Mittwoch, 05 November 2008

Wahlnacht in Harlem

Posted in email aus New York

Der tag an dem die USA ihren ersten schwarzen Präsidenten wählten

Es ist zwar erst Dreiviertel Neun am Abend der Präsidentenwahl, aber für Pastor Michael Walrond ist schon alles klar. Gerade laufen die amtlichen Ergebnisse aus Pennsylvania über die beiden Großbildschirme, die auf der Bühne in seiner Kirche, der First Corinthian Baptist Church in Harlem, aufgebaut sind: Obama, 55 Prozent, McCain, 44 Prozent. Pennsylvania ist einer der Schlüsselstaaten und deshalb weiß der junge Geistliche jetzt genug, auch, wenn noch nicht einmal die Hälfte aller Staaten ausgezählt sind. „Verliert nicht diesen Augenblick, er ist wertvoll“, ruft er seiner Gemeinde zu, die jetzt endlich, nach monatelangem Bangen, gemeinsam mit ihrem jungen Pfarrer daran zu glauben beginnt, dass es wirklich wahr ist, dass wirklich einer der ihren, ein Schwarzer, Präsident der Vereinigten Staaten wird. 

Gleich wird die Band wieder anfangen zu spielen und der Gospel-Chor wird wieder singen und die 1500 Harlemer, die heute Abend hierher gekommen sind, um gemeinsam diesen Moment zu feiern, werden in einen Tanz verfallen, der so ausgelassen und freudvoll ist, wie man sich einen Tanz nur vorstellen kann. Doch erst möchte der Pastor, dass seine Schäfchen sich noch einen Moment besinnen. „Wir alle können gar nicht ermessen, wie bedeutsam dieser Augenblick ist, weil wir so Vieles für selbstverständlich halten“, mahnt er. Und dann holt er Brad Hicks auf die Bühne. Hicks ist ein 72 Jahre alter, tiefschwarzer Mann, und er ist im Süden aufgewachsen. Er kann sich noch genau daran erinnern, wie das war dort, als er nicht wählen durfte. Nicht einmal ein Eis konnte er sich da unten, in South Carolina kaufen, als er ein kleiner Junge war, weil ihn niemand bedient hat. Auch daran, wie das war, bettelarm zu sein, kann er sich noch erinnern, daran, wie er als Kind auf der Farm seines Vaters Baumwolle pflücken und auf durchgetretenen Schuhen jeden Tag acht Meilen zur Schule laufen musste. Brad Hicks nimmt nichts für selbstverständlich. Stattdessen dankt Hicks Gott, dass er das noch erleben darf heute. 

Die Gemeinde dankt mit ihm: Pfarrer Walrond bittet alle, sich an den Händen zu nehmen und zu beten und Gott darum zu bitten, dass dies der Anbruch einer besseren Zeit ist. Als sich alle umarmt haben, geht dann endlich die Musik wieder los: „I still have hope“ – „Ich habe noch immer Hoffnung“ heizt der Chor der Menge ein. „Even after these eight years“ – „sogar nach diesen acht Jahren“ ruft der Organist und Chorleiter zurück und die 1500 rocken und swingen sich dazu in eine Euphorie, wie sie hier wohl noch niemand erlebt hat. 

Um kurz vor 23 Uhr erreicht die Stimmung im Saal ihren Höhepunkt. Schon lange ist der Ton der Fernsehgeräte ausgeschaltet. Die Gospels und Spirituals, die den Saal erbeben lassen, sind nun der einzige Soundtrack zu dem unwirklichen Schauspiel, das da im Fernsehsender NBC zu sehen. Im Minutentakt erscheint dort jetzt das Gesicht von Barack Obama auf dem Bildschirm mit dem Namen eines Staates und einem Häkchen daneben. Ein Staat nach dem anderen geht an den Senator aus Illinois. 

Um 23 Uhr ist es dann so weit – Obama hat die geforderte Anzahl von 270 Wahlmännern. Organist und Chor halten inne und im Saal brechen jetzt die Dämme. Ein Ohren betäubender Freudenschrei dröhnt aus 1500 Kehlen, Hände werden zum Himmel gereckt, die Leute hüpfen auf und ab. Beinahe eine Viertelstunde lang geht das so, dann fallen sich Viele erschöpft und weinend in die Arme. Eine Kirchendienerin läuft durch die Gänge und verteilt Taschentücher, um die Tränen zu trocknen, die jetzt schwallartig die Gesichter herunter fließen. Auch Brad Hicks läuft mit feuchten Augen im Saal herum, umarmt die Leute und flüstert ihnen ins Ohr: „Gott ist gütig.“ 

Gegen Mitternacht strömt die Versammlung nach und nach hinaus auf die St. Nicholas Avenue, wo ein endloser Strom von Autos hupend auf und ab fährt und wo von überall Obama-Rufe durch die Nacht tönen. An der Ecke zur 125ten Straße ist der Verkehr zusammengebrochen und Zehntausende haben sich vor einer Großleinwand versammelt, um Obamas Rede zu hören. 

Das Wahlkampfbüro von Obama hier ist hingegen leer. Ein einsamer Freiwilliger fegt die Papierschnipsel von vielen Monaten Arbeit zusammen. Jugendliche fahren in einem roten Chevy vor und bitten um ein Poster. „Ich möchte irgendetwas mit seinem Namen drauf“, sagt einer. „Kommt morgen wieder“, sagt der letzte Helfer. „Wir haben Feierabend.“ 

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