Mittwoch, 19 August 2015

Straight Outta Compton

Posted in email aus New York

Die Aktualität von Gangster Rap

Die Premiere von Straight Outta Compton war zweifellos das Top-Event des Freitagabends an der 125ten Straße, der Hauptschlagader durch Harlem. Die Menschen standen rund um den Block Schlange, um im Magic Johnson Multiplex ein Ticket für das zweieinhalb Stunden Epos über die legendäre Hip Hop Crew NWA (Niggaz with an Attitude) zu ergattern. Vor dem Kino verteilten Bürgerrechtsgruppen in T-Shirts, auf denen „Revolution“ stand, Flugzettel für Demonstrationen gegen Polizeigewalt, junge Zuschauer, die zur Blütezeit von NWA Ender der 80er Jahre vermutlich noch Kleinkinder waren, freuten sich darauf, „etwas über unsere Geschichte zu lernen“, wie auf der Straße zu hören war.

Doch Harlem war keine Ausnahme. Straight Outta Compton nahm am ersten Wochenende USA-weit 60 Millionen Dollar ein, der Streifen, von den Mitgliedern der Gruppe selbst produziert, ist dabei, der Kassenhit des Sommers zu werden.  Entgegen jeder konventionellen Hollywood-Weisheit hat es ein politischer Film mit einer speziellen schwarzen Thematik mitten in den Mainstream geschafft.

 Der Grund dafür wird gleich in der Eröffnungsszene deutlich. Wir sind im Los Angeles des Jahres 1986, im Wohnzimmer eines Hauses des Schwarzenghettos Compton werden reichlich Drogen konsumiert. Dann heulen die Polizeisirenen, Hubschrauberrotoren wummern über dem Viertel. Ein Panzerwagen fährt mit aufgepflanztem Rammbock auf das Haus zu und reißt die Außenwand ein, bevor ein Trupp bis an die Zähne bewaffneter Cops die Bewohner unsanft in Haft nehmen.

Die Szene hätte sich genauso gut in Ferguson im Jahr 2014 zutragen können. Der Film „Straight Outta Compton“  erzählt nicht nur die Erfolgsgeschichte von NWA, deren Protagonisten Dr. Dre, Ice Cube und Snoop Dogg zu Superstars der Hip Hop Szene wurden. Er erinnert vor allem auch an die Wurzeln ihrer Kunst im Belagerungszustand schwarzer Wohnviertel  durch eine militarisierte Polizeimacht – ein Thema, das vor fast 30 Jahren ebenso aktuell war wie heute.

NWA galten als Begründer des Gangsta-Rap, jenem Rap-Genre, das sich in der populären Auffassung vor allem für seine vermeintliche Glorifizierung von Gewalt, Sex, Drogen und Bandenkriminalität festsetzte. Der Film Straight Outta Compton ruft den Kontext in Erinnerung, aus dem der Gangster-Rap entsprang und macht deutlich, dass seine sozio-kulturelle Bedeutung weit über das Propagieren des Gang-Lebensstil hinaus geht.

Straight Outta Compton räumt der damaligen Kontroverse um den Song „Fuck the Police“ einen großen Raum ein, einem Stück, das offen zu Gewalt gegen die Polizei aufruft. „Ich bin ein Nigga auf dem Kriegspfad und wenn ich fertig bin, wird es ein Blutbad geben, von toten Cops auf den Straßen von LA“ rappt da Dr. Dre.

Der Film zeigt wie der Song aus der Alltagserfahrung der NWA auf den Straßen von Compton entstand, aus der ständigen Bedrohung durch schikanöse Polizeigewalt. Und er zeigt die Versuche der Staatsmacht, NWA, die sich stolz auch „die gefährlichste Band Amerikas“ nannten, mundtot zu machen. Das FBI ermittelte seinerzeit gegen NWA, Konzerte wurden gestürmt und abgebrochen und die Bandmitglieder verhaftet und Politiker jeglicher Couleur empörten sich über die Obszönität und die Verherrlichung von Gewalt.

So wurden im Jahr 1991, als die Straßen von LA nach der Brutalisierung von Rodney King durch die Polizei in Flammen aufgingen und 53 Menschen starben, nicht zuletzt auch NWA verantwortlich gemacht. Der Gangster-Rap und die Hymne Fuck the Police, so hieß es, hätteen unnötig den Zorn und die Gewaltbereitschaft auf den Straßen geschürt.

Die Antwort der Gangster Rapper auf solche Vorwürfe war stets dieselbe. Sie sahen sich als Sprachrohr des schwarzen Ghettos. NWA und Gruppen wie Public Enemy oder 2 Live Crew hätten lediglich die Sprache der Straße zur Kunst gemacht und der schwarzen Minderheit in den Ghettos somit Gehör verschafft. So prägte Chuck D. von Public Enemy seinerzeit das berühmte Zitat, dass Hip Hop das „schwarze CNN“ sei, ein gesungener Nachrichtendienst, der Amerika von der Lebenswirklichkeit in Compton, Harlem und der Bronx berichtete, weil es niemand anders tat.

Die Tatsache, dass sich das schwarze Publikum in der Kunst der Gangster Rapper wieder erkannte war sicherlich eine der Grundlagen ihres Erfolgs. Doch der weiße Mainstream wollte nicht zuhören. Während Musikfans den neuen Ton aufregend fanden und den NWA Mitgliedern zu Ruhm und Reichtum verhalfen, konnten sich Politik und Mainstream – Medien nie mit dem Gangster Rap anfreunden.

So änderte sich auch an den Zuständen in den schwarzen Ghettos nichts. Man wollte Stimmen wie die von NWA nicht hören, man wollte den schwarzen Zorn über systematischen alltäglichen Rassismus nicht ernst nehmen.

Der Gangster Rap selbst driftete nach den 90er Jahren mitunter tatsächlich  in die reine Glorifizierung von Gewalt, Sex und Drogen ab, doch die Probleme blieben. Und so hört heute ganz Amerika zu, wenn NWA aus der fernen Vergangenheit „Fuck the Police“ in einen sensibilisierten öffentlichen Raum schreien.

Dabei ist es nicht so, als hätten NWA keine zeitgenössischen Nachfolger. Künstler wie Kendrick Lamar, J. Cole oder D’Angelo haben den Stab aufgenommen und nehmen zur unveränderten Lage in den Schwarzenvierteln  und zur Polizeigewalt ebenso unverblümt Stellung, wie ihre Vorgänger. Doch ihr Ton ist weniger zornig  sondern resignierter, müder, depressiver. Und wer wollte ihnen das verdenken. 

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