Samstag, 15 März 2014

Was ist Normcore

Posted in email aus New York

Es war seit einiger Zeit still geworden um den Hipster, man hatte das Gefühl, dass das Phänomen sich überlebt hat. Der Begriff „Hipster“ war schon lange keine Bezeichnung mehr für eine wirkliche Haltung, der Hipster als solcher war zu einer wohl definierten Subkultur verkommen, einer Gruppe mit einem fest gefahrenen Kanon an Mode, Musik und einer Heimat in ganz bestimmten Gegenden ganz bestimmter Großstädte. Dem Hipster war es ergangen wie vor ihm dem Punk, dem Hippie, dem Goth, etc.....

Die letzte Innovationswelle aus Hipster Biotopen wie Williamsburg  oder er Lower East Side war, wenn man dem Hipster Forscher Mark Greif glauben durfte, der „Hipster Primitive“, der um 2004/2005 auftauchte und der musikalisch wie modisch eine radikal-ökologische Agenda vertrat. Oder besser gesagt „vertrat“, denn etwas wirklich ernst zu meinen, das ist ja eines der formativen Grundprinzipien des Hipstertums, wird von vorne herein als unmöglich durchschaut.

http://nymag.com/news/features/69129/

Doch der Hipster Primitive hat sich nicht wirklich durchgesetzt, er ist ein Epiphänomen geblieben. Bis heute ist der Mainstream-Hipster der klassische „White Hipster“ mit seinen Skinny Jeans und der ironischen Aneignung von White-Trash Artefakten wie dem Trucker Bier Pabst Blue Ribbon Bier, dem ungepflegten Bart und der Trucker Mütze geblieben. Wer diese Dinge aufweist und nicht älter als 35 ist kann getrost nach Williamsburg oder auf die Lower East Side ziehen und sich dort unauffällig einfügen.

Aber vielleicht ist der Hipster ja doch noch nicht vollends Geschichte. In dieser Woche berichtete das New York Magazine von einem neuen Modephänomen, das  als Normcore bezeichnet wird.

http://nymag.com/thecut/2014/02/normcore-fashion-trend.html

Normcore wird als Mode für diejenigen beschrieben, „die wissen, dass sie nur einer unter sieben Milliarden“ sind. Die bisherige Grundfunktion von Mode in westlichen Gesellschaften, sich abzuheben, zu individualisieren, wird radikal konterkariert. Normcore Anhänger kleiden sich „wie die Touristen aus dem Mittleren Westen am Times Square“.

Populäre Ausstattungs-Gegenstände sind Kleidungs-Stücke großer Mode-Ketten wie Gap. Unauffällige Massenware soll es sein, so langweilig wie möglich. Jeans ohne distinguierten Schnitt, funktionale Anoraks, blasse Polo-Hemden.

In Normcore, so scheint es, hat der Hipster vollends zu sich gefunden. Der Hipster, so hat Mark Greif uns das erklärt, definiert sich dadurch, dass er seiner Zeit immer einen halben Schritt voraus ist. Er hat die nächste große Band schon letzte Woche in einem kleinen Club gesehen. Sobald etwas im Mainstream angekommen ist, ist es nicht mehr hip.

Allerdings weiß der Hipster auch, dass sein Bestreben sich als Geschmacks-Seismograph zu distinguieren ein zum Scheitern verurteiltes Unternehmen ist. Er weiß darum, dass er zur Atemlosigkeit verdammt ist und jene Individualität, der er unermüdlich hinterher hechelt, niemals erreichen wird. Der Hipster ist eine inhärent tragische Figur, sein Aggregatzustand ist deshalb die Selbstironie.

Nun also Normcore. Normcore ist das offene Eingeständnis, dass Individualisierung durch Mode zum Scheitern verurteilt ist. Es ist die plakative Aufgabe des Hipsterseins.

Die Ironie dabei ist freilich, dass der langweilige Mainstream damit selbst zum Trend umgewertet wird. Das kann man als den endgültigen Triumph des Hipsters bezeichnen. Oder sein endgültiges Scheitern. Beides liegt dabei so nahe beieinander, dass man es praktisch nicht unterscheiden kann. Der Hipster ist tot. Lang lebe der Hipster.

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