Mittwoch, 23 Juli 2014

Wie ein Nummernkonto

Posted in email aus New York

New Yorker Immobilienmarkt als Geldwaschanlage

Wer sich einen Eindruck vom Zustand des New Yorker Immobilienmarktes verschaffen möchte, muß sich heute nicht besonders mühen. Ein Blick von der Sheep's Meadow im Central Park aus in Richtung Süden genügt. Dort werden nur zwei Blocks vom Parkrand entfernt derzeit die letzten Arbeiten am ehrgeizigsten Wohnungsbauprojekt verrichtet, das die Stadt je gekannt hat – dem 90 Stockwerke hohen Glasturm One57.

Die Meldungen über den Verkauf der Einheiten in One 57, die an die Öffentlichkeit dringen, sind nicht weniger beeindruckend als der Turm selbst, der seinen Schatten über den halben Park wirft. 25 Einheiten wurden bislang veräußert, die teuerste davon zu schwindelerregenden 90 Millionen. Es ist, als habe es die Krise von 2008 nie gegeben.

Ein Blick auf die Käuferliste, sofern bekannt, macht dann auch deutlich, warum es in der Branche trotz des bombastischen Platzens letzten Blase schon wieder so hoch hergeht. Die Investoren stammen aus China, Russland und Griechenland. Amerikanische Namen fehlen auf der Tabelle, es sei denn, es handelt sich um GmbHs mit so klingenden Namen wie „Rainbow Choice".

Auch hinter diesen Firmen werden jedoch ausländische Käufer vermutet, die derzeit als aktivste Investoren auf dem New Yorker Markt gelten. 35 Prozent der New Yorker Wohnungen wurden seit 2013 von Ausländern gekauft, der Großteil davon im Luxussegment. „Wir sind im Prinzip das Bankschließfach der Welt geworden", sagt der Bauherr Michael Stern.

Einige der spektakulärsten Manhattaner Deals der vergangenen Monate gingen ins Ausland. Da war etwa die zehn Zimmer Wohnung, die der russische Oligarch Dmitry Rybolovlev am Central Park zu 88 Millionen für seine Tochter gekauft hat. Oder die 70 Millionen, die der ägyptische Bauunternehmer Nassef Sawiris für sein Pied a Terre bezahlt hat. Doch diese Extreme waren nur die Spitze des Eisbergs. Wohnungen im normaleren New Yorker Preisbereich um die anderthalb Millionen gehen zu Tausenden an ausländische Käufer, teilweise per Internet nach Ansicht eines Grundrisses und eines Videoclips.

Von den Maklern abgesehen, sind die New Yorker von dieser Entwicklung freilich alles andere als begeistert und das nicht alleine wegen des Preisdrucks, den die Investoren aus fernen Ländern ausüben. Man befürchtet, dass ganze Stadtteile demnächst leer stehen, weil die Wohnungen reine Investmentobjekte sind. So sind schon jetzt entlang der Park Avenue 35 Prozent des Bestandes unbewohnt. Ob im neuen One 57 Turm jemals auch nur ein Lichtschalter angeht, ist noch nicht gewiss.

Nun fragt sich die Stadt, warum sie, mehr als je zuvor, zur Bank der Welt geworden ist. Und stößt dabei auf einige unschöne Antworten. So gab der italienische Makler Luigi Rosabianca gegenüber dem New York Magazine ganz unverblümt zu, dass es in vielen Fällen um Geldwäsche geht. „Es ist der rosarote Elefant im Raum. Sobald ein Objekt gekauft ist, fragt in New York kein Mensch mehr danach, woher das Geld kommt."

In den meisten Fällen bleibt das auch so. Doch jüngst hat ein Konsortium investigativer Journalisten aus Washington eine Reihe von prominenten Fällen aufgedeckt, bei denen Geld aus Betrugs- und Korruptionsfällen in New Yorker Luxuswohnungen gelandet ist.

In einem Fall handelte es sich um sechs Millionen Dollar Schmiergelder, welche die damalige First Lady von Taiwan kassiert hatte. Das Geld wanderte an die Schweizer Konten einer Briefkastenfirma auf den britischen Jungferninseln und von dort auf die US Konten eines Strohmannes in Florida. Der gründete wiederrum eine weitere Scheinfirma, in deren Namen er eine Wohnung an der 28ten Straße kaufte.

In einem weiteren Aufsehen erregenden Fall wurde ein Objekt im Finanzdistrikt mit Geldern aus einem russischen Regierungsbetrug erworben. Eine verbrecherische Großorganisation mit Verbindungen zu Regierungskreisen hatte mittels eines komplizierten Komplotts 230 Millionen Dollar an Steuerrückzahlungen erschlichen.

Als Grund dafür, dass New York für solche „Anleger" attraktiv ist, nennt das New York Magazine zweierlei. Zum einen sei es in den USA leichter als sogar in Ländern wie Kenya oder den Cayman Inseln Scheinfirmen zu gründen. „Da fragt kein Mensch, wer wirklich dahinter steckt." Zum anderen ist der Immobilienhandel, anders als reine Finanzgeschäfte, in den USA praktisch komplett unreguliert. „Da gibt es riesige Löcher in der Gesetzgebung", sagt Louise Shelley, Direktorin des Forschungszentrums für internationale Kriminalität und Korruption an der George Mason Universität.

Mit der Aufweichung des Bankgeheimnisses in der Schweiz ist somit der New Yorker Immobilienmarkt zu einem der beliebtesten Ziele für Leute geworden, die etwas zu verbergen haben. Auch, wenn die Waschanlage für die dubiosen Mittel Hunderte von Metern in den New Yorker Himmel ragt.

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