Dienstag, 07 Juni 2016

Roots

Posted in email aus New York

Neuauflage des Sklavendramas für die Black Lives Matter Epoche

Snoop Dogg war noch nie einer, der ein Blatt vor den Mund genommen hat, der Rapper aus South Central L.A. hat seine gesamte Karriere darauf aufgebaut, genau so zu reden, wie er denkt. In dem Video, mit dem er zu Beginn dieser Woche sein Instagram Konto bestückte, war Dogg jedoch selbst für seine Verhältnisse auffallend unverblümt.

„Ich werde mir heute Abend kein verdammtes Roots anschauen“, sagte er seiner Fangemeinde, „ich habe die Schnauze voll von dieser Scheiße. Ich will mir nicht mehr anschauen müssen wie Nigger wie Hunde behandelt werden. Ist das die einzige Art, in der wir erfolgreich sein können, zu zeigen, wie wir vor ein paar Hundert Jahren misshandelt wurden?“

Snoops Tirade bezog sich auf den Fernseh-Vierteiler „Roots“, der am nationalen Helden-Gedenktag der USA anlief und die Woche über mehr und mehr Amerikaner vor die TV- und Computerbildschirme zog. Die Einschaltquoten erreichten zwar nicht die Rekordzahlen des Originals, das 1977 beinahe die Hälfte der amerikanischen Haushalte erreichte. Doch auch das Remake bewegte spürbar das Land. Sechs Millionen schauten jeden Abend hin – für das Zeitalter des Internetfernsehens eine beachtliche Zahl.

Die ursprüngliche Serie, die das Schicksal des Sklaven Kunta Kinte nach dem Buch von Alex Haley erzählte, war seinerzeit mehr als nur ein TV-Ereignis. Die Serie löste in Amerika einen kulturellen Erdrutsch aus. Zum ersten Mal wurde das Land schonungslos mit der Nase auf die grausame Realität der Sklaverei gestoßen, die ebenfalls erstmals aus der Sicht der Opfer dargestellt wurde.

Alle Rechtfertigungen und Romantisierungen, wie etwa in rassistischen Schnulzen wie „Vom Winde Verweht“, fielen beiseite und das Land schaffte es nicht, weg zu schauen. Man war gebannt wie bei dem Anblick eines Zugunglücks. „Vorher war Sklaverei eine Abstraktion“, erinnert sich die schwarze Journalistin Ashley Weatherford, die damals in der fünften Klasse war. „Erst durch Roots wurde das volle Ausmaß der Brutalität, der mentalen und emotionalen Zerstörung bewusst.“

Doch 2016 hat sich das politisch-kulturelle Umfeld gewandelt. Die pure Anerkennung schwarzen Leids reicht schon lange nicht mehr aus. Der Diskurs über Rasse ist um ein Vielfaches komplexer und raffinierter geworden. Die Black Lives Matter Bewegung hat die Aufmerksamkeit auf Polizeigewalt und Masseninhaftierung als moderne Modulationen der Sklaverei gelenkt. Die fortgesetzte wirtschaftliche Diskriminierung ist auf der nationalen Tagesordnung.

In den Medien ist man schon lange nicht mehr dankbar, wenn Schwarze überhaupt außerhalb klischierter Rollen vorkommen. Während der letzten Oscars wurde der Mangel an schwarzen Filmen, Regisseuren und Hauptdarstellern in der Vorauswahl beklagt. Über die Ausgrenzung von Filmen wie Chi-raq von Spike Lee und Straight Outta Compton über die Realität des heutigen schwarzen Amerika hagelte es Proteste. Preise gebe es nur, so die Kritik, wenn Schwarze als Opfer gezeigt werden, wie im Vorjahr 12 Years A Slave.

So entfachte die Wiederausstrahlung von Roots eine hitzige Debatte darüber, ob Darstellungen der Sklaverei in Amerika überhaupt noch einen Platz im öffentlichen Raum haben. Lässt man die nationale „Ur-Sünde“ am Besten hinter sich, indem man sie vergisst? Oder ist es nach wie vor notwendig, genau hin zu schauen und sich darauf zu besinnen.

Die Fraktion um Snoop Dogg glaubt, die Darstellung der Sklaverei komme einer Erneuerung des damaligen Missbrauchs durch die Machtstruktur gleich. „Sie wollen, dass wir das auf ewig in unseren Köpfen eingebrannt haben.“ Die neue Generation wolle jedoch kein Mitleid für vergangene Ungerechtigkeit sondern stattdessen Teilhabe und Gleichstellung.

Die Produzenten des Roots Re-Makes glauben hingegen, dass es nicht nur sinnvoll, sondern geradezu notwendig sei, die Serie, die einst Amerika aufrüttelte, neu aufzulegen. Die simple Logik von LeVar Burton, der weiland Kunta Kinte spielte sowie seines Partners Mark Wolper, war, dass dieser wichtige kulturelle Meilenstein einer neuen Generation zugänglich gemacht werden muss. „Meine Kinder werden kaum irgendeine Möglichkeit suchen, die alten VHS Kassetten anzuschauen“, so Wolper. „Und wenn, dann werden sie das Makeup, die Kostüme und die Kamera fürchterlich finden.“

So haben sie ein Sechs-Stunden-Epos für das 21. Jahrhundert geschaffen. Die Filmwelten sind farbenstärker und kontrastreicher – der Dschungel von Mali ist dichter, die fürchterliche Überfahrt Kintes auf dem Sklavenschiff noch unerträglicher, die Plantage in Virginia und die Figuren, die sie bevölkern eindringlicher und plastischer. Vor allem aber ist Kunta Kinte stolzer und kämpferischer als vor 40 Jahren, zweifellos ein Zugeständnis an das Zeitalter von  Black Lives Matter, das keinen passiv leidenden Helden mehr akzeptieren würde.

Die Geschichte bleibt jedoch dieselbe. Es ist die Geschichte des schwarzen Amerika, personifiziert in einer Familie: Die Geschichte der Entwurzelung und der versuchten Entmenschlichung, der Lebenswillen, Stolz und die Unzerstörbarkeit der Menschenwürde über Jahrhunderte getrotzt haben.

Der Fraktion von Snoop Dogg, die das nicht mehr sehen möchte, stehen reichlich Stimmen entgegen, welche die Aktualisierung für  wichtig halten. So findet etwa die schwarze Medienwissenschaftlerin Stephane Dunn, dass es nicht zu viele Darstellungen der Sklaverei in der Populärkultur gibt, sondern zu wenige. „Es gibt noch immer ein tiefes kulturelles Unbehagen, sich dem Thema wirklich zu stellen.“ 12 Years A Slave und der Toni Morrison Verfilmung Beloved zum Trotz, so Dunn, stünde Roots als das „tief schürfendste und aufrüttelndste dramatische Werk zu dem Thema“ alleine auf weiter Flur. Alleine deshalb verdiene es die Aktualisierung, die es jetzt erfährt.

So hat die Neuauflage von Roots bloß gelegt, dass Amerika noch immer um einen Weg ringt, mit der nationalen Schande der Sklaverei umzugehen. In einer Art und Weise nach vorne zu schauen, die den vollen Umfang der Abscheulichkeit anerkennt und dennoch nicht die Nation noch mehr spaltet als ohnehin, ist auch 40 Jahre nach der Erstausstrahlung nicht erkennbar. Aber immerhin scheint die Diskussion zunehmend unausweichlich – in Zeiten von Black Lives Matter mehr denn je.

   

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