Sonntag, 01 März 2015

Wohnzimmer des Jazz

Posted in email aus New York

Das Village Vanguard wird 80

Es ist ein beinahe religiöses Erlebnis, wenn man die schmale, modrige Treppe hinunter steigt, die in den kleinen dreieckigen Kellerraum des Village Vanguard an der Seventh Avenue führt, so ähnlich wie der Eintritt in eine Wallfahrtskapelle. Schon hier im Treppenabgang fühlt man sich von den Geistern dieses Ortes umgeben, dem Club großer Jazzer von Dizzy Gillespie und Miles Davis bis zu Coleman Hawkins oder John Coltrane, die hier  ihre Weltkarrieren begannen und in diesem Keller einige ihrer legendärsten Sessions abgehalten haben.

An diesem Sonntag feiert das Vanguard seinen 80ten Geburtstag. Das Gewölbe mit gerade einmal 120 Plätzen ist der älteste Jazz-Club in New York und bis heute wohl auch der wichtigste. Aber es ist noch viel mehr als das – es ist einer der bedeutendsten Orte der amerikanischen Kulturgeschichte.

Offizielle Jubelfeiern wird es trotzdem nicht geben, das würde Lorraine Gordon, die 91 Jahre alte Witwe des Gründers Max Gordon auch gar nicht wollen. Sie hat einen Club zu führen, „ich muss den Laden voll kriegen“, so pragmatisch sieht sie das. Zu der fünftägigen Veranstaltungsserie, bei der zeitgenössische Künstler wie die Dichterin Elizabeth Alexander, der Komödiant Alan Grier und der Jazzpianist Stanley Cowell dem Vanguard die Ehre erweisen, musste Lorraine Gordon überredet werden.

Gordon will eigentlich nur in Ruhe das weiter machen, was ihr Mann sich zu Beginn der 30er Jahre vorgenommen hatte, als er nach New York kam. „Ich wollte einen freundlichen Ort im Greenwich Village schaffen, wo die Leute hingehen, um sich zu begegnen und um ihre Kunst miteinander zu teilen“, sagte Gordon vor seinem Tod 1989 in einem Interview. Und so ist das Vanguard im Grunde heute noch – ein Kleinod in einem New York, das von Preisdruck und halsabschneiderischem Wettbewerb getrieben wird. „Wenn man in intimer Atmosphäre Jazz hören will, gibt es keinen anderen Ort wie das Vanguard“, sagt der Pianist Jason Moran, der seit ein paar Jahren Lorraine Gordon als Manager zur Hand geht und der selbst einmal pro Woche hier spielt.

Max Gordon hatte seinen Eltern in Oregon versprochen, dass er Jura studiert, das war die Bedingung dafür, dass er nach New York ziehen durfte. Doch Max Gordon hatte anderes im  Sinn, als Paragraphen zu pauken. Er wollte vor allem das Leben im Greenwich Village genießen, das damals noch eine wirkliche Boheme beherbergte. Gleich ob es radikale politische Ideen, Avantgarde-Theater oder moderne Literatur waren – wenn es im Amerika der 30er Jahre etwas künstlerisch-intellektuell Neues und Aufregendes gab, kam es aus dem Greenwich Village

Um für die Village-Boheme einen Treffpunkt zu schaffen, besetzte Gordon zuerst einen Kellerraum in der Charles Street, der wegen Verstoßes gegen die Prohibition von der Polizei geschlossen worden war. Nacht für Nacht kamen Schriftsteller und Dichter dort zusammen um zu lesen und zu diskutieren.

Das änderte sich auch nicht, als Gordon 1935 seinen Club auf legale Füße stellte und in den Raum an der Seventh Avenue zog, in dem das Vanguard heute noch ist. Es war ein Ort, an den man gehen konnte, um zu experimentieren und sich auszutauschen.

Das konnte in den Jahren bis zum Kriegsende alles Mögliche sein. Die später berühmte Comedy Truppe The Revuers probierten als Studenten hier ihre ersten Nummern aus, der junge Harry Belafonte sang seine Calypso Stücke. In einer legendären Session im Jahr 1941 kam Blues-Ikone Leadbelly mit den Folk-Heroen Pete Seeger und Woody Guthrie im Vanguard zusammen.

Die große Zeit des Village Vanguard begann allerdings erst nach 1945. Eine neue Generation von Jazz-Musikern schickte sich an, sich vom gefälligen Swing abzusetzen und probierte neue Töne aus. Der BeBop entstand und das Village Vanguard war sein Epizentrum.

Ganz gemäß seiner Philosophie ließ Max Gordon den Musikern einfach den Raum, wörtlich und metaphorisch, um sich entfalten. So wurde das Vanguard, trotz der großen Konkurrenz an Jazz Clubs in den 50er Jahren zum Wohnzimmer der ersten Garde des Bebop.

Die Liste der Bop-Ikonen, die bei Gordon damals regelmäßig auftraten ist ein Who is Who der Jazzgeschichte. 1948 gab Thelonius Monk im Vanguard sein Debut. Später standen auf der winzigen Bühne Dizzy Gillespie, Miles Davis, Charles Mingus, Art Blakey, Gerry Mulligan, das Modern Jazz Quartet, Sonny Rollins, Dexter Gordon, Coleman Hawkins und John Coltrane.

Als die große Ära des Bop in den 70er Jahren zu Ende ging mussten viele der berühmten Clubs  wieder schließen. Die Swing-Meile an der 52ten Straße verschwand, die Harlemer Clubs wie das Minton’s  machten ebenfalls dicht. Doch das Vanguard überlebte bis heute.

Das Geheimnis seiner Kontinuität war zweifellos Max Gordon selbst, der bis zu seinem Tod 1989 jeden Tag im Club war. Es war aber auch der Wille Gordons und seiner Witwe die Offenheit des Vanguard zu bewahren. Der Club wurde nie Jazz-Museum oder eine streng kommerzielle Operation. Er blieb bis heute, das Wohnzimmer und Experimentierstube für Musiker.

Ob das Vanguard auch weiterhin dem Gentrifizierungsdruck im Village, das heute eine der vornehmsten Adressen der Stadt ist, stand halten kann, ist eher ungewiss. Die Zeichen der Zeit sprechen eigentlich dagegen. Andererseits hat das Vanguard bis heute überlebt. Und es ist so beliebt wie nie – gerade weil es einen so angenehmen Kontrast zum blankpolierten, vorhersehbaren Manhattan des 21. Jahrhunderts bildet.

Leave a comment

You are commenting as guest.

Blog-Posts

Go to top