Donnerstag, 12 Februar 2015

Das Ende des Zynismus?

Posted in email aus New York

Jon Stewart hört auf

Jon Stewart ist nicht eben für seine Gefühligkeit bekannt, sein Markenzeichen sind bissige Satire und Frechheit. Doch am Dienstagabend, am Ende  seiner zum Kult gewordenen „Daily Show“, konnte er sich ein paar Tränen nicht verkneifen. „Was ist diese Flüssigkeit in meinem Gesicht“, versuchte er witzelnd die Situation zu überspielen.

Grund für den sentimentalen Ausrutscher  des Vaters der Nachrichtensatire war seine eigene Ankündigung, er werde die Daily Show nach 16 Jahren verlassen. „Es ist Zeit für einen anderen“, sagte er kurz vor dem Abspann seiner Show um kurz vor Mitternacht. „Es war ein Privileg. Es war die Ehre meines Berufslebens.“

Die Nachricht von Stewarts Rücktritt war ein Schock für die amerikanische Fernseh- und Unterhaltungswelt, mehr noch als die Ankündigung vom selben Nachmittag, dass der Nachrichtenmoderator Brian Williams wegen  einer Lügenaffäre von seinem Netzwerk NBC suspendiert wird. Nichts hatte in den vorangegangen Wochen und Monaten darauf hingedeutet, dass Stewart das Handtuch wirft. Es gab kein langes hin und her, keine Spekulationen, keine Vertragsquerelen, so wie man das bei langjährigen Late Night Talkern kennt.

Nun schießen die Spekulationen über Stewarts Motive ins Kraut. Er selbst hat lediglich angedeutet, dass er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen möchte und dass er rastlos geworden sei. Seitdem er im vergangenen Sommer eine Auszeit genommen hat, um einen Dokumentarfilm zu drehen, sehnt sich Stewart nach einer beruflichen Veränderung.

Etwas distanziertere Beobachter vermuten jedoch tiefer reichende Motive für den plötzlichen Abgang einer der erfolgreichsten TV – Persönlichkeiten im US Fernsehen. So spekulierte das Kulturportal Salon, dass die Form, die Stewart erfunden habe, die zynisch-ironische Kommentierung der Kabel-TV-Nachrichten, ihren Zenit überschritten habe. Die Ironisierung von allem und jedem, sei nicht mehr zeitgemäß, die Leute wollten mehr als die Botschaft von Stewart, dass alles in der US Politik und im US Medienzirkus korrupt und verdorben ist.

Für die These spricht unter anderem, dass Jon Stewarts einstiger Weggefährte Stephen Colbert, der seit Jahren seine eigene satirische Erfolgsshow moderierte, erst kürzlich in das Fach des konventionellen Abend-Talks abgewandert ist. Colbert wird die Late Night Legende David Letterman ablösen.

Für die These spricht aber auch, dass Stewart in letzter Zeit immer öfters ernsthafte Töne anschlägt. So hielt er etwa nach den Mordanschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo eine bewegende Ansprache, in der er bekräftige, Humor und Satire dürften nicht zu Akten der Courage werden, sondern müssten selbstverständlicher Teil zivilisierter Gesellschaften sein.

Seine eigene Art der Satire entstand zu einem kulturellen Zeitpunkt in den USA, in dem Zynismus und jene Form der Ironie, die im Amerikanischen unübersetzbar Snark genannt wird, dringend gebraucht wurden. Stewarts Durchbruch in den Einschaltquoten kam während der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000, als George Bush erst durch eine Zweitauszählung in Florida und nach einer gescheiterten Klage gegen Al Gore die Präsidentschaft gewann.

Die Präsidentschaft von George Bush definierte die Karriere von Stewart, eine Zeit, in der sich Liberale in den USA oft nur noch durch Zynismus zu helfen wussten. Jon Stewart wurde ihr Held, indem er allabendlich und unermüdlich die Verlogenheit und Doppelmoral der Regierung und der konservativen Politik sowie der ihnen hörigen Medien bloß stellte.

Der Zynismus des Jon Stewart traf auch den richtigen Augenblick in der Entwicklung der amerikanischen Medienlandschaft. Mit der Bush Regierung setzte die extreme Polarisierung der TV-Nachrichten ein. Der konservative Sender Fox wurde zum Propagandaarm der republikanischen Partei. MSNBC setzte mit unermüdlicher linker Stimmungsmache dagegen. CNN, die in der Mitte noch versuchten leidlich ausgewogene Berichtserstattung zu liefern, rieben sich auf, rutschten ab und verloren in endlosen Experimenten schließlich ihre Identität.

In dieser Landschaft wurde Jon Stewart, der mit seinen Meta-Nachrichten die anderen auf ihre Widersprüche und Absurditäten hinwies, für viele Amerikaner die einzige Quelle wirklich verlässlicher Information. Auch das war freilich Ausdruck einer zynischen Epoche.

Ob das Genre nun stirbt und ob sich in den US-Medien eine neue Ära der Ernsthaftigkeit anbricht bleibt freilich erst noch abzuwarten. Fest steht, dass sich seine Form der Satire abgenutzt hat, sie ist vorhersehbar geworden, etablierter Teil der Abendunterhaltung. „Wenn liberale Amerikaner wirklich die Machtstrukturen aufrütteln wollen, brauchen sie heute mehr, als die idiosynkratischen Begrenzungen von Jon Stewart zulassen“, schreibt Elias Isquith auf Salon. Das hat Jon Stewart scheinbar selbst verstanden. Und so wird auch spannend, was er als nächstes ausheckt.

Freitag, 25 Juli 2014

Fernsehen in Amerika

Posted in email aus New York

Die Qual der Wahl

Wann immer ich Besucher aus Deutschland habe, die sich daran versuchen, mit meiner Fernbedienung durch die Untiefen des US-Kabelprogramms zu navigieren, höre ich nachher dieselbe Klage. „200 Sender, nix zu sehen", heißt es vorhersehbar nach ein oder zwei Stunden verzweifelten Klickens. Bei all der Angebotsfülle sei nichts dabei gewesen, was dazu in der Lage war, die Aufmerksamkeit zu fesseln.

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