Freitag, 30 Januar 2015

Der Streit um American Sniper

Posted in email aus New York

Militaristisches Propagandawerk oder einfühlsame Charakterstudie

In einem seiner letzten Interviews vor seinem  tragische Tod durch die Kugel eines Mit-Veteranen,wurde Chris Kyle gefragt,  ob es ihm etwas ausmache, wenn Leute ihn als blutrünstige Bestie betrachten. „Es ist mir ehrlich gesagt egal, was die Leute von mir denken“, antwortete Kyle, der mit 160 getöteten Gegnern im Irak als tödlichster Scharfschütze der amerikanischen Militärgeschichte zweifelhaften Ruhm erlangte. „Ich habe meine Freunde und ich suche nicht nach neuen.“

Ähnlich dürfte es Clint Eastwood gegangen sein, als er sich der Biografie von Chris Kyle annahm, um sie in ein Hollywood-Epos zu verwandeln, das er zudem mitten in die Oscar Saison platzierte.  Ein Drama über eine Dirty Harry Figur in Uniform, die in den Irak fliegt um rücksichtslos die Bösen abzuknallen, das muss Eastwood klar gewesen sein, würde die Gemüter in den USA hockkochen lassen. Gebremst hat das die Hollywood Legende mit bekanntermaßen reaktionären politischen Ansichten freilich nicht.

Natürlich kam es so, wie es kommen musste. Seit „American Sniper“ am vergangenen Wochenende in die amerikanischen Kinos kam, spaltet der Film das Land entlang der vertrauten Demarkationslinien. Die konservativen Stimmen sind Eastwood dankbar, dass er den amerikanischen Helden im Irak, die von der linken Kritik so in den Schmutz gezogen werden, ein Denkmal gesetzt hat. Die Linke hingegen prangert an, dass der Film den Irak Krieg in einen Hollywood-gerechten Kampf zwischen Gut und Böse verwandelt, in dem es keinerlei moralische Zweifel gibt.

Das Bedürfnis danach, im Irak-Konflikt etwas Gutes und Gerechtes zu finden und eine Figur, die das verkörpert, war offensichtlich groß im Land. Alleine am Eröffnungswochenende spielte American Sniper, der für sechs Oscars nominiert ist,  105 Millionen Dollar ein. Damit ist er bislang bei weitem der erfolgreichste Film der Saison.

Die üblichen Verdächtigen auf der konservativen Seite feiern diesen Kassenerfolg als Affirmation ihrer Weltsicht. Sarah Palin nannte den Film, „eine akkurate Darstellung wahrhaftigen Heldentums“ und bedankte sich bei Clint Eastwood, sich nicht dem feigen liberalen Klima in Hollywood zu beugen.

Der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich, für seine Streitbarkeit in kulturellen Angelegenheiten berüchtigt, legte sich mit Michael Moore an, der seinerseits Chris Kyle auf Twitter als „Feigling“ bezeichnet hatte. „Moore sollte einmal ein paar Wochen mit ISIS verbringen, dann würde er vielleicht unsere Helden zu schätzen lernen.“

Die Kritik des Films auf der Linken, war nicht weniger bissig. Seth Rogen, der die Hauptrolle in der Skandal-Satire „The Interview“ gespielt hat, verglich „American Sniper“ mit Nazi Propaganda. Der Kritiker des Rolling Stone, Matt Taibbi, nannte Eastwoods Film dumm und gefährlich. „Er verwandelt die Diskussion um den Irak in die Betrachtung eines einzelnen Charakters anstatt über die Rumsfelds und Cheneys zu sprechen, die Leute wie Chris Kyle auf Dächer im Irak gebracht haben, wo sie auf Frauen und Kinder schließen müssen.“

Immerhin gesteht Taibbi Eastwood zu, dass er Chris Kyle seiner politischen Neigungen zum Trotz als problematischen, ja gequälten Charakter zeichnet. Eastwoods Kyle ist eine komplizierte Figur, er ist alles andere als ein durch und durch verhärteter Cowboy, der ins Indianerland zieht um zu tun, was er eben tun muss.

Kyle ist sicherlich zunächst ein Vorzeigesoldat, zutiefst überzeugt von der Mission im Irak. Er glaubt daran, dass er dort Wertvolles tut, um seine Familie zu beschützen und sein Vaterland zu verteidigen. Und er glaubt daran, dass er  nichts tut, als seine Pflicht zu erfüllen, indem er „die Bösen abknallt, um unsere Jungs zu beschützen.“

Doch das Weltbild des einstigen texanischen Rodeoreiters bekommt mit jedem Einsatz im Irak mehr Risse. Je mehr seiner Kameraden sterben und je mehr sein Familienleben zuhause zerbröckelt, desto zerrissener wird Kyle. Seine Motivation als Krieger wird immer persönlicher. Es geht immer mehr darum, seine Kameraden zu schützen und zu rächen und immer weniger um einen abstrakten Patriotismus.

In einer Schlüsselszene sagt Kyle seiner Frau, dass ein Kamerad von ihm gestorben sei, weil er angefangen habe, an der Mission und am Sinn des Krieges zu zweifeln. Kyle ist letztlich eine tragische Figur, er hält verbissen und stur am Glauben an diesen Krieg fest, weil er glaubt, dass es die einzige Art und Weise ist, dort zu überleben.

Es ist keine Botschaft die den Krieg verherrlicht und schon gar nicht diesen spezifischen Krieg. Eastwood hat einen wesentlich komplizierteren Film gemacht, als das ihm die Betrachter der verschiedenen politischen Lager zugestehen wollen, die das Werk als Projektionsfläche für ihre jeweilige Agenda benutzen. In der entscheidenden Schlachtszene gegen Ende des Films weht ein großer Sandsturm über Sadr City im Irak, weder die Kombattanten noch die Zuschauer können noch erkennen, wer auf wen schießt und warum. Es ist eine wunderbare Metapher für die unauflösbaren, undurchdringlichen Komplexitäten dieses Konflikts.

Natürlich kann man, wie der Rolling Stone, Eastwood vorwerfen, überhaupt einen Film über eine Figur wie Kyle gemacht zu haben und dass er dabei den politischen Kontext völlig ausblendet. Doch selbst dann muss man zugeben, dass die Figur Chris Kyle eine überaus spannende Figur ist. Ob er ein Held ist oder nicht ist bei deren Betrachtung nicht die Frage, die Eastwood wirklich interessiert. Die Diskussion darüber hat wenig mit dem Film zu tun, dafür jedoch um so mehr mit der politischen Befindlichkeit des Landes. 

Blog-Posts

Go to top