Montag, 21 März 2016

Wiedergeburt eines Denkmals

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Das Metropolitan Museum zieht in den Marcel-Breuer Bau an der Madison Avenue

Das Gebäude an der Madison Avenue ist bis heute ein Schocker, man kann nachvollziehen, warum es zu seiner Eröffnung vor 50 Jahren nach den Worten der Kunstkritikerin Ada Louise Huxtable, „das am meisten gehasste Haus von New York“ war. Zwischen den sorgfältig restaurierten Queen Anne Villen der Upper East Side nimmt sich der strenge Betonbau von Marcel Breuer aus, wie eine Befestigungsanlage an der Atlantikküste in den 1940er Jahren.

Und doch haben die New Yorker den Breuer Bau mit seiner brutalistischen Wucht, der bis vor zwei Jahren das Whitney Museum of American Art beherbergte, in ihr Herz geschlossen. Die New Yorker haben zunehmend gelernt, die gewagte architektonische Geste von Breuer  wert zu schätzen, sie sind, wie Huxtable schrieb, langsam auf den Geschmack gekommen, „so wie auf den Geschmack von Oliven oder warmem Bier.“

Breuers Bekenntnis zur Moderne und der Wille zur Provokation entsprach dem Selbstverständnis des Whitney Museums, das sich nun jedoch eine zeitgemäßere massentaugliche Heimat im schicken Meatpacking District gegönnt hat. An diesem Wochenende zieht dafür das Metropolitan Museum mit seinem Ableger für zeitgenössische Kunst in den Breuer Bau, mit dem erklärten Ziel, den ursprünglichen Geist des Hauses wieder aufleben zu lassen.

Das Bäumchen Wechsel-Dich der New Yorker Museen kommt einer bedeutsamen Umschichtung der Kunstlandschaft hier gleich.  Das Whitney hat sich mit seinem Umzug in den Renzo Piano-Bau Downtown in die Ränge der Großen eingereiht, um wie das MoMa oder das Metropolitan Museum seine enorme Sammlung einer maximalen Besucherzahl zugänglich zu machen. Das Metropolitan macht mit seiner kostspieligen Anmietung des Breuer Baus hingegen seine Ambitionen dingfest, auf dem Spielfeld der zeitgenössischen Kunst mitzumischen, mit der sich das lexikalische Supermuseum bislang nur zurück haltend beschäftigt hat.

Es ist eine fantastische Gelegenheit für die New Yorker Kunstszene. Wie der Kunstkritiker Jerry Saltz bemerkte, verfügt kein anderes Museum über ähnliche Ressourcen, wie das Metropolitan Museum, dem sowohl an Objekten aus allen Epochen, als auch an finanziellen Mitteln reichsten Museum der Welt. Mit dem Breuer Bau bekommt das Met nun Räume, die dazu einladen konzentrierte und potenzielle bahnbrechende Ausstellungen zu inszenieren.

Das wäre ganz im Geist des alten Whitney, das sich stets als Labor verstanden hat. Kern des Whitney-Programms war immer die Biennale, in der sich das Museum die Aufgabe gestellt hat, einen Über- oder zumindest Einblick über die aktuelle Kunstszene zu geben. Die Ausstellungen waren oft anarchisch und turbulent, es kam nie vor, dass sie keine Diskussionen auslösten.

Diesen Anspruch hat auch die Eröffnungsausstellung des neuen Museums, das sich nun „Met Breuer“ nennt, um deutlich zu machen, wie zentral die Architektur für das Konzept des Hauses ist. Doch die Ausstellung wird der Ambition nur eingeschränkt gerecht.

Unter dem Titel „Unfinished“ verspricht das Met im neue Breuer Bau eine Erforschung dessen, was es bedeutet, ein Kunstwerk wirklich fertig zu stellen. Dabei spannt das Met aus dem Reichtum seiner Sammlung einen Bogen von 500 Jahren.

Die Geste ist durchaus couragiert. Zwischen den strengen Betonwänden des Breuer Baus, werden Werke von Tizian über Van Gogh bis hin zu Jackson Pollack und Eva Hesse zusammen gezeigt. Laut einstimmigem Tenor der Kritik ist den Kuratoren jedoch auf halbem Wege der Mut ausgegangen.

Anstatt durch wirkungsvolle Gegenüberstellungen wirklich der durch und durch modernen Idee des unvollendbaren Kunstwerks  auf den Grund zu gehen, hat das Met Breuer letztlich eine brave chronologische Darbietung von Meisterwerken abgeliefert. Wirklich zum Philosophieren lädt das nicht ein. Mehr noch, die Auswahl bewegt sich innerhalb der abgesicherten Grenzen des abendländischen Kanons, obwohl die Sammlung der Met weite Ausflüge in andere Kulturen leicht ermöglicht hätte.

Doch es ist ein Anfang gemacht, in New York eine Museumsform wieder  zu beleben, die im Zeitalter der Mega-Häuser und der Blockbuster Ausstellung vom Aussterben bedroht ist: Das kleine aber dennoch wohl finanzierte Museum, das sich als Ideenlabor versteht. Das Met Breuer ist der ideale Ort dafür, die Schirmherrschaft des Metropolitan bietet dafür ideale Bedingungen. Man darf auf die kommenden acht Jahre – die vorläufige Dauer des Mietvertrags zwischen Whitney und Met – gespant sein.

Montag, 07 März 2016

Die Vier.Milliarden Dollar U-Bahn Station

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New Yorks neue Attraktion am Ground Zero

Es wird keine Reden geben am Ground Zero an diesem Dienstag, es werden keine Fahnen wehen und der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio wird nicht feierlich ein rotes Seidenband durchschneiden. Die Eröffnung des bei weitem spektakulärsten Neubaus an der Stelle der Angriffe des 11. September wird still von sich gehen, der enorme Pendlerbahnhof von Santiago Clatrava, dessen stählernes Flügeldach sich schon seit Monaten monumental über das untere Manhattan spant, wird einfach in Betrieb genommen.

New York ist  nach 15 Jahren der Zeremonien an dieser Stille müde geworden, die 9/11-Pietät hat sich abgenutzt. Zudem rechnet man das Projekt der Ära von Bürgermeister Michael Bloomberg zu, dem sein Nachfolger Bill De Blasio bekanntermaßen nicht eben freundschaftlich zu getan ist.

Der entscheidende Grund für die Zurückhaltung dürfte allerdings die massive Kritik sein, die sich der Bau seit der Präsentation der ersten Pläne vor rund 12 Jahren eingehandelt hat. Vier Milliarden Dollar hat der Spaß gekostet, mit dem sich Star-Architekt Santiago Calatrava an einer Stelle ein Denkmal gesetzt hat, die prominenter nicht sein könnte. „Und das in einer Zeit, in der es an Radiergummis für Schulkinder mangelt“, wie der Architekturkritiker der New York Times, Michael Kimmelmann, bemerkte.

Vier Milliarden ist derselbe Betrag, den das benachbarte neue World Trade Center Nummer Eins gekostet hat, eigentlich das Kernstück der Neubebauung des Grundstücks. Warum die Port Authority, die Regierungsbehörde, der das Areal gehört, für die Bahnstation ebenso viel Steuergelder ausgegeben hat, ist im Nachhinein allen Beteiligten jedoch eher rätselhaft.

Die logistische Bedeutung des Bahnhofs rechtfertigt die Kosten jedenfalls nicht. Der Bahnhof dient dem alleinigen Zweck, rund 44,000 Pendler aus New Jersey mit dem U-Bahn Netz der Stadt zu verbinden. New Yorks großer Prunkbahnhof, der Grand Central Terminal, befördert täglich fünf Mal so viele Menschen, dessen Sanierung vor rund 20 Jahren hat jedoch weniger als die Hälfte gekostet.

Allerdings sieht man dem Calatrava- Bau auf Anhieb auch an, dass es um Pragmatismus hier nicht gehen kann. Die beiden enormen Dach-Flügel, Oculus genannt, die sich überirdisch über den Ground Zero Campus spareozen, künden vor allem von einem: Von Ambition. Calatrava hat die Stahlflügel, die er bereits bei seinem Museumsbau in Milwaukee angewendet hat, als Symbol für die Wiedergeburt von Ground Zero und des südlichen Manhattan bezeichnet. Ebensosehr stehen sie jedoch für den kollektiven Willen zur Monumentalität, der bei der Neuplanung des Geländes unter der Federführung von Daniel Libeskind geherrscht hat.

Die Port Authority, damals, wie jüngst das New York Magazine schrieb, „vom Geist des Stolzes und des Trotzes beseelt“, verliebte sich sofort in den Entwurf, den Calatrava 2004 in einer theatralischen Präsentation vorstellte. Calatravas Persönlichkeit, den der damalige Direktor der Port Authority als „Da Vinci unserer Zeit“ bezeichnete, in Verbindung mit der Grandiosität des Designs, passte genau zu den Fantasien, die man bei der Port Authority für das Gelände hegte.

Nun hat man nach langen Verzögerungen und Budgetüberschreitugen das bekommen, was man sich gewünscht hat. Das Erlebnis des neuen Baus ist unbestritten atemberaubend. Die tiefgelegte, riesige gewölbte Halle, in der sauberen , hellen Ästhetik eines Apple Store gehalten, inszeniert gelungen durch die Dachfenster die neuen Wolkenkratzer des Areals. Von Außen dominiert das überdimensionierte Gebilde – die technische vielleicht komplizierteste Struktur, die je gebaut wurde, jedoch ganz eindeutig die gesamte Gegend.

Der Oculus ist eine Skulptur im Hochhausformat und jetzt schon der Blickfang von Ground Zero. Calatrava hat damit alle seine prominenten Kollegen, die am Ground Zero bauen durften, übertrumpft, gleich ob das Libeskind war, Sir Norman Foster, Maki oder Kohn, Pedersen, Fox.

Daraus, dass er Ground Zero die Krone aufsetzen wollte, hat Calatrava allerdings auch nie einen Hehl gemacht. Und irgendwie hat er es geschafft, im Klima nach dem 11- September die Behörden dazu zu bewegen, seinen Ehrgeiz zu finanzieren. So verkörpert der Bau auch, wie die New York Times schrieb, „das toxische Klima der Zeit nach 9/11, als praktische Überlegungen aus dem Fenster flogen, Hurra-Patriotismus regierte und Egoismus sanftere Stimmen erstickte.“

Calatrava selbst sieht das freilich anders. Er bezeichnete jüngst gegenüber dem New York Magazine seinen Bahnhof als Geschenk an die Stadt. So wie der Grand Central Terminal vor 100 Jahren, so Calatrava, werde sein Bahnhof mit seiner Extravaganz täglich das Leben von Hunderttausenden bereichern.

Da widerspricht ihm kaum jemand. Allerdings fragen sich heute viele, ob das wirklich vier Milliarden wert war. „Wenn wir uns das heute betrachten würden“, sagt der heutige Direktor der Port Authority, Patrick Foye, diplomatisch, „würden wir vielleicht zu einem anderen Urteil darüber kommen, wie am besten das Geld am Ground Zero ausgegeben wird.“ Doch dafür ist es nun zu spät. Insofern bleibt New York nur noch übrig, die Calatrava-Show am Groud Zero zu geniessen.

Mittwoch, 16 Dezember 2015

The Big Short

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Filmemmacher Alan MacKay will Amerika endlich dazu bringen, sich ernsthaft mit den Ursachen der Finanzkrise zu beschäftigen

 

Hillary Clinton hatte gehofft in diesem Wahlkampf zumindest vorübergehend das Thema wechseln zu können, weg von Donald Trump, Islamophobie und Terror-Paranoia. Doch es wollte ihr niemand so recht zu hören.

In einem ausführlichen Stück auf der Meinungsseite der New York Times legte Clinton in der vergangenen Woche ihre Pläne dar, endlich die Finanzbranche wirkungsvoll an die Leine zu legen. Sie formulierte Gesetzesentwürfe aus, die tatsächlich verhindern, dass eine Katastrophe wie 2008 nicht noch einmal geschieht und die es möglich machen, endlich die Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft zu ziehen. Doch  Amerika, so scheint es, beschäftigt sich lieber mit dem Schreihals Trump und seinen Parolen, als mit den Mechanismen, die beinahe die Weltwirtschaft zum Absturz gebracht hätten.

Genau dieser Unwille, sich wirklich mit 2008 auseinander zu setzen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, verstört den Filmproduzenten Adam MacKay schon lange.  „Er ist seit Jahren völlig verstört davon, dass die Landschaft immer noch die gleiche ist. Dass wir zu beschäftigt sind, um inne zu halten und uns zu fragen, was da eigentlich passiert ist“, sagte jüngst sein Geschäftspartner, der Komiker Will Farrell, in einem Interview mit dem New York Magazine.

Als Mitbegründer der Chicagoer Comedy Truppe „Upright Citizens Brigade“ ist MacKay fest in der Tradition des politischen Kabaretts verankert.. Seine beiden letzten Filme „The Other Guys“ und „The Campaign“ hatten bereits versucht, die Darstellung von Korruption mit Humor zu verbinden. Aber für den Stoff des größten Falles von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der USA hatte ihm lange Zeit das passende Format gefehlt.

Ein Grund für sein Zögern war die Tatsache, dass bisherige Filme über die Finanzkrise von 2008 nie den gewünschten Effekt hatten, nämlich, dass „wir einigen unbequemen Tatsachen ins Auge sehen und unseren Way of Life in Frage stellen“, wie MacKay jüngst sagte. Das hatte weder der Spielfilm Magin Call über die letzten Stunden von Lehmann geschafft noch etwa der Dokumentarfilm „Inside Job“.

Um demselben Schicksal wie diese Filme zu entgehen, wählte MacKay sein bevorzugtes Mittel – die Komödie. Und so ist „The Big Short“, der am vergangenen Wochenende in den USA einen begrenzten Kinostart hatte, neben ChiRaq von Spike Lee über die Waffengewalt in Amerika bereits der zweite Film der Saison, der einem sehr schweren Thema versucht mit Humor und Ironie zu begegnen.

Für den Humor sorgt schon alleine die Prämisse. Auf der einen Seite hat man in  „The Big Short“ die Bank-Manager in ihren teuren Anzügen und ihrem autoritativen Gehabe, die behaupten alles unter Kontrolle zu haben, die jedoch, wie der Zuschauer natürlich weiß, schon lange den Überblick verloren haben. Auf der anderen Seite hat man eine kleine Gruppe von Wall Street Außenseiter wie den exzentrischen Hegdefondmanager Michael Burry, der mit Sandalen durch sein Büro schlurft, die schon lange vor dem Crash das ganze marode Spiel durchschauen.

Natürlich bleibt einem das Lachen darüber im Hals stecken. Die vermeintlichen „Helden“ des Stücks sind alles andere als heldenhaft. Sie durchschauen das Spiel, wetten gegen die Weltwirtschaft und profitieren am Ende selbst massiv von der Misere von Millionen ihrer Landsleute. In „The Big Short“ gibt es, wie im wahren Leben, keine Guten. Niemand hat die moralische Festigkeit, um aus dem bösen Spiel auszusteigen.

Ein großes Verdienst des Films ist es unterdessen, wie er, wiederrum mit Humor, die extreme Komplexität entwirrt, die schon seinerzeit verhindert hat, dass eine breite Öffentlichkeit wirklich die Kriminalität und das Ausmaß dessen versteht, was an den Finanzmärkten gespielt wurde. So erklärt „Wolf of Wall Street“-Star Margot Robbie, nackt in der Badewanne Champagner schlürfend, was genau ein Credit Default Swap ist, Selena Gomez spielt in einem Casino in Las Vegas vor, was passiert wenn CDOs (Credit Default Obligations) implodieren und Star Koch Anthony Bourdain vergleicht in einem ähnlichen Exkurs das gleiche Produkt mit altem Fisch, den er trotz seiner Fauligkeit noch zu Geld macht.

Das alles ist sehr wirksam und die Zuschauerzahlen am Wochenende des begrenzten Kinostarts machen Hoffnung, dass es doch den einen oder anderen in den USA mitten im Weihnachtstrubel interessiert, wie marode das Welt-Finanzsystem war und um Großen und Ganzen immer noch ist.  Dass dadurch endlich der nationale Diskurs weg von den Spiegelfechtereien eines Donald Trump und hin zu den wirklichen Themen führt, muss jedoch wohl ein frommer Weihnachtswunsch bleiben.

Donnerstag, 17 September 2015

Obdachlosenkrise in New York

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Bürgermeister deBlasio unter Druck

Bill deBlasio hat es nicht leicht gehabt in den ersten anderthalb Jahren seiner Amtszeit als Bürgermeister von New York, die Ereignisse haben den vermeintlichen Reformer von Anfang an in die Enge getrieben. Zuerst musste der bekennende Linksliberale sich mit der Polizeigewalt gegen Minderheiten auseinandersetzen, dann wurde ihm vorgeworfen, konservativ und verklemmt zu sein, als er Nacktdarstellerinnen vom Times Square verjagen wollte.

Die Presse, die DeBlasio in den vergangenen Wochen bekommt, dürfte ihn jedoch besonders schmerzen.  Das Boulevardblatt New York Post hat Titelseiten mit öffentlich urinierenden Obdachlosen veröffentlicht und DeBlasios Vorvorgänger Giuliani, der selbsternannte Held des 11. September, kritisiert ihn, wo er nur kann, dafür, eine „neue Krise“ der Wohnsitzlosen in der Stadt erzeugt zu haben.

Für den Politiker, der angetreten ist, die soziale Ungleichheit in der Stadt zu beseitigen oder zumindest zu lindern sticht diese Kritik besonders. Zumal DeBlasio explizit gelobt hatte, die katastrophale Obdachlosenpolitik seines Vorgängers umzukehren und die Zehntausenden von Wohnungslosen der Stadt in würdige Lebensumstände zu überführen.

Tatsächlich ist die Optik nicht gerade vorteilhaft für DeBlasio. In diesem Sommer erreichte die Anzahl der Menschen, die in städtischen Unterkünften untergebracht waren, die Rekordzahl von 60,000. Mehr als 3000 leben auf der Straße. So viele Wohnsitzlose hat New York seit der Wirtschaftskrise der 30er Jahre nicht mehr gehabt.

Politisch noch wesentlich schlimmer für DeBlasio ist jedoch, dass die Obdachlosen immer stärker in das Stadtbild zurück drängen. Man hatte sich in New York daran gewöhnt, dass zumindest in den zentralen Stadtbezirken von Manhattan und Brooklyn praktisch keine Obdachlosen mehr zu sehen sind. Jetzt hört man selbst in den vornehmeren Vierteln wie der Upoer East Side Klagen, dass die Obdachlosen wieder die Parks und U-Bahn Stationen bevölkern.

Die rechte Boulevardpresse wie die New York Post schlachtet das genüsslich aus. Der ehemalige Bürgermeister Giuliani, der gemeinhin als der große Aufräumer der Stadt gilt, sagt jedem, der es hören möchte, für wie lax er die DeBlasio Regierung hält. „Er ist nicht aggressiv genug“, sagte er vergangene Woche im Frühstücksfernsehen. „Man muss die Obdachlosen jagen und jagen und jagen, bis sie entweder Hilfe bekommen oder aus der Stadt verschwinden.“

DeBlasio erwidert darauf, dass unter seiner Regierung Menschen, die ihn Not sind, nicht einfach verjagt werden. Und  Giulianis Referenzen zu dem Thema kommentiert er damit, dass der Mann mit der harten Hand zwar die Obdachlosen aus dem Sichtfeld der bürgerlichen Mittelschicht vertrieben habe. Die Zahl der Wohnsitzlosen sei unter ihm jedoch um 40 Prozent angestiegen.

Damit hat DeBlasio natürlich Recht, das Obdachlosen Dilemma hat er von seinen Vorgängern geerbt. Davon, dass er bei der Bekämpfung der Obdachlosigkeit keine wirklich greifbaren Fortschritte macht, vermag das jedoch nicht abzulenken.

Als Entschuldigung dafür führt DeBlasio den doppelten Beschuss aus explodierenden Mieten und Lebenshaltungskosten und anhaltender, schleichender Wirtschaftskrise an. Doch seine großen Pläne zur drastischen Reduzierung der Zahlen klemmen auch an konkreteren politischen Hemmnissen.

So versagt die Regierung des Staates New York in Albany, der DeBlasio Regierung ohnehin nicht sonderlich gewogen, dem Bürgermeister dringend benötigte Zuschüsse für subventionierten Wohnraum. DeBlasio will das Programm seines Vorgängers wieder beleben, unter dem obdachlose Familien aus den Notunterkünften in permanente Behausungen überführt werden. Das Programm wurde einfach wieder eingestellt und auch DeBlasio fehlt derzeit das Geld, es zu finanzieren.

Dennoch behauptet der Bürgermeister, deutliche Fortschritte gemacht zu haben.   DeBlasio hat 22 Millionen Dollar dafür ausgegeben, die Betreuung von Obdachlosen zu verbessern. Die Maßnahmen reichen von der Versorgung psychisch Kranker bis hin zur Hilfe bei der Integration in den Arbeitsmarkt. „Das schlägt sich natürlich nicht unmittelbar einer Reduzierung der Zahlen nieder“, sagte er in der vergangenen Woche in einem ausführlichen TV Interview zu dem Thema.

Seine Kritiker, die auf das sichtbare Anwachsen der Obdachlosen-Bevölkerung in den besseren Vierteln der Stadt fixiert sind, beeindruckt das wenig. Doch DeBlasio ist nicht geneigt, ihnen entgegen zu kommen und die Obdachlosen, so wie Giuliani, einfach zu verjagen. „So lange sie keine Gesetze brechen, haben sie das Recht, sich aufzuhalten, wo sie wollen“, sagt er. Auch, wenn sie das Reinlichkeitsempfinden der oberen Zehntausend stören.

Donnerstag, 30 Juli 2015

Staycation

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Urlaub in der Stadt

 In der vergangenen Woche sind wir Abends nach Feierabend über die Brooklyn Bridge gelaufen. Wir haben uns in DuMBo, dem post-industriellen Hip-Stadtteil auf der anderen Seite des East River  im Supermarkt ein paar Snacks besorgt und haben mit Blick auf das untere Manhattan und den alten Hafen am Flußufer die Abendstimmung genossen. Dann gab es noch ein Eis an der Lände, bevor wir mit der Fähre wieder den Lichtern der Großstadt  auf der anderen Flußseite entgegen gefahren sind.

Es war erstaunlich belebt am Brooklyner Flußufer, die Menschen sind zu Tausenden dort hinunter gekommen, um die Stimmung an diesem perfekten Sommerabend zu genießen. Viele sind noch bis Mitternacht geblieben um im neuen Brooklyn Bridge Park  nach Sonnenuntergang noch einen Science Fiction Streifen zu sehen.

Wie immer, wenn wir solche Dinge unternehmen, fragen wir uns, warum wir das nicht öfter machen. Aus dem Alltagstrott ausbrechen, aus den immer gleichen Wegen durchs eigene Viertel und zur Arbeit, diese großartige Stadt genießen. Staycation machen, wie die New Yorker sagen, einen Urlaub ohne weg zufahren.

Ich habe keine statistischen Beweise dafür, aber ich habe den Eindruck, als würden viele New Yorker in diesem Jahr Staycation machen. Die Stadt wirkt weit weniger von Touristen dominiert als sonst. Open Air Konzerte, Freiluft-Kino, Theater im Park scheinen durchweg überlaufen. Beim ersten Konzert einer Open Air-Serie im Brooklyner Prospect Park kam man schon drei Stunden vor Konzertbeginn nicht mehr auf das abgegrenzte Konzertgelände, die Picknicker breiteten sich über den gesamten Bürgergarten aus.

Vielleicht ist es ja der relative milde Sommer, der die New Yorker dazu bewegt, die eigene Stadt zu genießen, anstatt aufwändige Tripsnach Europa oder Asien zu unternehmen. Die echten „Dog days“ an denen der Asphalt flimmert und die Kinder im Strahl aufgedrehter Hydranten spielen konnte man bislang einer Hand abzählen.

Vielleicht ist auch der wirtschaftliche Aufschwung nicht das, was die Konjubktur-Zahlen des Wirtschaftsministeriums behaupten. Wie dem auch sei, in meinem Bekanntenkreis machen die meisten bestenfalls einen „Micro-Holiday“ auf Long Island oder in den Adirondacks nahe der kanadischen Grenze. Einige wenige fahren mit dem Kindern zu den Großeltern  im Mittleren Westen oder in Kalifornien.

Wir fahren nächste Woche für ein langes Wochenende nach Pennsylvania, um zu wandern, zu Radln und im Delaware River zu planschen. Im Herbst geht’s vielleicht noch eine Woche in die Blue Ridge Mountains in North Carolina. Ansonsten muss es ein bisschen Staycationing tun. Und ehrlich gesagt, reicht das auch völlig.

Mittwoch, 17 Juni 2015

Die Primaten der Park Avenue

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Drei Jahren unter den Superrechen von New York

In den nordöstlichen Gefilden der Insel Manhattan lebt ein Stamm von Primaten, mit denen die Evolution es ungewöhnlich gut gemeint hat. Es mangelt ihnen an nichts, sie essen die ausgesuchtesten Speisen der Welt, ihre Kinder werden von den besten Erziehern und Lehrern groß gezogen, die in der westlichen Hemisphere  zu finden sind. Sie fliegen mit Hubschraubern in ihre Wochenendhäuser und geben ohne mit der Wimper zu zucken 8000 Dollar für eine Handtasche aus.

Wer solchermaßen mit Überfluss gesegnet ist, müsste eigentlich sorgenfrei durch das Leben laufen. Doch die Primaten der Upper East Side wähnen sich trotz allem in einem permanenten aufreibenden Kampf miteinander, der um vieles erbarmungsloser geführt wird, als etwa der wahrhaftige Überlebenskampf ihrer entfernten Artgenossen ein paar Kilometer entfernt in der Bronx.

Der Mensch kann sich, wie es scheint, nicht helfen, wenn alle Verteilungsschlachten geschlagen sind, sucht er sich neue Gründe, sich mit anderen zu messen und mit ihnen Konflikte an zu zetteln. So lautet  jedenfalls die tiefere anthropologische Einsicht von Wednesday Martin, die sechs Jahre lang unter den „Primaten der Park Avenue“, wie sie ihr Buch nennt,  gelebt hat, um ihre Riten und Gewohnheiten zu studieren.

Martins Expedition in das Stammesgebiet der oberen Zehntausend von Manhattan - grob dem Quadranten zwischen Fifth Avenue und Lexington sowie 72ter bis 86ter Straße - begann eigentlich ganz unschuldig – als gewöhnlicher Umzug. Die studierte Literaturwissenschaftler und ihr Mann, ein Investmentbanker, wollten nach dem 11. September weg aus dem unteren Manhattan, um ihre Kinder in einer vermeintlich heimeligeren Umgebung sowie in der Nähe der Großeltern groß zu ziehen.

Doch damit begann für Martin die Initiation in eine Welt von ungeschriebenen Regeln und Codes, deren Erlernen im überaus feindseligen Biotop der Upper East so überlebensnotwendig wie schmerzhaft war. Um als „Upper East Side Geisha“ zu bestehen, so stellte sich heraus, braucht Frau Nerven aus Drahtseil und den Killerinstinkt eines Elitesoldaten der Navy Sondertruppen.

Das Abenteuer begann mit der Jagd nach einer Wohnung, einer klassischen Geisha-Aufgabe im Gebiet der teuersten Postleitzahl der Welt.  Wednesday musste lernen, wie man sich zu kleiden hat, um von Maklern überhaupt bestimmte Wohnungen vorgeführt zu bekommen. Sie musste wieder und wieder das demütigende Ritual einer Bewerbung um die Aufnahme in eine Wohnungseigentümer-Gemeinschaft über sich ergehen lassen – ein Prüfung bei der selbst A-List Prominente wie Madonna  schon durchgefallen waren, weil sie nicht die richtigen Schulen besucht hatte. Und sie musste sich hochschwanger Bewerbungsgespräche um Eigentümerschaft in ihrem Schlafzimmer gefallen lassen.

Mit dem hart erkämpften Einzug in eine akzeptable Adresse war der Kampf um Aufnahme in den Stamm jedoch noch lange nicht geschlagen. Im Gegenteil, er hatte gerade erst begonnen.

Wie hart man es sich verdienen muss, unter den Frauen der „Masters of the Universe“ akzeptiert zu werden, bekam Wednesday zu spüren, nachdem sie einen Kindergarten Platz für ihren Sohn ergattert hatte. Gleich, wie genau sie den Dress Code für das Abholen des Juniors studierte und wie sehr sie sich bemühte, über die richtigen Themen Small Talk zu machen,  das Eis mit den anderen Prestige-Frauen war nicht zu brechen. Sie wurde geschnitten, eine Verabredung zum Spielen mit den anderen zukünftigen Herrschern der Wall Street war für ihren Sohn nicht zu bekommen. Erst als Martin bei eine Cocktail-Party die Aufmerksamkeit einer der Männer ergattern konnte, wurde ihr Junior zu einem Sonntagsflug im Privatflugzeug mit genommen.

Bisweilen artete der Krieg um jeden Zentimeter soziales Terrain gar in offene Feindseligkeit aus. Mehr als einmal erlebte Wednesday Martin, wie sie auf offener Straße von den Alpha Weibchen der Upper East Side, mit der 10,000 Dollar Handtasche als Nahkampfwaffe in Vorhalte, vom Bordstein gedrängt wurde. Ein Erlebnis, das sie dazu brachte, sich eine Birkin Hermes, die Mutter aller exklusiven Handtaschen, zuzulegen und den Kampf aufzunehmen.

Wednesday Martin schaffte es schließlich, die Hürden für die Akzeptanz im exklusiven Kreis der Upper East Side Weibchen zu nehmen. Ihr Sohn spielte mit den Kindern der richtigen Eltern und besuchte die richtige Privatschule, sie und ihr Mann machten an den richtigen Orten Urlaub. Sie ging in die richtigen Fitness-Studios mit den richtigen Privattrainern und meisterte die komplizierte Kunst der richtigen Garderobe zum richtigen Anlass- bis hin zum schnellen Einkauf um die Ecke am späten Abend.

Doch nach sechs Jahren hatten sie genug davon und wechselten auf die andere Seite des Central Park, auf die Upper West Side, wo die Anforderungen an die Society Frau deutlich laxer sind. Dass sie aus der Distanz von zwei Kilometern Luftlinie nun aufgeschrieben hat, wie es unter den Frauen der Einprozenter zugeht, wurde freilich im Nordosten der Insel nicht eben wohlwollend aufgenommen. Die Preisgabe von Stammesgeheimnissen, wie etwa der Zahlung von „Frauenboni“ bis 150,000 Dollar pro Jahr für vorbildliches Spielen der geforderten Rolle, wurde ihr als Hochverrat angekreidet. Wednesday Martin wurde als Lügnerin und Übertreiberin beschimpft, der Weg zurück in den Stamm der Upper East Side wird ihr wohl auf immer verwehrt bleiben. Von dem Drang, dort dazu zu gehören, dürfte sie allerdings auch kuriert sein.

Sonntag, 01 März 2015

Wohnzimmer des Jazz

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Das Village Vanguard wird 80

Es ist ein beinahe religiöses Erlebnis, wenn man die schmale, modrige Treppe hinunter steigt, die in den kleinen dreieckigen Kellerraum des Village Vanguard an der Seventh Avenue führt, so ähnlich wie der Eintritt in eine Wallfahrtskapelle. Schon hier im Treppenabgang fühlt man sich von den Geistern dieses Ortes umgeben, dem Club großer Jazzer von Dizzy Gillespie und Miles Davis bis zu Coleman Hawkins oder John Coltrane, die hier  ihre Weltkarrieren begannen und in diesem Keller einige ihrer legendärsten Sessions abgehalten haben.

An diesem Sonntag feiert das Vanguard seinen 80ten Geburtstag. Das Gewölbe mit gerade einmal 120 Plätzen ist der älteste Jazz-Club in New York und bis heute wohl auch der wichtigste. Aber es ist noch viel mehr als das – es ist einer der bedeutendsten Orte der amerikanischen Kulturgeschichte.

Offizielle Jubelfeiern wird es trotzdem nicht geben, das würde Lorraine Gordon, die 91 Jahre alte Witwe des Gründers Max Gordon auch gar nicht wollen. Sie hat einen Club zu führen, „ich muss den Laden voll kriegen“, so pragmatisch sieht sie das. Zu der fünftägigen Veranstaltungsserie, bei der zeitgenössische Künstler wie die Dichterin Elizabeth Alexander, der Komödiant Alan Grier und der Jazzpianist Stanley Cowell dem Vanguard die Ehre erweisen, musste Lorraine Gordon überredet werden.

Gordon will eigentlich nur in Ruhe das weiter machen, was ihr Mann sich zu Beginn der 30er Jahre vorgenommen hatte, als er nach New York kam. „Ich wollte einen freundlichen Ort im Greenwich Village schaffen, wo die Leute hingehen, um sich zu begegnen und um ihre Kunst miteinander zu teilen“, sagte Gordon vor seinem Tod 1989 in einem Interview. Und so ist das Vanguard im Grunde heute noch – ein Kleinod in einem New York, das von Preisdruck und halsabschneiderischem Wettbewerb getrieben wird. „Wenn man in intimer Atmosphäre Jazz hören will, gibt es keinen anderen Ort wie das Vanguard“, sagt der Pianist Jason Moran, der seit ein paar Jahren Lorraine Gordon als Manager zur Hand geht und der selbst einmal pro Woche hier spielt.

Max Gordon hatte seinen Eltern in Oregon versprochen, dass er Jura studiert, das war die Bedingung dafür, dass er nach New York ziehen durfte. Doch Max Gordon hatte anderes im  Sinn, als Paragraphen zu pauken. Er wollte vor allem das Leben im Greenwich Village genießen, das damals noch eine wirkliche Boheme beherbergte. Gleich ob es radikale politische Ideen, Avantgarde-Theater oder moderne Literatur waren – wenn es im Amerika der 30er Jahre etwas künstlerisch-intellektuell Neues und Aufregendes gab, kam es aus dem Greenwich Village

Um für die Village-Boheme einen Treffpunkt zu schaffen, besetzte Gordon zuerst einen Kellerraum in der Charles Street, der wegen Verstoßes gegen die Prohibition von der Polizei geschlossen worden war. Nacht für Nacht kamen Schriftsteller und Dichter dort zusammen um zu lesen und zu diskutieren.

Das änderte sich auch nicht, als Gordon 1935 seinen Club auf legale Füße stellte und in den Raum an der Seventh Avenue zog, in dem das Vanguard heute noch ist. Es war ein Ort, an den man gehen konnte, um zu experimentieren und sich auszutauschen.

Das konnte in den Jahren bis zum Kriegsende alles Mögliche sein. Die später berühmte Comedy Truppe The Revuers probierten als Studenten hier ihre ersten Nummern aus, der junge Harry Belafonte sang seine Calypso Stücke. In einer legendären Session im Jahr 1941 kam Blues-Ikone Leadbelly mit den Folk-Heroen Pete Seeger und Woody Guthrie im Vanguard zusammen.

Die große Zeit des Village Vanguard begann allerdings erst nach 1945. Eine neue Generation von Jazz-Musikern schickte sich an, sich vom gefälligen Swing abzusetzen und probierte neue Töne aus. Der BeBop entstand und das Village Vanguard war sein Epizentrum.

Ganz gemäß seiner Philosophie ließ Max Gordon den Musikern einfach den Raum, wörtlich und metaphorisch, um sich entfalten. So wurde das Vanguard, trotz der großen Konkurrenz an Jazz Clubs in den 50er Jahren zum Wohnzimmer der ersten Garde des Bebop.

Die Liste der Bop-Ikonen, die bei Gordon damals regelmäßig auftraten ist ein Who is Who der Jazzgeschichte. 1948 gab Thelonius Monk im Vanguard sein Debut. Später standen auf der winzigen Bühne Dizzy Gillespie, Miles Davis, Charles Mingus, Art Blakey, Gerry Mulligan, das Modern Jazz Quartet, Sonny Rollins, Dexter Gordon, Coleman Hawkins und John Coltrane.

Als die große Ära des Bop in den 70er Jahren zu Ende ging mussten viele der berühmten Clubs  wieder schließen. Die Swing-Meile an der 52ten Straße verschwand, die Harlemer Clubs wie das Minton’s  machten ebenfalls dicht. Doch das Vanguard überlebte bis heute.

Das Geheimnis seiner Kontinuität war zweifellos Max Gordon selbst, der bis zu seinem Tod 1989 jeden Tag im Club war. Es war aber auch der Wille Gordons und seiner Witwe die Offenheit des Vanguard zu bewahren. Der Club wurde nie Jazz-Museum oder eine streng kommerzielle Operation. Er blieb bis heute, das Wohnzimmer und Experimentierstube für Musiker.

Ob das Vanguard auch weiterhin dem Gentrifizierungsdruck im Village, das heute eine der vornehmsten Adressen der Stadt ist, stand halten kann, ist eher ungewiss. Die Zeichen der Zeit sprechen eigentlich dagegen. Andererseits hat das Vanguard bis heute überlebt. Und es ist so beliebt wie nie – gerade weil es einen so angenehmen Kontrast zum blankpolierten, vorhersehbaren Manhattan des 21. Jahrhunderts bildet.

Freitag, 27 Februar 2015

Herumtapsen im digitalen Dickicht

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Die Triennale des New Museum of Contemporary Art

Ein Gang durch das New Yorker New Museum ist dieser Tage ein wenig so, als surfe man für eine Stunde oder so wahllos durch das Internet.

Da ist im Eingangsbereich ein Video mit einem informellen Chat zwischen Künstlern und Kuratoren über Kunst und das Kuratieren. Dann taucht man im Treppenhaus in einen ambienten elektronischen Club-Sound ein. Als Nächstes findet man sich vor einer Leinwand, auf der eine Obama-Rede läuft. Und wenn man weiter geht, findet man sich plötzlich in einem 3D Dschungel wieder.

Das Gefühl des Durchklickens durch die Ausstellungsräume, einem Impuls nach dem anderen folgend, ist wohl beabsichtigt. Die Triennale des Museums für zeitgenössische Kunst in New York, die einen Überblick über das künstlerische Treiben der kommenden Generation geben soll, beschäftigt sich ausdrücklich mit der digitalen Transformation unseres Lebens.

Das ist zunächst einmal nahe liegend, wenn man nach einem Thema sucht, das junge Kunst heute zwangsläufig verbindet. Die Künstler der New Museum-Triennale sind grob um die 30, sie sind „digital natives“. Sie kennen nichts anderes, als ein global vernetztes Leben und in irgendeiner Form hat es zwangsläufig einen Einfluss auf ihr Schaffen.

Das Ausmaß, in dem sie sich explizit damit beschäftigen, ist allerdings hoch unterschiedlich. Die Kuratoren versprechen zwar zu zeigen, wie die neue Generation auf ihre Dauervernetzung reagiert. „Surround Audience“ heißt die Show, was darauf anspielen soll, dass wir uns Non-Stop durch einen undurchdringlichen digitalen Mediendickicht bewegen. Doch nicht alle der gezeigten Werke haben zu dieser Tatsache auch etwas Interessantes zu sagen.

Wenn etwa die 27 Jahre alte transsexuelle New Yorkerin Juliana Huxtable eine 3D Skulptur von sich ausdruckt, ist das unverkennbar als Kommentar auf die Konstruktion von Identität im Internetzeitalter zu lesen. Was allerdings genau dazu gesagt werden soll, bleibt eher opak.

Noch wörtlicher wird die digitale Umzingelung von Daniel Steegmann Mangrane genommen, der dem Besucher eine „Okulus“ Brille aufzieht und ihn durch einen virtuellen  Raum tapsen lässt. Die digitale Umzingelung ist perfekt, reflektiert wird sie jedoch nicht.

Der Eindruck setzt sich durch die gesamte Ausstellung fort. Da ist, so scheint es, eine neue Künstlergeneration, die sich ihrer grundsätzlichen digitalen Verfasstheit überaus bewusst ist. Man versucht, irgendwie darauf zu reagieren und damit umzugehen. Doch es bleibt vorerst eher ein Tasten und Suchen. Eine wirkliche Sprache hat man für diese künstlerische Epoche noch nicht gefunden.

Das Tastende, Suchende ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass die neue Generation gegenüber den verwendeten Medien eher agnostisch ist. Es wird ebenso mit verschiedenen Video-Techniken  gearbeitet, wie mit Tanz und Performance, es gibt

Installationen aus gemischten Materialien und Collagen sowie klassische Malerei und natürlich einen üppigen Einsatz der neuen Technologien. Anything goes, wenn es darum geht, einen Ausdruck für Dasein in der Epoche der sozialen Netzwerke zu finden.

Einen der explizitesten Kommentare auf unsere Zeit gibt noch Josh Kline mit seiner Installation „Freedom“ ab. Auf einem Plasma-Bildschirm sehen wir eine animierte Video-Maske von Barack Obama bei seiner Amtsantrittsrede 2009. Bei genauem Hinschauen ist es jedoch der Künstler der dort spricht, der Text der Rede ist verändert. Im Vordergrund stehen roboterhafte Polizeifiguren mit eingebauten Bildschirmen, von denen Nachrichten aus den vergangenen sechs Jahren im Hashtag-Format verlesen werden. Der gesamte Raum ist dem Zuccotti Park nachempfunden, der vorübergehenden New Yorker Heimat der Occupy Bewegung. Es ist ein bissiger Kommentar auf Hoffnung und Realität der Obama Jahre, auf digitale Überwachung und die Untentrinnbarkeit des kapitalistischen Vermarktungsapparats.

Das sind die Themen, die Surround Audience ansprechen wollte. „In einer kurzen Zeit hat sich die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten rastisch verändert“, sagt die Kuratorin Lauren Cornell. „Mehr und mehr Facetten unseres Lebens sind mit Online Plattformen verschmolzen , sind als Datenpunkte kartografiert worden, monetarisiert und uns als authentische menschliche Erfahrung zurück gespeist worden.“

Das sind Umstände, die eine ernsthafte künstlerische Reflexion verdienen. Es ist lobenswert, dass junge Künstler sich daran versuchen, auch wenn viele dieser Versuche noch so wirken, als bemühe man sich ungelenk in dieser neuen digitalen Welt gehen zu lernen. 

Freitag, 27 Februar 2015

Herumtapsen im digitalen Dickicht

Posted in email aus New York

Die Triennale des New Museum of Contemporary Art

Ein Gang durch das New Yorker New Museum ist dieser Tage ein wenig so, als surfe man für eine Stunde oder so wahllos durch das Internet.

Da ist im Eingangsbereich ein Video mit einem informellen Chat zwischen Künstlern und Kuratoren über Kunst und das Kuratieren. Dann taucht man im Treppenhaus in einen ambienten elektronischen Club-Sound ein. Als Nächstes findet man sich vor einer Leinwand, auf der eine Obama-Rede läuft. Und wenn man weiter geht, findet man sich plötzlich in einem 3D Dschungel wieder.

Das Gefühl des Durchklickens durch die Ausstellungsräume, einem Impuls nach dem anderen folgend, ist wohl beabsichtigt. Die Triennale des Museums für zeitgenössische Kunst in New York, die einen Überblick über das künstlerische Treiben der kommenden Generation geben soll, beschäftigt sich ausdrücklich mit der digitalen Transformation unseres Lebens.

Das ist zunächst einmal nahe liegend, wenn man nach einem Thema sucht, das junge Kunst heute zwangsläufig verbindet. Die Künstler der New Museum-Triennale sind grob um die 30, sie sind „digital natives“. Sie kennen nichts anderes, als ein global vernetztes Leben und in irgendeiner Form hat es zwangsläufig einen Einfluss auf ihr Schaffen.

Das Ausmaß, in dem sie sich explizit damit beschäftigen, ist allerdings hoch unterschiedlich. Die Kuratoren versprechen zwar zu zeigen, wie die neue Generation auf ihre Dauervernetzung reagiert. „Surround Audience“ heißt die Show, was darauf anspielen soll, dass wir uns Non-Stop durch einen undurchdringlichen digitalen Mediendickicht bewegen. Doch nicht alle der gezeigten Werke haben zu dieser Tatsache auch etwas Interessantes zu sagen.

Wenn etwa die 27 Jahre alte transsexuelle New Yorkerin Juliana Huxtable eine 3D Skulptur von sich ausdruckt, ist das unverkennbar als Kommentar auf die Konstruktion von Identität im Internetzeitalter zu lesen. Was allerdings genau dazu gesagt werden soll, bleibt eher opak.

Noch wörtlicher wird die digitale Umzingelung von Daniel Steegmann Mangrane genommen, der dem Besucher eine „Okulus“ Brille aufzieht und ihn durch einen virtuellen  Raum tapsen lässt. Die digitale Umzingelung ist perfekt, reflektiert wird sie jedoch nicht.

Der Eindruck setzt sich durch die gesamte Ausstellung fort. Da ist, so scheint es, eine neue Künstlergeneration, die sich ihrer grundsätzlichen digitalen Verfasstheit überaus bewusst ist. Man versucht, irgendwie darauf zu reagieren und damit umzugehen. Doch es bleibt vorerst eher ein Tasten und Suchen. Eine wirkliche Sprache hat man für diese künstlerische Epoche noch nicht gefunden.

Das Tastende, Suchende ist nicht zuletzt daran abzulesen, dass die neue Generation gegenüber den verwendeten Medien eher agnostisch ist. Es wird ebenso mit verschiedenen Video-Techniken  gearbeitet, wie mit Tanz und Performance, es gibt

Installationen aus gemischten Materialien und Collagen sowie klassische Malerei und natürlich einen üppigen Einsatz der neuen Technologien. Anything goes, wenn es darum geht, einen Ausdruck für Dasein in der Epoche der sozialen Netzwerke zu finden.

Einen der explizitesten Kommentare auf unsere Zeit gibt noch Josh Kline mit seiner Installation „Freedom“ ab. Auf einem Plasma-Bildschirm sehen wir eine animierte Video-Maske von Barack Obama bei seiner Amtsantrittsrede 2009. Bei genauem Hinschauen ist es jedoch der Künstler der dort spricht, der Text der Rede ist verändert. Im Vordergrund stehen roboterhafte Polizeifiguren mit eingebauten Bildschirmen, von denen Nachrichten aus den vergangenen sechs Jahren im Hashtag-Format verlesen werden. Der gesamte Raum ist dem Zuccotti Park nachempfunden, der vorübergehenden New Yorker Heimat der Occupy Bewegung. Es ist ein bissiger Kommentar auf Hoffnung und Realität der Obama Jahre, auf digitale Überwachung und die Untentrinnbarkeit des kapitalistischen Vermarktungsapparats.

Das sind die Themen, die Surround Audience ansprechen wollte. „In einer kurzen Zeit hat sich die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten rastisch verändert“, sagt die Kuratorin Lauren Cornell. „Mehr und mehr Facetten unseres Lebens sind mit Online Plattformen verschmolzen , sind als Datenpunkte kartografiert worden, monetarisiert und uns als authentische menschliche Erfahrung zurück gespeist worden.“

Das sind Umstände, die eine ernsthafte künstlerische Reflexion verdienen. Es ist lobenswert, dass junge Künstler sich daran versuchen, auch wenn viele dieser Versuche noch so wirken, als bemühe man sich ungelenk in dieser neuen digitalen Welt gehen zu lernen. 

Mittwoch, 03 Dezember 2014

Der Milliardärs-Park

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Medien-Unternehmer Barry Diller baut eine Insel in den Hudson und treibt damit die Privatisierung von öffentlichem Raum in New York auf die Spitze

Es ist ein kühnes Projekt, das Medienunternehmer Barry Diller da in der vergangenen Woche in seiner von Frank Gehry gebauten Konzernzentrale an der West Street von Manhattan vorgestellt hat, eine städtebauliche Extravaganz, die selbst Las Vegas oder Dubai stolz machen würde.

Sonntag, 16 November 2014

Open For Business

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Ground Zero nach der Wiedereröffnung des World Trade Center

Jordan Borwitz rückt sich die Krawatte zurecht und räuspert sich, so als müsse er eine Hochzeitsrede halten. Dann setzt der PR – Mann der Immobilienfirma Durst sein bestes Lächeln auf und beginnt in die laufende Kamera des japanischen Fernsehsenders zu sprechen, den er heute hier durchs Haus führt. Ein „triumphales Gefühl“ sei das gewesen, sagt er, als zu Beginn der Woche die ersten Mieter hier im wieder eröffneten World Trade Center ihre Kisten in die Büros geschleppt hätten, ein Zeichen der Wiedergeburt und der Re-Integration des gesamten Ground Zero Geländes in das Gefüge der Stadt.

Donnerstag, 30 Oktober 2014

Projektionsfläche für soziale Reibungsfelder

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Zum viralen Catcall Video

Es gehört zu den ureigenen Eigenschaften des Internet, dass Publikumserfolg nur schwer planbar ist, was „viral“ wird und was nicht, entzieht sich in der Regel der Kontrolle der „Content“-Lieferanten. Insofern ist der New Yorker Agentur „Hollaback“ in dieser Woche ein Geniestreich gelungen.

Montag, 20 Oktober 2014

Der 95 Millionen Dollar Blick

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In New York haben Apartment-Türme für die Superreichen Konjunktur

New Yorkern ist er seit Monaten schon ein Dorn im Auge, jener schlanke Turm, der an der Ostseite der Midtown Skyline wie ein gigantisches Streichholz Manhattan überragt und am Vormittag seinen hässlichen Schatten über den Central Park wirft.

Samstag, 26 Juli 2014

Wie ein Nummernkonto

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New Yorker Immobilienmarkt als Geldwaschanlage

Wer sich einen Eindruck vom Zustand des New Yorker Immobilienmarktes verschaffen möchte, muß sich heute nicht besonders mühen. Ein Blick von der Sheep's Meadow im Central Park aus in Richtung Süden genügt. Dort werden nur zwei Blocks vom Parkrand entfernt derzeit die letzten Arbeiten am ehrgeizigsten Wohnungsbauprojekt verrichtet, das die Stadt je gekannt hat – dem 90 Stockwerke hohen Glasturm One57.

Donnerstag, 05 Juni 2014

Nach Hurricane Sandy:

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New York schützt sich gegen steigende Meeresspiegel und lernt dabei von den Holländern

Die Flutwellen, die Hurricane Sandy im Oktober 2012  an die Küste des amerikanischen Nordostens spülte, trafen die Stadt New York praktisch unvorbereitet. In den Straßen des südlichen Manhattans stand innerhalb von Minuten meterhoch das Wasser. Die U-Bahn Schächte wurden geflutet, Kraftwerke am East River explodierten. In Brooklyn rollte eine Wand aus Wasser durch das Stadtviertel Red Hook und ließ den Anwohnern keine Chance, sich in Sicherheit zu bringen.

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