Mittwoch, 30 November 2011

The horror

Posted in email aus New York

Midtown in der Vorweihnachtszeit

Wir hätten es natürlich wissen müssen, dass es ein kompletter Wahnsinn ist, mit den Kindern in dieser Woche abends an die Fifth Avenue zu gehen, um die Weihnachtsschaufenster anzuschauen. Aber es ist nun einmal ein jährliches Ritual in New York. Man inspiziert die opulenten Dioramen, mit denen die edlen Flagshipstores sich gegenseitig auszustechen versuchen,  vergleicht sie, kritisiert sie, isst eine Tüte heiße Maronen zu skandalösen fünf Dollar und geht an den Baum am Rockefeller Center. Und wenn man Glück hat, kann man die Kids davon abhalten, in Saks  oder in den Apple Store zu gehen und so lange zu quengeln, bis man dann doch für irgendetwas Geld ausgibt.

 

Nun wurde ausgerechnet am Mittwoch der Schalter umgelegt, der den Baum am Rockefeller Center beleuchtet, in diesem Jahr eine  25 Meter hohe Fichte aus Pennsylvania. Rund um die Fifth Avenue war kein Durchkommen mehr, die Menschen trampelten sich gegenseitig beinahe tot, die Schlangen vor den Schaufenstern gingen um den halben Block. Die Tatsache, dass die 53te Straße und die Sixth Avenue gesperrt waren, weil Obama zum Baum anknipsen angereist war, machte die Sache nicht eben besser.

 

Nun wäre das alles noch halbwegs erträglich, wenn die Massen in der Mehrheit aus New Yorkern bestünden. In New York ist es immer voll, die New Yorker verstehen es, sich im Gewühl zu bewegen und trotzdem voran zu kommen. Selbst in der U-Bahn Station am Times Square kommt es zur Rush Hour niemals zum Stillstand.

 

Das Problem sind eindeutig die Touristen, die zwischen Thanksgiving, dem Startschuss zur Christmas-Shopping Saison und Heiligabend praktisch den Shopping Distrikt in Midtown übernehmen. Occupy Christmas. Sie gucken in die Luft, bleiben alle drei Meter stehen, laufen mit ihren prallen Täten zu viert nebeneinander, fotografieren sich gegenseitig mitten im Gewühl und flanieren mit einem Tempo den Bürgersteig entlang, als wäre es Siestazeit im Juli in Mexiko.

 

Es gibt unter New Yorkern allerlei boshafte Witze über die Horden, die insbesondere um diese Jahreszeit die Innenstadt blockieren. Das New York Magazine hat bereits gesonderte Gehwege für Einheimische und für Fremde gefordert. Andererseits hat die gleiche Zeitschrift jüngst gemahnt, das wir New Yorker, zu denen ich mich nach insgesamt 12 Jahren wohl rechnen darf, zu den Besuchern nicht all zu garstig sein dürfen.

 

Die New Yorker Wirtschaft ist nämlich, gerade in Zeiten der Krise, von den Touristen so abhängig, wie nie zuvor. Mehr als 50 Millionen sind in diesem Jahr gekommen und haben 47 Milliarden Dollar ausgegeben. Das sind etwa siebeneinhalb Prozent der New Yorker Wirtschaft.

 

Deshalb mahnt der Bürgermeister seine Bürger nett zu sein. Ich versuche das ohnehin, insbesondere bei Landsleuten, auch wenn die all zu vorhersehbaren Nachfragen nach dem Billigkaufhaus Century 21 oder dem Weg zum Ground Zero manchmal nerven. Aber nach Midtown gehe ich vor dem 26. Dezember wohl nicht mehr, wenn ich es vermeiden kann.

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