Freitag, 20 Juni 2014

Was will Ta-nehisi Coates?

Posted in email aus New York

Die Debatte um Reparationen der US Regierung für Afro-Amerikaner

In einem voran gegangenen Post habe ich auf die Debatte zwischen zwei prominenten afroamerikanischen Intellektuellen verwiesen, die sich fundamental darüber uneins sind, an welchem Punkt sich die Beziehungen zwischen den Rassen in den USA heute befinden.

In einem voran gegangenen Post habe ich auf die Debatte zwischen zwei prominenten afroamerikanischen Intellektuellen verwiesen, die sich fundamental darüber uneins sind, an welchem Punkt sich die Beziehungen zwischen den Rassen in den USA heute befinden.

http://www.sebastianmoll.de/index.php?cat=2&article=388

Auf der einen Seit ist Jonathan Chait, der zwar zugibt, dass es auch im Amerika Obamas noch eine gewichtige Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung und auch einen weiterhin verbreiteten alltäglichen Rassismus gibt. Dennoch glaubt Chait an Amerika. Er verweist auf die Fortschritte, die das Land in der Gleichstellung der Afro-Amerikaner gemacht hat und ist zuversichtlich, dass die volle Gleichberechtigung und somit die Verwirklichung amerikanischer Ideale irgendwann einmal möglich sein wird.

Auf der anderen Seite ist der Essayist Tanehisi Coates vom Atlantic Monthly, der glaubt, die halbherzigen Reformen der vergangenen 50 Jahre seien nicht annähernd genug, um das Unrecht der vergangenen 300 Jahre wett zu machen. Coates, der Sohn eines Vietnam Veteranen und Black Panther Aktivisten, meint die USA ruhen irreduzibel auf einem Fundament der weißen Suprematie. Daran, so Coates, habe sich auch weder durch die Bürgerrechtsbewegung noch durch Obama etwas geändert. Amerika sei nach wie vor ein zutiefst rassistisches Land.

In dieser Woche hat Coates nun nachgelegt. In einem 20 Seiten langen, gründlich recherchierten historischen Aufsatz fordert Coates Reparationen der US Regierung für die afroamerikanischen Bürger.

http://www.theatlantic.com/features/archive/2014/05/the-case-for-reparations/361631/

„Die Tatsache zu ignorieren“, heißt es in der Polemik, „dass eine der ältesten Republiken der Welt auf einem Fundament des weißen Suprematismus ruht,  so zu tun als seien die Probleme einer dualen Gesellschaft die gleichen Probleme wie die des globalen Kapitalismus, bedeutet, die Sünde der nationalen Plünderung mit der Sünde der Lüge zu kaschieren.“

Coates wehrt sich gegen die Tendenz weißer Liberaler in den vergangenen Jahren, das Rassenproblem mit dem Klassenproblem gleich zu setzen. Die Armut in den USA zu bekämpfen würde nichts dazu tun, die weiter bestehende Ungleichheit zwischen Schwarz und Weiß zu bekämpfen, die nach wie vor himmelschreiend ist. Gleich, ob man Einkommensniveaus, Arbeitslosenzahlen oder Inhaftierungsraten nehme, die Diskrepanz in den USA sei nach wie vor extrem.

Das, so Coates, sei freilich kein Unfall, sondern Resultat eines systematischen institutionellen Rassismus, der sich bis in unsere heutige Zeit fortsetze. Als aktuelles Beispiel führt er die Gesundheitsreform der Obama Regierung an. Wichtige Teile des Gesetzes, vor allem die Ausweitung der Pflichtversicherung für arme, ältere Bürger sind durch republikanische Staatsregierungen im Süden blockiert worden: Genau dort, wo es die größte Dichte an verarmten afroamerikanische Familien gibt. Die direkten Nachfahren der Sklaven sind wieder einmal außen vor.

Diese systematische Ausgrenzung der Afroamerikaner aus der bürgerlichen amerikanischen Mittelschicht, so Coates, ziehe sich durch das gesamte 20. Jahrhundert. Als prominentestes Beispiel führt Coats an, wie die offizielle Politik und Gesetzgebung hart arbeitende Afroamerikaner an der Heimeignerschaft gehindert habe.

Coates erzählt die Geschichte von Clyde Ross, der nach seinem Dienst im Zweiten Weltkrieg von Mississippi in den Norden nach Chicago zog, in der Hoffnung der Armut und der Diskriminierung im Süden zu entkommen.

 http://bcove.me/k8ug0tgb

Doch die Wohngebiete von Chicago waren damals, wie im Übrigen heute noch, streng nach Rasse getrennt. Die Schwarzen-Ghettos waren von staatlich gestützten Hypotheken ausgenommen. Die einzige verfügbare Finanzierung kam von betrügerischen Kredithaien. Ross musste doppelt so viel bezahlen, wie Weiße im Nachbarviertel, die Schuld erddrückte ihn.

Ross organisierte schließlich einen Hypothekenstreik. Er und einige seiner Mitstreiker konnten neue, faire Verträge aushandeln. Die Mehrzahl verlor jedoch ihre Behausungen.

Coates’ Argument für einen andauernden, tief sitzenden institutionellen Rassismus in Amerika ist überzeigend. So überzeugend, dass selbst Entertainer Stephen Colbert, der in seiner Show das verkörperte konservative Amerika gibt, davor kapituliert.

http://thecolbertreport.cc.com/full-episodes/h5opqm/june-16--2014---ta-nehisi-coates

Unklar bleibt jedoch in Coates Essay, wie die Wiedergutmachung aussehen soll, die er fordert. 

Coates spricht lediglich davon, dass Wiedergutmachung der einzige Weg sei, Amerika zu heilen. In einem Interview mit dem TV Journalisten Bill Moyers sagt er, dass es ihm zunächst einmal darum gehe, dass die USA überhaupt ihr Rassismus Problem anerkennen.

 http://billmoyers.com/episode/facing-the-truth-the-case-for-reparations/

„Es ist wie bei einem Alkoholiker“, sagt Coates. „Bevor er nicht zugibt, dass er ein Problem hat, dss sein Leben beherrscht, hat er keine Chance.“

Solche Anerkennung könne  die Form spezieller Programme und Förderungen für Afro-Amerikaner annehmen, die begrüßt würden und nicht im Namen der „Gleichberechtigung“ erstickt. Leider sei es jedoch im derzeitigen politischen Klima der USA gar nicht möglich über so etwas überhaupt zu reden.

Als positives Beispiel für einen produktiven Umgang mit der Vergangenheit nennt Coates interessanterweise Deutschland. Alleine das Schuldeingeständnis der Deutschen am Holocaust und die Reparationen an Israel hätten es möglich gemacht, dass die Nationen auf Augenhöhe weiter existieren könnten und das Deutschland wieder Teil der Weltgemeinschaft werden könne.

Allerdings, so Coates, lägen die Dinge in den USA etwas schwieriger.  „Deutschland hat die Mehrheit seiner Juden umgebracht. In den USA haben wir mehr als 30 Millionen Afroamerikaner. Sie sind ein wichtiger Faktor im politischen Leben.“

Unter diesen Umständen Versöhnung zu erzielen sei ungemein schwierig und erfordere ein hohes Maß an Mut. „Das hat bislang noch kein Land der Welt wirklich versucht.

In den Augen von Coates sei es jedoch der einzige Weg, damit die USA auch nur annähernd ihren Idealen gerecht werden können.

„Farbenblindheit nützt niemandem etwas. Wir brauchen das Gegenteil, wir müssen über Rasse und Rassismus sprechen.“

Das Schwelgen in einer vermeintlichen post-rassistischen Utopie werfe hingegen lediglich einen Deckmantel auf die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse des Landes.

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