Samstag, 15 Februar 2014

Vom Umgang mit Video-Spielen

Posted in email aus New York

Lernen füs Leben?

Ich gebe es zu, ich bin inbrünstiger Video-Spiel Hasser. Welch' immer bildungsbürgerliches Vorurteil gegen Video-Spiele man sich vorstellen kann – ich besitze es. Ich finde sie verdummend, abstumpfend, süchtig-machend, jugendgefährdend und insgesamt ein Symptom für die unaufhaltsame Verflachung unserer Kultur.

Aber ich bin ja gleichzeitig auch ein offener Mensch. Also bin ich im besten Willen, mich überzeugen zu lassen, in der vergangenen Woche zu einem akademischen Vortrag über Spiele gegangen, der sich genau gegen die Vorurteile zu stemmen suchte, die ich liebgewonnen hatte.

Der Vortragende war der Soziologe McKenzie Wark von der New Yorker New School, bekannt dafür ein seltenes Reservat kritischer Sozialforschung in Amerika zu sein. Wark ist der Autor des Werkes „Gamer Theory", in dem er das Video Spiel zum kulturellen Paradigma des 21. Jahrhunderts erhebt. Sich dagegen zu stemmen und sagen wir einmal, lieber Schach zu spielen, glaubt Wark, sei in etwa so, wie im vergangenen Jahrhundert bis in die 50er Jahre hinein das Kino zu verweigern und der Welt alleine durch Romane, Zeitungen und schlimmstenfalls das Radio zu begegnen.

Warks Argument geht in etwa so: Das Internet hat uns alle zu Spielern gemacht. Es gibt kein Außen mehr, keine Position, keine Sprache mehr, mit deren Hilfe man sich an die Seitenlinie der Kultur stellen und sie wie das romantische Subjekt distanziert beschreiben oder kritisieren kann. Das Internet ist laut Wark die Vollendung von Walter Benjamins Allegorie-Begriff – die Bilder befinden sich im freien Austausch untereinander, es gibt keine neutrale Instanz der Bedeutungsstabilisierung. Die Welt ist eine Art Kaleidoskop das nur immer neue Konfigurationen hervorbringt.

An diesem Punkt kommt der Spieler ins Spiel. Man verhält sich zum Ganzen nicht mehr, in dem man sich daneben stellt und betrachtet, sondern in dem man einen bestimmten Spiel-Stil entwickelt. Das Äußerste an Subversion, das noch denkbar ist, ist die Geste des Tändelns (to trifle), die sozusagen ironisch die Spielregeln bis an ihr Äußerstes dehnt.

Das Alles klang recht klug und war mir auch absolut plausibel. Und solchermaßen erfrischt beschloss ich mich dann doch noch einmal auf das Videospielen einzulassen. Schließlich hatte Wark mir doch gesagt, ich muss das, wenn ich die neue Welt verstehen will, ja, wenn ich in ihr überleben will.

Also habe ich mir von der Tochter meiner Lebensgefährtin zeigen lassen, womit sie derzeit so spielt. Ich habe mittlerweile den Namen des Spiels schon wieder vergessen, was wohl einiges darüber aussagt, wie weit mein Wille zum Engagement gereicht hat. Das Spiel wurde mir als lehrreich gepriesen, ein Spiel, in dem der Teilnehmer dazu gezwungen wird, immer kompliziertere moralische Entscheidungen zu treffen.

Tatsächlich konnte ich jedoch nur eines erkennen. Die Figur, die ich steuerte befand sich in irgendeinem Irrgarten und musste durch rasche Cursorbewegungen irgendwelche Monster erledigen um auf die nächste Ebene vorzudringen. Ich war nach Minuten erschlafft und die Tatsache, dass Leute sich stundenlang damit beschäftigen können, war mir noch rätselhafter als je zuvor.

Vielleicht hat mir ja nur die Geduld gefehlt. Vielleicht bin ich für diese Welt aber auch einfach nicht geeignet. Aber ich verspreche, ich probier's nochmal.

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