Freitag, 20 November 2015

Ta-Nehisi Coates gewinnt den National Book Award

Posted in email aus New York

Amerikas schlechtes Gewissen

Ta-Nehisi Coates fühlt sich offensichtlich nicht wohl in der Rolle, die ihm zugewiesen wird, der des „Erklärers des schwarzen Amerika“, wie er es jüngst bei einer Veranstaltung an einem schwarzen College in New York ausdrückte. Er mag es nicht, derjenige zu sein, der dem liberalen, weißen Mainstream die Befindlichkeit der afroamerikanischen Minderheit erläutert.

Und doch kommt der Essayist aus der Rolle nicht heraus. In dieser Woche wurde ihm der National Book Award verliehen, einer der prestigeträchtigsten Preise der amerikanischen Literatur. Gestiftet wird der Preis von der Vereinigung amerikanischer Verleger und Buchhändler. Coates erhielt die Auszeichnung für sein Buch „Between the World and Me“ – einem persönlichen Essay in Buchlänge darüber, was es bedeutet als schwarzer Mann in Amerika aufzuwachsen und zu leben.

Coates’ Dankbarkeit für die Auszeichnung hielt sich jedoch in Grenzen, es war ihm offensichtlich unbehaglich dabei vom weißen Kulturestablishment als Vorzeige-Bürgerrechtler herum gereicht zu werden. Und so nutzte er seine Dankesrede auch nicht zu Höflichkeiten. Stattdessen ließ er den Ballsaal in Washington einmal mehr seinen Zorn über den tief sitzenden, alles durchdringenden Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft spüren.

Coates widmete den Preis seinem Freund Prince Carmen Jones, einem Kommillitonen an der Howard University in Washington. Jones wurde am 1. September 2000 von einem verdeckt ermittelnden Polizisten erschossen. Man hatte ihn mit einem Verdächtigen in einer Drogenfahndung verwechselt. Doch Coates ließ den Tod des Freundes nicht einfach als Versehen durchgehen. Vielmehr sah er darin die Grundeinstellung in den USA, „dass Schwarze irgendwie eine Disposition zur Kriminalität haben.“ Und diese Grundeinstellung erlaube es ihm nicht, seinem Sohn  in die Augen zu schauen und ihm zu versichern, „dass alles gut wird, dass ihn nicht das gleiche Schicksal ereilt wie sein Freund.“

Die Grundeinstellung in den USA, dass Afro-Amerikaner Kriminelle sind, ist auch das Thema von Coates’ letztem  Werk gewesen. In der Oktober-Ausgabe des Atlantic Monthly beschreibt er  in einem langen Aufsatz die Zerstörung afroamerikanischer Familienstrukturen durch die Praxis der Massen-Inhaftierung. Die Massen-Inhaftierung schwarzer Männer, so legt Coates in dem Stück ausführlich dar, macht es  faktisch für afroamerikanische Familien unmöglich, aus der Asozialität jemals heraus zu finden und produktive Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft zu sein.

Das Argument ist nicht neu, die Soziologin Michelle Alexander hat bereits vor zehn Jahren in Ihrem Buch „The New Jim Crow“ dar gelegt, dass die Praxis der Massen-Inhaftierung von Afro-Amerikanern ein Instrument ist, dass dazu dient, eine permanente schwarze Unterschicht zu bilden, die von der Teilhabe der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen bleibt.

 Neu ist an Coates Stück vielmehr, wie detailreich er aufzeigt, dass sich die Kriminalisierung von Afro-Amerikanern zum Zweck der sozialen Kontrolle als roter Faden durch die gesamte amerikanische Geschichte zieht. Insbesondere der schwarze Mann war schon immer als potenzieller Vergewaltiger, Drogenabhängiger und Mörder stigmatisiert, vollkommen unabhängig von der Institution der Sklaverei.

Damit klagt Coates vor allem auch die vermeintlich liberalen Nordstaaten an. Im gesamten 20. Jahrhundert – und nicht erst seit dem „Krieg gegen die Drogen“, der in den 70er Jahren zur offiziellen Politik wurde und der zum heutigen „carceralen Staat“ führte, wie Coates ihn nennt -  wurde im Norden fleißiger verhaftet und Kriminalisiert als im Süden. Dort war die soziale Kontrolle durch das polizeilich abgesicherte Apartheids-System auch ohne das Wegsperren großer Bevölkerungsteile gewährleistet.

Die Argumentationsweise in Coates Aufsatz gleicht derjenigen in vorangegangenen Werken. In seinem letzten großen Stück im Atlantic hatte er die Ghetto-Bildung  in Amerika untersucht. Auch hier hatte er die systematische Exklusion der schwarzen Bevölkerung aus der amerikanischen Gesellschaft aufgezeigt. Zur Wohnsegregation kam der Ausschluss von staatlicher Wohnungsförderung. Schwarze Familien wurden Opfer von betrügerischen Kreditgebern und Vermietern. Der soziale Aufstieg, den seit den 40er Jahren die weiße Unter- und Mittelschicht massenhaft erfuhr, war für Afro-Amerikaner unmöglich.

So ist Ta-Nehisi Coates zur vielleicht unbequemsten schwarzen Stimme in Amerika geworden. Er untermauert seine Behauptung der systematischen, institutionellen Unterdrückung der Afro-Amerikaner mit gründlicher Recherche und unumstößlichen Fakten. Seine Klage, dass Amerika ein zutiefst rassistisches Regime ist, ist nur sehr schwer vom Tisch weg zu wischen.

Dass das Kulturestablishment ihn nun dennoch zu seinem Liebling erkoren hat verwundert Coates eher, als dass es ihm Genugtuung verschafft. „Ich wundere mich immer, warum weiße Leute überhaupt meine Bücher lesen.“  Die Plattform, die der Erfolg ihm bietet, nutzt Coates jedoch gerne – um unermüdlich seine Forderung nach Gerechtigkeit zu wiederholen. 

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