Mittwoch, 02 Dezember 2015

The Giving Pledge

Posted in email aus New York

Zuckerbergs Geschenk und die Tradition der Philanthropie in Amerika

Das Wochenende nach dem amerikanischen Nationalfeiertag Thanksgiving ist traditionellerweise dem Konsum gewidmet. Kaum ist der Truthahn vom Familientisch verdaut stürzen sich amerikanische Familien ins Getümmel des Black Friday, um die vorweihnachtliche Shopping-Saison einzuläuten.

Um dem extremen Kommerz dieses Wochenendes entgegen zu wirken, rief vor drei Jahren die UN-Stiftung den Dienstag danach zum „Giving Tuesday“ aus. Der Tag sollte dazu genutzt werden, im Geiste von Thanksgiving und der Adventszeit Gutes zu tun.

In diesem Jahr nutzte Mark Zuckerberg den „Giving Tuesday“ ausgiebiger als alle seine Mitbürger. In einem offenen Brief an seine neugeborene Tochter Max gelobte Zuckerberg, 99 Prozent seiner Anteile an Facebook zu seinen Lebzeiten für wohltätige Zwecke auszugeben. Beim gegenwärtigen Stand der Facebook-Notierungen wären das rund 45 Milliarden Dollar.

Mit der Ankündigung folgt Zuckerberg einem Trend unter den erfolgreichen Technologie Unternehmern des Silicon Valley. Während die Großvermögenden früherer Generationen eher zum Ende ihres Berufslebens anfingen, ihre Reichtümer in das Gemeinwohl  zu investieren, steigen die jungen Internet Milliardäre schon früh in das Philantropie Geschäft ein.

Von den Gönnern alter Schule unterscheidet die Zuckerberg-Generation außerdem der Stil. Die Jung-Philantropen geben nicht einfach Geld für wohltätige Zwecke. Stattdessen gründen sie, wie nun Zuckerberg und seine Frau, Philantropie-Firmen. Das Ziel dieser Art von Philantropie-Kapitalismus oder „venture-philanthropy“ ist es, ganz im Geist des Silicon Valley, die Welt zu verändern.

Den jungen Weltverbesserern geht es um maximale Effizienz. Die Projekte, die sie fördern oder gründen, sollen ganz gezielt Probleme lösen. So hat etwa die Immobilien-Erbin Laura Arrillaga-Andreessen eine Firma gegründet, die bessere Bluttests entwickelt. Mit Hilfe der neuen Tests sollen mit nur einem Tropfen Blut kostengünstig und einfach eine große Bandbreite an Krankheiten erkannt werden – ein praktisches Werkzeug für die Krankenversorgung in Entwicklungsländern. Eine andere Stiftung im Silicon Valley hat eine App entwickelt, mit deren Hilfe man ohne Umweg über Hilfsorganisationen direkt Geld an arme Menschen in Afrika schicken kann.

Zuckerberg hat in seinen bisherigen philantropischen Aktivitäten ein besonderes Interesse am Bildungswesen gezeigt. Vor drei Jahren hat er 100 Millionen Dollar an die Schulen der Stadt Newark gespendet – eine der amerikanischen Städte mit der höchsten Arbeitslosen- und der höchsten Kriminalitätsrate. In der Gegend von San Francisco arbeitet er schon seit Jahren mit einer Stiftung zusamen, die mit neuen Schulmodellen experimentiert.

Dieser neue Stil der Großphilantropie, im Gegensatz zum gönnerhaften Spenden des alten Ostküsten-Geldadels auch „West Coast Philanthropy“ genannt, geht vor allem auf Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Stiftung zurück. Zuckerberg hat mehrfach Gates als sein großes Vorbild genannt und war einer der ersten, die sich 2010 dem sogenannten „Giving Pledge“ – dem Aufruf von Gates an die Milliardäre des Landes anschloss, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für die Philantropie auszugeben.

Die Bill und Melinda Gates Stiftung, mit einem Stiftungs-Kapital von rund 44 Milliarden, ist heute ein Großunternehmen, das auf den verschiedensten Gebieten versucht, gezielt Dinge zu verändern. Die Stiftung engagiert sich für Projekte wie Wasserversorgung und Agrarentwicklung in der Dritten Welt aber auch für Bildungsinitiativen oder die Entwicklung von öffentlichem Nahverkehr in den USA.

Dem „Giving Pledge“ von Gates haben sich mittlerweile 137 Milliardäre angeschlossen. So ist Mark Zuckerberg mit seinem Versprechen vom vergangenen Dienstag Teil eines nationalen Trends, die riesigen Vermögen, die in der neoliberalen Ära angehäuft wurden, wieder zu verteilen.

Der Grundgedanke der Philantropie ist unterdessen fest im US-Kapitalismus verankert. Schon die Industrie-Kapitäne des 19. Jahrhunderts wie Andrew Carnegie und John Rockefeller, sahen es als Verpflichtung an, einen Großteil ihrer Reichtümer für das Gemeinwohl auszugeben. So schrieb der Stahlmagnat Andrew Carnegie in seinem Aufsatz von 1889, „Das Evangelium des Wohlstandes“, dass es „eine Schande sei reich zu sterben.“ Dynastien zu beginnen oder gar dem Staat Geld zu hinterlassen, fand Carnegie zutiefst unamerikanisch. Jede Generation solle in Amerikaner ihre eigenen Vermögen anhäufen und somit die Wahrhaftigkeit des amerikanischen Traums unter Beweis stellen.

Zudem glaubten Männer wie Carnegie, dass Großkapitalisten und Unternehmer wesentlich besser dazu geeignet seien, gesellschaftliche Übel zu beseitigen, als Regierungen. Ein Denken, von dem Gates oder Zuckerberg zweifellos auch nicht frei sind. Dass sich ihre Sozialprojekte der demokratischen Kontrolle entziehen, wird dabei in den USA nur selten problematisiert. Der Unternehmer, dieser Glaube sitzt hierzulande tief, ist klüger als das Volk oder gar als irgendwelche Bürokraten in Washington. 

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