Mittwoch, 22 Januar 2014

Verkerhrstote und die New Yorker Polizei

Posted in email aus New York

Fußgänger und Radler sind in New York Freiwild

Es war ein blutiges Wochenende in New York, doch es waren weder Pistolenkugeln noch Messerstechereien, die in zwei Tagen vier Menschenleben gekostet hatten. Es waren Autos.

Am Sonntagnachmittag lief im an sich ruhigen Wohnbezirk Upper West Sid die 26 Jahre alte Krankenschwester Samantha Lee vor ihrem Apartmentgebäude über die Straße, als ein Krankenwagen sie streifte. Lee wurde in den Gegenverkehr geschleudert, von einem anderen Fahrzeug erfasst und zu Boden gerissen. Sie war auf der Stelle tot.

Fünf Stunden zuvor tötete am Union Turnpike in Queens ein Ford SUV einen Fußgänger. In der Nacht zum Sonntag wurde in Harlem ein Fahrradfahrer von einem Bus zu Boden gerissen und zu Tode geschleift. Am Samstagvormittag war auf der Grand Avenue in Queens die 68 Jahre alte Angel Hurtado von einem Fahrer getötet, der trotz entzogenem Führerschein sein Auto benutzte.

Erst in der Woche zuvor waren an derselben Kreuzung, an der Samantha Lee starb, zwei Menschen umgekommen, darunter ein neun Jahre alter Junge, der von einem Taxi überfahren wurde. Insgesamt sind bereits sieben Menschen in diesem Jahr durch Verkehrsunfälle in der Stadt umgekommen.

Die Vorfälle sind allerdings nur ein weiterer Höhepunkt einer Epidemie. Die Anzahl der Verkehrstoten in New York steigt jährlich, 2013 waren es 156, im Gegensatz zu 142 2012. Seit 2001 sind mehr als 1800 Menschen durch Verkehrsunfälle in der Stadt gestorben, die Bürgermeister und Polizei immer wieder so stolz als befriedet bezeichnen. Und in der Tat sind Morde in New York mittlerweile ein weit geringeres Problem als rasende PKWs – deutlich weniger Menschen sterben durch Gewaltanwendung als durch Verkehrsteilnahme.

Interessengruppen wie „Transportation Alternatives", die eine weniger PKW-zentrierte Transportpolitik für New York propagieren, beklagen diese Entwicklung schon seit langer Zeit. Bislang stießen die Mahnungen und Warnungen jedoch bei Politikern und der breiten Öffentlichkeit auf taube Ohren. Wegen der Dichte und der Brutalität der Unfälle in den vergangenen Tagen ist das Problem nun jedoch endlich in den Schlagzeilen angekommen. Und der neue Bürgermeister, Bill deBlasio, gelobte eine Initiative zu starten, die bis zum Ende seiner Amtszeit die Zahl der Verkehrstoten auf Null senken soll.

Die vordinglichste Maßnahme dabei ist laut Transportation Alternatives, dass die New Yorker Polizei die bestehenden Verkehrsgesetze auch tatsächlich anwendet. Bei den sieben Todesfällen seit Jahresbeginn gab es nur zwei Anzeigen: Der Mann, der ohne Führerschein fuhr, wurde vor Gericht geladen, ein Busfahrer, der einen alten Mann überfuhr, bekam einen Strafzettel, weil er dem Mann die Vorfahrt genommen hatte. In der überwiegenden Zahl der Fälle müssen Autofahrer, die Menschen töten oder schwer verletzen jedoch mit keinen Konsequenzen rechnen.

Der alte Polizeichef Ray Kelly behauptete, die Rechtslage habe es schwierig gemacht, etwas gegen fahrlässige Fahrer zu unternehmen. New York, so Kelly, sei nun einmal eine dicht gedrängte Metropole, das passieren eben viele Unfälle, das müsse man hinnehmen.

Transportation Alternatives glaubt jedoch, dass der alte Polizeichef schlicht und einfach die Autolobby nicht brüskieren wollte. Die meisten Unfälle passierten laut Studien von Transportation Alternatives aufgrund nachweisbarer Delikte wie Geschwindigkeitsüberschreitungen und der Missachtung von Vorfahrtsregelungen.

Der neue Polizeichef Bill Bratton hat immerhin anders als sein Vorgänger rasch auf die Empörung über die Unfallwelle reagiert. Allerdings entsprach seine Reaktion nicht gerade dem, was sich Befürworter einer Fußgänger-freundlichen Stadt wünschen. Zu Beginn der Woche gingen Brattons Männer aggressiv gegen Fußgänger vor, die rote Ampeln überquerten. In Queens wurde sogar ein älterer Mann von Beamten blutig geschlagen, als er dieser Behandlung durch die Polizisten wiedersetzte. Der Taxifahrer, der den 9 Jahre alten Jungen getötet hatte, übte derweil schon längst wieder ungehindert seinen Job aus.

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