Mittwoch, 16 Dezember 2015

The Big Short

Posted in email aus New York

Filmemmacher Alan MacKay will Amerika endlich dazu bringen, sich ernsthaft mit den Ursachen der Finanzkrise zu beschäftigen

 

Hillary Clinton hatte gehofft in diesem Wahlkampf zumindest vorübergehend das Thema wechseln zu können, weg von Donald Trump, Islamophobie und Terror-Paranoia. Doch es wollte ihr niemand so recht zu hören.

In einem ausführlichen Stück auf der Meinungsseite der New York Times legte Clinton in der vergangenen Woche ihre Pläne dar, endlich die Finanzbranche wirkungsvoll an die Leine zu legen. Sie formulierte Gesetzesentwürfe aus, die tatsächlich verhindern, dass eine Katastrophe wie 2008 nicht noch einmal geschieht und die es möglich machen, endlich die Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft zu ziehen. Doch  Amerika, so scheint es, beschäftigt sich lieber mit dem Schreihals Trump und seinen Parolen, als mit den Mechanismen, die beinahe die Weltwirtschaft zum Absturz gebracht hätten.

Genau dieser Unwille, sich wirklich mit 2008 auseinander zu setzen und die Konsequenzen daraus zu ziehen, verstört den Filmproduzenten Adam MacKay schon lange.  „Er ist seit Jahren völlig verstört davon, dass die Landschaft immer noch die gleiche ist. Dass wir zu beschäftigt sind, um inne zu halten und uns zu fragen, was da eigentlich passiert ist“, sagte jüngst sein Geschäftspartner, der Komiker Will Farrell, in einem Interview mit dem New York Magazine.

Als Mitbegründer der Chicagoer Comedy Truppe „Upright Citizens Brigade“ ist MacKay fest in der Tradition des politischen Kabaretts verankert.. Seine beiden letzten Filme „The Other Guys“ und „The Campaign“ hatten bereits versucht, die Darstellung von Korruption mit Humor zu verbinden. Aber für den Stoff des größten Falles von Wirtschaftskriminalität in der Geschichte der USA hatte ihm lange Zeit das passende Format gefehlt.

Ein Grund für sein Zögern war die Tatsache, dass bisherige Filme über die Finanzkrise von 2008 nie den gewünschten Effekt hatten, nämlich, dass „wir einigen unbequemen Tatsachen ins Auge sehen und unseren Way of Life in Frage stellen“, wie MacKay jüngst sagte. Das hatte weder der Spielfilm Magin Call über die letzten Stunden von Lehmann geschafft noch etwa der Dokumentarfilm „Inside Job“.

Um demselben Schicksal wie diese Filme zu entgehen, wählte MacKay sein bevorzugtes Mittel – die Komödie. Und so ist „The Big Short“, der am vergangenen Wochenende in den USA einen begrenzten Kinostart hatte, neben ChiRaq von Spike Lee über die Waffengewalt in Amerika bereits der zweite Film der Saison, der einem sehr schweren Thema versucht mit Humor und Ironie zu begegnen.

Für den Humor sorgt schon alleine die Prämisse. Auf der einen Seite hat man in  „The Big Short“ die Bank-Manager in ihren teuren Anzügen und ihrem autoritativen Gehabe, die behaupten alles unter Kontrolle zu haben, die jedoch, wie der Zuschauer natürlich weiß, schon lange den Überblick verloren haben. Auf der anderen Seite hat man eine kleine Gruppe von Wall Street Außenseiter wie den exzentrischen Hegdefondmanager Michael Burry, der mit Sandalen durch sein Büro schlurft, die schon lange vor dem Crash das ganze marode Spiel durchschauen.

Natürlich bleibt einem das Lachen darüber im Hals stecken. Die vermeintlichen „Helden“ des Stücks sind alles andere als heldenhaft. Sie durchschauen das Spiel, wetten gegen die Weltwirtschaft und profitieren am Ende selbst massiv von der Misere von Millionen ihrer Landsleute. In „The Big Short“ gibt es, wie im wahren Leben, keine Guten. Niemand hat die moralische Festigkeit, um aus dem bösen Spiel auszusteigen.

Ein großes Verdienst des Films ist es unterdessen, wie er, wiederrum mit Humor, die extreme Komplexität entwirrt, die schon seinerzeit verhindert hat, dass eine breite Öffentlichkeit wirklich die Kriminalität und das Ausmaß dessen versteht, was an den Finanzmärkten gespielt wurde. So erklärt „Wolf of Wall Street“-Star Margot Robbie, nackt in der Badewanne Champagner schlürfend, was genau ein Credit Default Swap ist, Selena Gomez spielt in einem Casino in Las Vegas vor, was passiert wenn CDOs (Credit Default Obligations) implodieren und Star Koch Anthony Bourdain vergleicht in einem ähnlichen Exkurs das gleiche Produkt mit altem Fisch, den er trotz seiner Fauligkeit noch zu Geld macht.

Das alles ist sehr wirksam und die Zuschauerzahlen am Wochenende des begrenzten Kinostarts machen Hoffnung, dass es doch den einen oder anderen in den USA mitten im Weihnachtstrubel interessiert, wie marode das Welt-Finanzsystem war und um Großen und Ganzen immer noch ist.  Dass dadurch endlich der nationale Diskurs weg von den Spiegelfechtereien eines Donald Trump und hin zu den wirklichen Themen führt, muss jedoch wohl ein frommer Weihnachtswunsch bleiben.

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