Stadt ohne Maß und Ziel

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Das erste, was dem Besucher an New York auffällt, ist das Tempo. New York hat einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Beat. Es ist ein hektischer, rasanter, ein jazziger Beat.

 

Schnell, schneller, New York

Was dem Besucher an New York als Erstes auffällt, ist das Tempo. New York hat einen eigenen Rhythmus, einen eigenen Beat. Es ist ein hektischer, rasanter Jazz. In New York gibt es keinen Stillstand. Alles wird im Laufschritt erledigt, für Besinnung ist keine Zeit. Das kann betörend und aufregend sein. Es kann aber auch überwältigen. New York ist wie eine Welle, auf der man reiten kann. Wenn man sie erwischt und ihre Energie in sich aufsaugt, erlebt man ein unglaubliches Hochgefühl. Wenn nicht, wird man leicht von ihr überrollt.

Der hektische Beat entsteht durch den allgegenwärtigen Ehrgeiz der Stadt und seiner Bürger. Nach New York ziehen Menschen, die sich nicht leicht zufrieden geben, die nach mehr streben. Gleich, ob aus dem Mittleren Westen der USA oder aus dem fernen Osten Asiens: New York zieht Menschen an, die eine Herausforderung suchen, die von etwas getrieben sind.

 

Stadt ohne Maß und Ziel

Das war schon immer so – schon als Henry Hudson 1609 an der Mündung des Flusses, der später nach ihm benannt wurde, einen Handelsposten für die East India Trading Company errichtete. Die Kolonie, bald New Amsterdam genannt, zog Glücksritter aus der ganzen Welt an. Menschen, die bereit waren, alles aufzugeben und große Risiken auf sich zu nehmen für das Versprechen, die Reichtümer eines neuen Kontinents zu ernten. Und New York hielt dieses Versprechen oft genug. Im 18. und 19. Jh. machten kühne Unternehmer wie die Astors, die Vanderbilts und später die Rockefellers hier fantastische Vermögen. Und mit ihnen wurde die Stadt ihren Ambitionen gerecht. New York wurde erst das wichtigste Handelszentrum der USA, dann der größte Seehafen der neuen Welt. Und im 20. Jh. stieg die Stadt zur wichtigsten Metropole der Welt auf – dem bedeutendsten Zentrum von Finanz, Handel, sowie Kultur und Medien in der Moderne.

Die New Yorker Skyline kann als Symbol der Stadt gesehen werden, für die Bescheidenheit ein Fremdwort ist.  New York kannte noch nie Maß und Ziel. Das markanteste Gebäude der Stadt, das Empire State Building, wurde zu Beginn der 1930er-Jahre in nur 410 Tagen hochgezogen. Das explizite Ziel war es, den Konkurrenten, das Chrysler Building, zu übertrumpfen. Die beiden Art-déco-Türme bilden bis heute die Eckpfeiler der Silhouette dieser Stadt – sie sind der Stein gewordene Wille New Yorks, nach den Sternen zu greifen.

 

Stadt in der Krise

 

Die Tatsache, dass die damals höchsten Gebäude der New Yorker Skyline, die Zwillingstürme des World Trade Center, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht mehr stehen, ist freilich auch nicht frei von einer gewissen Symbolik. Das Attentat war auch ein Attentat auf das New Yorker Selbstbewusstsein. Nicht ohne Grund hat es mehr als 13 Jahre gedauert, bis das World Trade Center wieder aufgebaut war und das „Ground Zero“- Gelände bis heute nicht komplett wieder hergestellt ist. Der 11. September hat die atemlose Dynamik New Yorks spürbar gebremst.

 

Die Stadt ist im 21. Jahrhundert eine andere geworden. Sie zweifelt mehr, New York ist nachdenklich geworden. Zum 11. September hinzu kam die Wirtschaftskrise von 2008 und die Flut nach Hurricane Sandy 2012, bei der die Stadt eine Woche lang lahm gelegt wurde. New York fühlt sich heute verwundbarer und angreifbarer als je.

 

Bis zum Crash von 2008 erlebte New York eine goldene Ära. Die Wall Street boomte und mit ihr die ganze Stadt. Das Geld lag quasi auf der Straße für denjenigen, der bereit war, hart zu arbeiten. Und das sind New Yorker immer. Überall schossen neue Wolkenkratzer in den Himmel. Der Markt für Luxuswohnungen war unersättlich – an jeder Ecke ließen Investoren Edelapartmenthäuser von Stardesignern bauen. Das Angebot an 3- und 4-Sterne-Restaurants uferte aus – ein Geschäftsessen für 500 $ bei einem Starkoch war Alltag.

 

Auch die New Yorker Kunst profitierte von diesem Boom immens. 2004 eröffnete das Museum of Modern Art seinen spektakulären Neubau nach einer Renovierung von 858 Mio. $. Im Kunstviertel Chelsea tummelten sich beinahe 400 Galerien, denn das Verlangen nach Kunst war unersättlich. Bei den Frühjahrsauktionen der großen Auktionshäuser Sothebys und Christies wurden jährlich Rekordumsätze erzielt. Das Lincoln Center, die größte Bühne für klassische Musik und Ballett, baute eine neue Konzerthalle am Broadway für 900 Mio. $.

 

Nach dem September 2008 herrschte jedoch zunächst einmal eine Katerstimmung in New York, die bis heute nicht ganz verflogen ist. Die zum Begriff gewordene New Yorker Ambition schien an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Die Kehrseite des Wachstums wurde für jeden sichtbar. Die Krise verschärfte die extreme soziale Ungleichheit in der Stadt und legte sie bloß. Arbeitslosen- und Armutszahlen schossen in die Höhe, die Stadt geriet in ihre schwerste Obdachlosenkrise seit 40 Jahren.

 

Es war kein Zufall, das die Occupy Bewegung genau in dieser Zeit nur einen Steinwurf von der Wall Street entfernt ihre Zelte aufschlug und die soziale Ungerechtigkeit mit dem Slogan „We are the 99 percent“ auf die nationale Agenda setzte. Ebensowenig war es Zufall, dass die Stadt dann im Jahr 2012 den linksliberalen Bill de Blasio zum Nachfolger des konservativen Milliardärs Michael Bloomberg in das Bürgermeisteramt wählte. DeBlasio begreift sich als Demokraten am linken Ende des Spektrums. Er trat mit dem unmissverständlichen Wahlprogramm an, die soziale Ungleichheit in der Stadt, wenn nicht zu beseitigen, so doch zu mindern.

 

Viele hoffen nun, dass das überdrehte New York wieder ein wenig zu sich selbst findet. Diese Stimmen sagen, dass der Boom der vergangenen 15 Jahre New York zu sehr zur Stadt der Financiers und Reichen gemacht habe. Auf der Strecke geblieben seien dabei die Buntheit und Vitalität New Yorks. Die mittleren und unteren Einkommensschichten wurden in die Außenbezirke gedrängt, mit ihnen verschwand die ethnische Vielfalt und die Vielfalt der Lebensentwürfe aus Manhattan. Die Alternativen, die Künstler und Lebenskünstler verschwanden aus dem Stadtbild von Manhattan, das Zentrum werde heute all zu sehr von bravem Bürovolk bestimmt. Die vielen kleinen charmanten und extravaganten Läden wurden zunehmend durch Ketten ersetzt. Man sprach auch von der «Suburbanisierung New Yorks«.

 

Was natürlich bei all diesen Klagen niemand möchte, ist, dass die Kriminalität wieder zurückkommt. Bis zu Beginn der 1990er-Jahre war New York nämlich noch ein gefährliches Pflaster. Einmal überfallen oder ausgeraubt zu werden, gehörte zum Leben dort praktisch dazu. Seitdem Bürgermeister Rudy Giuliani in den 1990er-Jahren mit zum Teil rabiaten Methoden die Straßen ›aufgeräumt‹ hat, gehört New York zu den sichersten Städten der USA.

 

Die sicherste Großstadt der USA

 

In Manhattan kann man sich heute praktisch rund um die Uhr bedenkenlos durch die Straßen und durch die U-Bahn bewegen. Für Brooklyn, jedenfalls für die touristisch erschlossenen Viertel in Manhattan-Nähe (s. S. 69), gilt das Gleiche. Selbst in Harlem muss man sich nicht mehr um seinen Geldbeutel oder sein Leben sorgen, wenn man die etwas düsteren Sozialbausiedlungen meidet. Die 125th Street ist heute bis in die Morgenstunden ebenso sicher wie der Times Square. Und im Central Park, in den man früher nach Dunkelheit besser keinen Fuß mehr setzte, sind heute bis Mitternacht die Jogger unterwegs.

 

Der Preis der Sicherheit, da haben die Kritiker der Gentrifizierung (Aufwertung eines Wohngebietes) zweifelsohne Recht, ist, dass New York etwas weniger wild, anarchisch und chaotisch geworden ist – also etwas weniger new-yorkerisch. Das New York aus Filmen wie Martin Scorseses Taxi Driver, aus French Connection oder den Warriors, das New York, das FAZ-Korrespondentin Sabine Lietzmann Ende der Siebziger eine »wunderbare Katastrophe« nannte, gibt es nicht mehr.

 

Viertel wie das East Village, in denen eine Mischung aus dem Arbeitermilieu verschiedener Einwanderergruppen und Subkultur entstanden war, sind heute saniert und teuer und werden von einer weitgehend homogenen, gut verdienenden, meist weißen Mittelschicht bewohnt. Die kreative Energie, die damals Künstler wie Jean Michel Basquiat oder Keith Haring, Musiker wie Madonna und Lou Reed sowie Poeten wie Allen Ginsburg oder Jack Kerouac inspiriert hat, ist kaum mehr vorhanden.

 

Die Boheme-Szene hat sich weitestgehend nach Brooklyn in neue In-Viertel wie Williamsburg oder Bushwick verlagert. Dort gibt es sie noch, die innovativen Künstler-Kollektive, die Musikclubs, die Cafés und Kneipen. Aber die Zeit der großen neuen Ideen, die intellektuelle Aufbruchsstimmung der 1970er- und 1980er-Jahre ist vorbei, jene »einzigartige Spannung«, an die sich der Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Andrian Kreye, in seinem Bericht über seinen ersten New-York-Besuch so gern erinnert.

 

Wucht der Eindrücke

 

Langweilig ist New York aber deshalb noch lange nicht geworden. Aller Sanierung zum Trotz ist New York noch immer New York. Wenn man den Broadway hinunterläuft wird man immer noch innerhalb von zehn Minuten mehr Eindrücken und Reizen ausgesetzt sein, als an jedem anderen Ort der Welt: hier der arabische Straßenhändler, der Hotdogs mit Sauerkraut verkauft, dort der orthodoxe Jude, der mit seinem Kollegen an der Ecke steht und über Geschäfte redet; eben noch die sündhaft teure Prada-Boutique und jetzt hier eine chinesische Apotheke, aus welcher der Geruch mysteriöser getrockneter Kräuter und Wurzeln strömt; dort ein Spielplatz, auf dem schwarze Jugendliche unglaublich gut Basketball spielen und hier ein Radkurier, der sich mit 50 Stundenkilometern kamikazehaft durch den laut hupenden Verkehr schlängelt. Wen die Wucht dieser Eindrücke nicht in Euphorie versetzt, der hat definitiv das falsche Reiseziel gewählt.

 

Auch wenn die Gentrifizierung der letzten Jahre zu einer gewissen Vereinheitlichung geführt hat – New York ist noch immer durch ein intensives Nebeneinander von Menschen verschiedenster Herkünfte und Lebensweisen geprägt, das es in dieser Dichte nirgendwo sonst gibt: Auf den Straßen New Yorks sieht man die Gesichter der ganzen Welt.

 

Schmelztiegel der Kulturen

 

New York hat sich schon immer dadurch ausgezeichnet, dass es jeden mit offenen Armen willkommen heißt, der mutig genug ist, hier sein Glück zu versuchen. Schon New Amsterdam war eine kosmopolite Mischung aus belgischen und holländischen Hugenotten, afrikanischen Sklaven, englischen und französischen Siedlern und Juden, die aus Südamerika geflohen waren. Niemand wurde ausgegrenzt, wenn er nur zum Wachstum des Handelspostens beitrug. »New Yorker«, sagt der Stadthistoriker James Sanders, »haben sich von Beginn an darauf geeinigt, dass sie sich mit Fremden nicht anfreunden müssen, um koexistieren zu können. Der New Yorker sagt sich, wenn ich mit diesem Menschen ein Geschäft machen kann, dann komme ich mit ihm schon zurecht.

 

«Diese Offenheit macht bis heute die Seele der Stadt aus. Die Einwandererviertel sind vielleicht nicht mehr in Manhattan, aber es gibt sie noch. Die orthodoxen Juden pflegen in Brooklyn ebenso ihre Bräuche wie die Senegalesen in Harlem, die Kolumbianer in Jackson Heights, die Griechen in Astoria, die Kantonesen in Flushing, die Dominikaner in Washington Heights, die Araber von Sunset Park und die Russen in Brighton Beach. 

 

Es wäre sicher schön, wenn diese Buntheit auch wieder stärker in Manhattan Fuß fassen würde, wenn die Einwanderer- und die Künstlerviertel aus dem Exil der Außenbezirke zurückkämen. Noch hat die Rückwanderung nach Manhattan aber nicht begonnen. Eine andere erfreuliche Auswirkung der Krisen in den vergangenen Jahren macht sich allerdings bereits bemerkbar: Die unbändige New Yorker Ambition, die anerkennen musste, dass sie an ihre Grenzen gestoßen ist, hat die Nachhaltigkeit entdeckt.

 

Umwelt

 

Das sieht man alleine schon an der neueren Architektur der Stadt. Die neueren Bauten, abgesehen vom neuen World Trade Center, sind weniger gigantomanisch, dafür intelligenter und interessanter. Gebäude wie der neue Turm des Zeitschriftenverlegers Hearst oder das preisgekrönte New Museum of Contemporary Art zeichnen sich nicht so sehr durch ihre Größe aus, als durch ihren Ideenreichtum.

 

Aber auch für die ökologische Nachhaltigkeit hat New York einiges getan.  De Blasios Vorgänger Michael Bloomberg hat einen ehrgeizigen Plan vorgelegt, mit dem er New York bis 2030 zur grünsten Stadt der USA machen und den CO2-Ausstoß um 30 % reduzieren möchte. Die ersten Schritte dazu sind schon gemacht und De Blaiso hat gelobt, das Programm weiter zu führen. Die Stadt hat Hunderte von Kilometern an Radwegen anlegen lassen sowie weitere Baumaßnahmen getroffen, um das Radfahren in New York sicher und bequem zu machen. Hunderttausende New Yorker Bürger fahren heute schon mit dem Fahrrad zur Arbeit und seit 2013 gibt es ein gut funktionierendes Leihrad-Programm.

 

Bloomberg hat des Weiteren die Bauvorschriften im Sinne der Energieeffizienz massiv verschärft und Steuererleichterungen für die ökologische Umrüstung der Wolkenkratzer geschaffen. Die Stadt gibt Millionen Dollars für die Begrünung von Brachflächen und die Anlage neuer Parks aus. Die 900 Kilometer Uferlinie innerhalb des Stadtgebiets sollen nachhaltig umgestaltet werden, um einer erneuten Flut wie im Jahr 2012 nach Hurricane Sandy widerstehen zu können.

 

Man hat ein hocheffizientes Recyclingprogramm geschaffen und besteuert den Kauf von Plastiktüten. Die Taxi-Flotte besteht heute schon zu 30 % aus Hybridautos und rund um den Times Square ist eine verkehrsberuhigte Zone entstanden, um den Autoverkehr in der Stadtmitte zu reduzieren.

Dabei hat der Geschäftsmann Bloomberg – er war im Zivilleben Chef eines Medienkonzerns – seine grüne Agenda so angelegt, dass sie die Wirtschaft stimuliert und Arbeitsplätze schafft. Bloombergs »PlaNYC« soll dauerhaft neue Arbeitsplätze schaffen und die Ökotechnologie-Branche in der Stadt verankern.

 

DeBlasio will all das zu Ende führen, während er die Stadt gleichzeitig für einfache Leute wieder bewohnbar macht. Das New York der Zukunft soll eine Stadt sein, in der Menschen aller Schichten eine hohe Lebensqualität finden. Bis dahin ist allerdings noch einiges zu tun.

 

 

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