Donnerstag, 25 Februar 2016

Gaga goes normcore

Posted in email aus New York

Die neueste Transgression von Lady Gaga

/erschienen in der Berliner Zeitung vom 25.2.)

Sie hat das gut hinbekommen, hervorragend sogar, wenn man dem Tenor der Kritiken folgt und das, obwohl man sich vorher Lady Gaga in dieser Rolle, auf dieser Bühne, nicht so recht vorstellen konnte.

Die Superbowl ist der höchste Feiertag des amerikanischen Mainstream, der braven viereinhalbköpfigen Familie, die ein Eigenheim in der Vorstadt und ein SUV in der Garage hat.  Das Absingen der Nationalhymne vor dem Spiel ist der Moment, in dem dieses Amerika sich seiner Selbst versichert und so war es der vielleicht unpassendste Job für Lady Gaga, die sich spätestens seit ihrer „Little Monster“-Tour als Vorsprecherin für alles Abseitige und Marginale geriert. Und doch hat sie die Herausforderung brilliant gemeistert.

Sicher, Gaga blieb sich mit einem Paar von zehn Zentimeter-Plateau-Schuhen und einem Make-Up in glitzerndem Bordeaux-Rot, passend zum Gucci-Hosenanzug, treu. Auch im Superbowl Stadion blieb sie Mode-Ikone, doch der Ton war deutlich zurück haltender, als alles, was man von Gaga in den vergangenen Jahren so gewohnt ist. Es gab keine Accessoires aus rohem Fleisch, keine Feuerwerks-BHs, keine Hüte mit Zacken und auch keine nackte Haut.

Ebenso gedeckt, ja beinahe klassisch, war der Vortrag. Bis auf ein paar Modulationen am Ende hielt sich Gaga an die traditionelle Interpretation des Liedes mit dem langsamen Aufbau zum Crescendo an jener Text-Stelle, an der die Bomben im Himmel explodieren und die Menge einen patriotischen Jauchzer ausstößt. Da verdrückten sogar die bei der TV-Übertragung eingeblendeten Soldaten in Afghanistan eine Träne.

Nun hätte ganz gewiss kein Pop-Star der Welt die Gelegenheit ausgelassen, vor einem Publikum von 120 Millionen Fernseh-Zuschauern zu singen. Doch der Gig passte auch irgendwie auf wundersame Weise perfekt in die Phase, in der sich derzeit Lady Gagas Karriere zu befinden scheint.

In den vergangenen eineinhalb Jahren war sie dabei zu sehen, wie sie im roten Abendkleid zusammen mit Tony Bennett Jazz-Standards wie Cheek to Cheek singt; Teil ihrer Bühnenshow ist ein Vortrag von „La Vie en Rose“ von Edith Piaf, gegeben in einem rosafarbenen Kostüm mit großer Schleife am Rücken; und bei den Oscars 2015 war sie in einem ausladenen weißen Abendkleid des Pariser Designers Azzedine Alaia zu sehen – einem Kleid, mit dem sie auch gut zum Wiener Opernball hätte gehen können.

Gagas Richtungswandel ist freilich nicht unbemerkt geblieben. Und nicht wenige Pop-Beobachter fragen sich nun verwundert, was denn da los ist.

So schrieb der Kritiker der LA Times, Michael Wood, dass „Lady Gaga anscheinend im Moment die Ideen ausgegangen sind.“ Anstatt, wie seit Beginn ihres Daseins als Superstar vor rund sechs Jahren, Jahr für Jahr in eine neue fantastische und skandalöse Identität zu schlüpfen, so Wood, verstecke sie sich nun wie in dem Duett mit Bennett „hinter geborgtem Prestige.“

Andere wiederrum mögen nicht glauben, dass Lady Gaga keine Ideen mehr hat. Ganz im Gegenteil. „Gagas scheinbare Annäherung an das Mainstream-Showbusiness“, spekuliert der Londoner Guardian, „macht Normalität quasi zur neuen Transgression.“

Dabei folge Gaga jenem Trend, den New Yorker Zeitgeistforscher als „Normcore“ identifiziert haben. Dabei hat der urbane Hipster erkannt, dass sein ewiges Streben, dem Zeitgeschmack einen Schritt vorweg zu sein, ins Leere führt und auf Dauer irgendwie auch zu anstrengend ist. Deshalb macht er/sie es sich im kulturellen Umfeld der breiten Masse bequem.

Für Gaga kam die Wende nach dem Flop ihres Albums Artpop, mit dem sie sich zwei Schritt zu weit in das Reich der Avantgarde vor gewagt hatte. Die Kooperation mit den Künstlern Jeff Koons und Marina Abramovic, das aufwändige Gefüge eines Konzeptalbums und die dazu gehörigen zehn Minuten Videos – all das hat  anscheinend die Geduld der Gaga-Fans überstrapaziert.

Nun gibt es schon die ersten Stimmen, die behaupten, dass dies der Anfang vom Ende von Gaga ist. Die nächste Station, so unkte bereits der Guardian, sei für Gaga eine Dauerresidenz in Las Vegas, wo Stars von gestern noch immer enorme Gagen dafür kassieren können, dass sie Abend für Abend die Reste ihres verblassten Glanzes verströmen. Das Duett mit Tony Bennett schien dafür eine hervorragende Vorbereitung gewesen zu sein.

Und tatsächlich ist es schwer, sich vorzustellen, wohin sich Lady Gaga von hier aus bewegen soll. Allerdings war das bei ihr schon immer schwer. Und wenn ihre Normcore Phase wirklich ein kluger Meta-Kommentar auf den gegenwärtigen kulturellen Augenblick ist, dann hat Gaga ihre Relevanz noch lange nicht verloren.

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