für eine ökologische, gerechte Gesellschaft.

Dabei verbindet sie Idealismus mit Pragmatismus. Sie weiß, dass diese Dinge sich in der verkrusteten, durch Polarisierung gelähmten amerikanischen Politik nicht über Nacht realisieren lassen. Aber sie verliert sie nicht aus den Augen und nutzt jede Gelegenheit, um ihnen zumindest ein kleines Stück näher zu kommen.  „Ich bin kein naiver Hippie“, sagte sie jüngst bei einer Wahlkampfrede. „Ich komme von den Straßen New Yorks.“

So war es nicht zuletzt ihrer Beharrlichkeit zuzuschreiben, dass in Bidens Infrastruktur Gesetz 150 Milliarden Dollar für bezahlbaren Wohnraum enthalten sind – das vielleicht drängendste Problem in der South Bronx. Sie hat dafür gesorgt, dass die Covid Hilfszahlungen aus Washington doppelt so hoch waren, wie ursprünglich geplant. Sie hat persönlich in Washington auf der Straße demonstriert, als nach COVID das nationale Moratorium auf Zwangsräumungen endete. Und sie hat dem Bund sieben Millionen für Sozialprojekte in der Bronx abgerungen.

Vor allem tut sie jedoch eines, mit dem man sich in der Bronx identifizieren kann. Sie steckt ein und lässt sich nicht unterkriegen. Auch wenn sie zugibt, dass ihr alle Anfeindungen und  die beinahe täglichen Morddrohungen zusetzen.  Während des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar, als Teile des wütenden Mobs lautstark ihren Kopf gefordert hatten, habe sie gar geglaubt, sie komme nicht mehr lebend aus dem Gebäude heraus, sagt sie.

Doch Cortez steht immer wieder auf. Als der konservative Kongresskollege Ted Yoho sie auf den Treppen des Kapitols als „fucking bitch“ bezeichnete, stand sie am nächsten Tag im Parlament und hielt eine flammende Rede gegen Sexismus im politischen Establishment.

An einem kalten Novembermorgen nur Tage nach der Wahl steht eine lange Schlange in dicke Jacken vermummter Gestalten vor dem Eingang des „Bronx Housing Court“, des Gerichts, das im Bezirk Zwangsräumungen verhandelt. Nachdem das Moratorium gegen solche Räumungen in New York endgültig aufgehoben wurde und die Mietpreise in der Stadt mit der Rückkehr der berufstätigen Mittel- und Oberschicht explodierten, ist das Alltag hier am Grand Concourse, dem einstigen Prachtboulevard der Bronx. Seit Beginn des Jahres haben pro 1000 Mieteinheiten 50 Familien eine Räumungsklage erhalten. Es weht ein kalter Hauch der Verzweiflung über dem Boulevard.

Am selben Abend wendet sich Alexandria Ocasio Cortez per Instagram aus Washington an ihre Anhänger. Sie bedankt sich für das Vertrauen und spricht den Menschen Mut zu. Alleine die Mobilisierung von Wählern wie ihnen, jungen Wählern, Koalitionen von Minderheiten, der Beteiligung der Entrechteten am politischen Prozess sei es zu verdanken, dass die Republikaner und die Trump Wähler bei dieser Wahl nicht durchmarschiert seien.  Und dann hängt sie die Botschaft an, die aus ihrem Mund eben nicht blauäugig klingt, dass eine bessere, gerechtere Gesellschaft gar nicht so weit entfernt ist, wie man das angesichts der Tagespolitik und der Machtverhältnisse im Land noch immer glauben mag.

Cindy Turnbull steht vor dem Gericht am Grand Concourse, weil sie während Covid mit der Miete ins Hintertreffen geraten ist. Die Sozialarbeiterin hatte monatelang keine Arbeit. Jetzt hat die alleinerziehende Mutter einen zweiten Job angenommen aber die Schulden wird sie trotzdem nicht los. Doch Aufgeben ist für sie trotzdem keine Wahl. Sie wird die Räumungsklage anfechten. Und wenn sie verliert, zieht sie eben zurück in die Obdachlosenunterkunft, der sie erst vor zwei Jahren entkommen ist. „Ich kämpfe weiter“, sagt sie. „Was soll ich auch sonst tun.“ Schließlich ist Cindy  aus der Bronx.