Samstag, 09 August 2014

Zwischen Zivilisation und Barbarei

Posted in email aus New York

Steven Soderberghs fantastische neue TV-Serie "The Knick"

Steven Soderbergh hat sich einen Spaß daraus gemacht, die Zuschauer seiner TV-Serie „The Knick“ gleich in der ersten halben Stunde der ersten Episode einem Härtetest zu unterziehen. Das hat er vor Kurzem selbst zugegeben, „wenn Du den Anfang durchstehst, dann hast Du es geschafft“, sagte er in einem Interview.

Zuerst sind da natürlich das literweise fließende Blut und die tiefen Einblicke in bloß gelegte Eingeweide, die dem Betrachter bei der dramatischen Inszenierung eines Kaiserschnitts in einem New Yorker Krankenhaus an der Wende zum 20. Jahrhundert zugemutet werden. Doch damit hat man es noch nicht überstanden. Es folgt der Selbstmord des erfolglosen Chefchirugen, sowie die Grabesrede seines Assistenten John Thackary, gespielt von Clive Owen, der kurz darauf zum Direktor des Knickerbocker Krankenhauses und zum Star der Serie aufsteigt.

Es ist ein flammendes Plädoyer für die Moderne, ein Aufruf an alle, die an Fortschritt und Technik glauben, auch im Angesicht der sicheren Niederlage durch zu halten. „Alle Dämme, die der Mensch baut, werden irgendwann brechen“, sagt Thackary,  „alle Tunnel, die er durch Gebirge sprengt, irgendwann wieder einstürzen. Jeder Mensch wird irgendwann sein Leben aushauchen aber in der Zwischenzeit können wir doch Gott ein paar kleine Triumphe abringen.“

Das ist ein starker Stoff und steckt für die folgenden zehn Stunden ein ehrgeiziges Terrain ab. Aber Steven Soderbergh, der schon seit seinem Durchbruch mit „Sex, Lies, and Videotape“ vor 25 Jahren unermüdlich die Grenzen der filmischen Erzählkunst auslotet, wäre nicht er selbst, wenn er nicht, wie sein Held, nach Großem streben würde. Soderbergh hat sich mit „The Knick“ auf ebenso klassisches wie  kühnes Terrain begeben: Die Serie, die am Freitag im US Kabelfernsehen angelaufen ist und am Sonntag ins deutsche Pay TV kommt, dramatisiert das blutige Ringen der technisierten modernen Zivilisation gegen die Barbarei, die im Ausgang des 19. Jahrhundert in heute unvorstellbarem Maß noch das Leben bestimmt hat.

Der Krieg zwischen der humanistischen Moderne und den oft noch mittelalterlichen Lebensumständen des späten 19. Jahrhunderts findet bei Soderbergh in zwei Arenen statt: Im Operationsraum des „Knick“ und auf den Straßen New Yorks. In beiden Theatern macht Soderbergh daraus einen schier aussichtlslosen Kampf  der aufgeklärten Vernunft gegen die übermächtige Rohheit der Gosse und der Verderbtheit des Fleisches.

So werden die Operations-Szenen zu epischen Schlachtgemälden, offensichtlich inspiriert von den Gemälden des „Knick“-Zeitgenossen Thomas Eakins. Gelehrte in Tweed-Anzügen sitzen mit distanziertem Interesse auf den Rängen, während Thackary seine blutigen Techniken an seinen erbarmungswürdigen Subjekten ausprobiert, die er in der Mehrheit in den Elendsquartieren der Stadt rekrutiert. Die Erfolgsquote liegt deutlich unter 50 Prozent, die junge Kunst der Chirurgie hat noch viel zu lernen.

Im New York der Jahrhundertwende, das Soderbergh mindestens ebenso fasziniert, wie die Schlachterei im „Knick“,  herrschen derweil Elend, unerträglicher Schmutz und Gestank sowie deren moralisches Äquivalent: Die Stadt wird von Korruption, Kriminalität und Gewalt beherrscht. Soderbergh zeigt nicht das großbürgerliche New York von Henry James und Edith Wharton sondern die unhygienischen Einwandererquartiere an der Lower East Side, die von Seuchen und Armut regiert werden. Es ist das New York, das der Fotograf Jacob Riis damals in seinem Buch „How the Other Half Lives“ verewigte, jenes Werk, das zur ersten großen Reformbewegung der USA führte.

Die Philantropen, die von Riis aufgerüttelt wurden, sind auch die Gründer und Financiers von „The Knick.“ Sie bemühen sich mit aller Kraft, den verkommenen Sumpf, der New York damals war, aufzuräumen und die Lebensumstände der Massen zu verbessern. Doch sie kämpfen wie die Ärzte im Kreissaal einen verzweifelten Kampf.

Das Motiv des großen Krieges zwischen Zivilisation und Barbarei wird effektvoll dadurch verstärkt, dass Soderbergh es in Clive Owens Figur selbst destilliert. Wenn Thackary  ermattet vom OP-Tisch auf die sumpfigen Straßen Manhattans tritt, nimmt er geradewegs die Pferdedroschke in eine Opiumhöhle von Chinatown, wo sattsam Lustdamen und Kokain auf ihn warten. Und ganz unpassend zu seiner ansonsten so aufgeklärten Haltung kann er sich einfach nicht dazu durchringen, einen afro-amerikanischen Kollegen als gleichberechtigt zu akzeptieren.

Es ist wahrhaft grandioses Kino, das Steven Soderbergh da abgeliefert hat und das, obwohl er ja eigentlich dem Kino abgeschworen hatte. Nach seiner vier Stunden Biografie von Che Guevara aus dem Jahr 2008 sei er erschöpft gewesen, sagt er, ermattet von der narrativen Form, die das klassische Filmtheater ihm aufgezwungen habe. Er sehne sich nach „einer neuen Grammatik“ ließ er damals in einem Interview wissen, einer, die das Publikum nicht in einem Kinoabend befriedigen und an einem Wochenende die Produktionskosten einspielen muss.

Natürlich hatte seine Migration ins Fernsehen auch den ganz handfesten Grund, dass die Kabelsender ihm aufgrund ihres geringeren Profitdrucks wesentlich größere Freiheiten ließen. Die kostete er bereits bei seinem Liberace Film mit Michael Douglas und Matt Damon aus, der in Hollywood keine Geldgeber fand. Dass „Behind the Candelabra“ dennoch sowohl ein kritischer als auch ein Publikumserfolg wurde, bestärkte Soderbergh darin, endgültig zum Fernsehen zu konvertieren.

Mit „The Knick“ hat er nun auch eine Erzähl-Form gefunden, die der Kabelserie entspricht. Was bei seinem Drogendrama „Traffic“ oder dem Katastrophenfilm „Outbreak“ noch hölzern wirkte, funktioniert über zehn Abende verteilt hervor ragend: „The Knick“ kommt ohne künstliche Spannungsbögen und ebenso künstliche Auflösungen aus. Es hat eine Vielzahl von Erzählsträngen und Spannungsbögen die sich viel weiträumiger ver- und entspinnen dürfen, als das im Kino möglich ist. Wir tauchen in die Welt von Thackary und Co ein und verlieren uns über Tage oder Wochen in ihr, so wie schon mit dem Figuren von David Simons Serien  „The Wire“ oder „Treme“ und auch der Welt der „Mad Men“.

Noch muss man freilich den Erfolg von „The Knick“ abwarten, doch es ist nicht all zu gewagt voraus zu sagen, dass die Serie den Trend des anspruchsvollen Films weg von der Leinwand und hin zum Fernsehen bzw. zu anderen neuen Vetriebswegen wie Netflix oder Amazon verstärken wird.

So bleibt Soderbergh weiterhin ein Dorn im Fleisch von Hollywood, 25 Jahre nachdem er das Independent-Genre salonfähig gemacht hat. Die Gewinner dabei bleiben die Zuschauer, die sich die Zeit nehmen, jenseits der unmittelbaren Befriedigung der Wegwerf-Unterhaltung auf fremde, exotische Welten einzulassen.. 

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