Dienstag, 01 Dezember 2015

Eine Stadt im Aufruhr

Posted in email aus New York

Baltimore im Jar 1 nach Freddy Gray

Die Stimmung in Baltimore ist angespannt in diesen Tagen.  Während vor dem Gerichtsgebäude der Stadt täglich Demonstranten auf und ab marschieren, hält sich die Nationalgarde des Staates Maryland bereit. Die Polizeipräsenz auf den Straßen ist so groß wie nie und der Polizeichef Kevin Davis hat mehrfach wiederholt, dass  es in diesen Wochen „um die Zukunft der gesamten Stadt“ geht.

Zu Beginn dieser Woche hat hier der Prozess gegen den Polizisten William Porter begonnen. Porter steht gemeinsam mit fünf Kollegen unter der Anklage, im Frühjahr dieses Jahres den 26-jährigen Freddie Gray ermordet zu haben.

Die sechs Polizeibeamten hatten am 19. April Freddie Gray unter Verdacht des Drogenhandels  verhaftet. Es kam zu Handgreiflichkeiten, schließlich wurde Gray in Handschellen und Fußfesseln auf die Ladefläche eines Polizeitransporters  geschmissen. Bei der folgenden Fahrt durch die Straßen von Baltimore wurde Gray derartig hin und her geschleudert, dass er sich das Genick brach. Wenige Tage später verstarb er im Krankenhaus.

Der Tod von Freddy Gray löste in Baltimore heftige Ausschreitungen aus. Gruppen von Demonstranten gegen Polizeigewalt zogen marodierend durch die Straßen, Geschäfte wurden geplündert und abgebrannt. Es kam zu Schießereien und Todesfällen. Die zivile Ordnung brach vollkommen zusammen.

Und auch seitdem ist Baltimore nicht zur Ruhe gekommen. Die rasche Mordanklage gegen die Polizisten, getrieben durch die schwarze Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake, vermochte zwar vorläufig die Gemüter zu beruhigen. Doch auf den Straßen von Baltimore ging bald die Gewalt weiter. „In allen Städten, in denen es in den vergangenen drei Jahren schwere Fälle von Polizeigewalt gab, gab es Proteste und Unruhen. Doch nirgends waren die Folgen so schwer und andauernd, wie in Baltimore“, schrieb in dieser Woche das New York Magazine.

Bis heute ist in Baltimore keine Ordnung wieder eingekehert. Die Polizei reagierte ursprünglich auf die heftigen Proteste und den Druck auf die Politik damit, dass sie sich zurückzog. Die Mord- und die allgemeinen Verbrechensraten schossen durch die Decke. Doch auch als die Polizei im Juli und August wieder ihre Arbeit aufnahm, wurde es scheinbar nicht besser. Zum Endes des Monats November gab es in diesem Jahr in Baltimore, einer Stadt von rund 622000 Einwohnern, mehr als 300 Morde.

Das Chaos ist umso erstaunlicher, als seit den Unruhen im April praktische alle gesellschaftlichen Kräfte versuchen, an einem Strang zu ziehen, um Baltimore zu befrieden. Die Polizei bemüht sich, die Beziehungen zu den Bürgern zu verbessern. Politik und Gemeindeanführer versuchen gemeinsam mit allen Mitteln der Straßengewalt Herr zu werden. Sogar Straßengangs wie die Crips und die Bloods helfen mit, in dem sie etwa Schulkinder auf dem Nachhauseweg betreuen.

Doch es scheint so, als hätte der Freddy Gray Fall ein ohnehin kaputtes  Gemeinwesen endgültig aus den Fugen gesprengt.  Baltimore ist seit Jahrzehnten eine Problemstadt. Sie hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der USA und eine der höchsten Armutsraten. Stadtverwaltung und Polizei gelten als notorisch korrupt.

Die Wurzeln liegen tief in der Geschichte. Baltimore ist einer der rassistischsten Städte des Nordens. Die Apartheid wurde hier von der Politik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezielt vorangetrieben. Die Ghettobildung war erwünscht. Das Verschwinden der Industriejobs in der Hafenstadt nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte die Verelendung. Massive Unruhen und Strassenschlachten in den 60er Jahren taten das Ihre. Seitdem sind die Schwarzenghettos fest in der Hand der Drogenbanden, das quasi-militärische Vorgehen der Polizei hat sie in kriegsähnliche Zonen verwandelt.

Der bevorstehende Prozess, der bis Weihnachten gehen soll, stellt das, was an Baltimore an ziviler Ordnung noch vorhanden ist, nun noch einmal auf die Probe. Doch selbst wenn die Stadt diese Probe übersteht, steht sie noch immer vor einem Berg schier unlösbarer Probleme.

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