Donnerstag, 31 Juli 2014

Ringen mit Spiderman

Posted in email aus New York

Die Rückkehr der Broken Windows Taktik auf die Straßen New Yorks

Es war ein surreale Szene, die sich da am Times Square vor den Augen umstehender Passanten abspielte, so, als wäre ein Comic zum Leben erwacht. Gleich vier Polizisten rangen den Superhelden Spiderman nieder, der nach fünf Minuten zähen Kämpfens endlich den Widerstand aufgab und sich Handschellen anlegen ließ.

Natürlich war das Opfer nicht der echte Superheld, der hätte sich das nie gefallen lassen. In dem Kostüm steckte der 25 Jahre alte Junior Bishop aus der Bronx, der versuchte, sich hier unter den Touristen ein paar Cents zu verdienen, in dem er sich mit ihnen fotografieren lässt.

Bishop war in diesen Tagen nicht das erste Opfer eines harten Durchgreifens der New Yorker Ordnungshüter, vor ihm wurden schon mehrere andere Superhelden sowie ein Sesamstraßen-Elmo in Gewahrsam genommen. In der U-Bahn erging es Schaustellern nicht besser. Mehrere Gruppen junger Männer, die wie schon seit Jahren im fahrenden Zug für ein paar Cents Hip-Hop Tänze vorführten, wurden von uniformierten Beamten abgeführt.

Der raue Wind, der den Gauklern und Schaustellern in New York derzeit entgegen weht, ist Teil einer gezielten Strategie des neuen Polizeichefs Bill Bratton. Bratton nennt es „Broken Windows“ – ein Polizeivergehen, das auf einer Theorie basiert, die besagt, dass kleine Verstöße gegen die öffentliche Ordnung der wahren Kriminalität das Feld bereiten. Wenn man illegale Straßendarsteller duldet, so das Denken, dann folgen Drogen und Mord auf dem Fuß

„Broken Window“ ist die Taktik, die Bratton berühmt gemacht hat, als er sie im New York der 90er Jahre anwandte. Damals war er Polizeichef unter Bürgermeister Rudy Giuliani und das Verbrechen in New York war auf einem historischen Höchstniveau. Unter Bratton und Giuliani sanken die Kriminalitätsraten drastisch und Bratton behauptete, „Broken Windows“ sei ein wichtiger Grund dafür gewesen.

Einen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt es allerdings bis heute nicht. Zwar hat der Pop-Soziologe Malcolm Gladwell in mehreren Aufsätzen Broken Windows als die Initialzündung für den dramatischen Rückgang der Kriminalität in New York ausgemacht. Ernsthafte Studien, wie etwa ein Artikel der Rechtswissenschaftler Harcourt und Ludwig im Chicago Law Review aus dem Jahr 2006 und eine Untersuchung des Center for Criminal Justice haben gezeigt, dass es zwar eine Korrelation aber keine Kausalität zwischen öffentlicher Ordnung und Kriminalität gebe.

Schlimmer noch als die Tatsache, dass Broken Window nicht nachweisbar bei der Verbrechensbekämpfung hilft, ist die Tatsache, dass die Strategie großen Schaden anrichten kann. So schrieb die Jura Professorin und ehemalige Staatsanwältin Dolores Jones-Brown in dieser Woche in der New York Times: „Broken Windows ist eine völlig überholte Polizei Strategie. Es gibt keinen seriösen Beleg dafür, dass sie funktioniert. Aber es steht fest, dass sie enormen Schaden anrichten kann.“

Jones Brown bezog sich auf den Tod von Eric Garner, der vergangene Woche an einem Herzanfall starb, während vier Polizisten ihn in den Würgegriff nahmen. Garner hatte im Stadtteil Staten Island an einer Straßenecke unversteuerte Zigaretten verkauft. Auch dieses Durchgreifen war Teil von Broken Window. „Es ist offensichtlich, dass der Schaden für Garner und vor allem für das Vertrauen in die Polizei wesentlich größer war, als jeder denkbare Nutzen“, so Jones-Brown.

Für Bürgermeister Bill de Blasio wird das sture Festhalten seines Polizeichefs an dieser Taktik in einer Stadt, in der die öffentliche Ordnung schon lange nicht mehr das vordringliche Problem ist, nun zunehmend zum Problem. Die Attacken gegen Breakdancer und Superhelden im direkten Nachklang zu Garners Tod riefen heftige Kritik an Bratton hervor. Immer mehr Stimmen fordern den Rücktritt von Bratton. „Hier werden Grundrechte verletzt“, sagte etwa Donnel Baird, Direktor eines Sozialprojekts in Brooklyn in einem Kommentar in der Times. „Und diese Verletzungen erschüttern die Grundlagen unserer Gesellschaft um ein Vielfaches mehr, als es kleine Vergehen wie Betteln oder Zigaretten verkaufen jemals könnten.“

Besonders peinlich ist für DeBlasio, dass er sich in seinem Wahlkampf für eine Minderung der Polizeigewalt und der Polizeiwillkür stark gemacht hatte. Nun scheint sein Polizeichef genau das Gegenteil zu bewirken.  In einer Pressekonferenz zu den Spiderman-Vorfällen stellte sich DeBlasio dennoch vor Bratton: „Wenn Gesetze gebrochen werden, muss das angesprochen werden.“ Sehr überzeugt klang das jedoch nicht mehr.

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