Donnerstag, 01 September 2011

Stadt ohne Therapeuten

Posted in email aus New York

New York im August

In der vergangenen Woche war hier in der Zeitung zu lesen, dass Borders, die zweitgrößte Buchladenkette in New York, ein für alle mal dicht machen muss. Amazon und das rasant wachsende e-book Geschäft haben in Verbindung mit den astronomischen New Yorker Ladenmieten den rund 12 Filialen in der Stadt den Garaus gemacht.

 

Die meisten New Yorker, insbesondere die, die schon lange in der Stadt leben, fanden das allerdings gar nicht weiter schlimm. Viele können sich noch daran erinnern, wie Borders und Barnes and Noble die kleinen, unabhängigen Buchläden kaputt gemacht haben. Und die feiern angesichts des Kettensterbens in New York gerade Wiederauferstehung.

 

So wie etwa mein Lieblingsbuchladen McNally Jackson in SoHo. Wie die anderen unabhängigen Läden setzt McNally auf das, was das Netz nicht bieten kann. Kompetente Verkäufer und vor allem Lesungen und Veranstaltungen, die eine Community von Buchliebhabern erzeugen.

 

In der vergangenen Woche hat McNally einen Leseabend mit dem Motto „The Shrinks are Away“ veranstaltet. Zu hören waren Passagen aus Büchern, in denen die Autoren einen Weg finden, ohne professionelle Hilfe  mit ihren Traumata und Neurosen zurecht zu kommen. Susan Shapiro machte sich auf eine Reise um alle verflossenen Liebhaber zu besuchen, Lindsay Harrison versucht durch das Betrachten alter Fotoalben das plötzliche Verschwinden ihrer Mutter zu verarbeiten. Die 20 Jahre junge Molly Jong Fast, gibt ihr fades Party Leben und die Drogenexzesse ihrer New Yorker Jugend auf.

 

Hintergrund des Themenabends war das Phänomen, das in New York im August praktisch alle Psychologen gleichzeitig in den Urlaub gehen. Sie verschwinden in ihren Sommerresidenzen am Meer und überlassen ihre leidenden Patienten in der heißen Stadt ihrem Schicksal.

 

Angesichts der Tatsache, dass jeder zweite New Yorker zur Therapie geht, ist es ein Running Gag in hier, dass die Stadt im August eigentlich völlig durchdrehen müsste. Erstaunlicherweise passiert aber nichts dergleichen. Die Mord- und die Selbstmordraten gehen nicht hoch, die Versorgung mit Pychopharmaka bricht nicht zusammen und so weit man weiß sind die Drogen-und Alkoholexzesse auch nicht schlimmer als sonst.

 

Viele New Yorker sind sogar ganz froh über ihren Therapieurlaub. Eine Bekannte von mir gestand mir, dass sie nicht nur dankbar ist, im August das Geld zu sparen, sondern sich auch einmal einen Monat lang in Ruhe ihre eigenen Gedanken über ihr Leben machen zu können.

 

Machen deshalb viele Therapeuten pleite, wenn sie im September zurück kommen und merken müssen, dass man sie gar nicht vermisst hat? Wohl kaum. Dazu müssten sie viel länger weg bleiben. Und schließlich wäre New York auch ohne seine Shrinks auch irgendwie nicht New York.

 

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