Montag, 01 September 2014

Rasse in Amerika

Posted in email aus New York

Ende der postrassischen Utopie

Es hat knapp zehn Tage gedauert seit dem Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown durch sechs Polizeikugeln bis Barack Obama sich zu Wort meldete, doch an diesem Montag war es endlich so weit. Angesichts wachsenden Zorns auf den Straßen des Landes über grassierende Polizeigewalt gegen Minderheiten trat Obama von seinem Urlaubsdomizil in Massachussetts vor die Mirkofone und versuchte die erhitzten Gemüter ein wenig zu beschwichtigen.

Obama schlug den gleichen Tonfall an, den er schon seit langem in solchen Dingen pflegt. Er bemühte sich, für alle Seiten Verständnis zu zeigen und rief dazu auf, einen kühlen Kopf zu bewahren. „Es gibt in zu vielen Gemeinden des Landes ein zu großes Misstrauen zwischen der Ordnungsmacht und der Bevölkerung“, sagte er. Und: „In zu vielen Gemeinden des Landes werden farbige Männer, die von der Gesellschaft zurück gelassen wurden, lediglich als Objekte der Angst angesehen.“

Für die wachsende Zahl derjenigen, die Obama eine zu große Zaghaftigkeit beim Thema der Rassenbeziehungen  vorwerfen, war diese Ansprache wieder einmal zu vage und zu spät. So beklagte sich der schwarze Kommentator des Nachrichtenkanals CNN, Marc Lamont Hill, dass Obama sich davor gedrückt habe, die wahren Probleme zu thematisieren. „Obama muss die Rassen-Ungerechtigkeit direkt ansprechen. Das verlangt die Nation von ihm.“

Obama hat bereits vor seinem Amtsantritt versucht, sich nicht als erster schwarzer Präsident sondern als erster Präsident des post-rassischen Amerika zu positionieren.  So betonte er in seiner Memoire von 2004  seine gemischtrassische Herkunft und bezeichnete sich als „Teil der großen Geschichte von Amerika“, die in seinen Töchtern weiter leben werde.  Es sei die Geschichte großer Ideale zu deren endgültiger Verwirklichung in einer „perfekteren Union“ er beitragen wolle

 Diese schöne Utopie des post-rassischen Amerika, in der das ganze Land rund um Obamas Inauguration schwelgte, wurde jedoch rasch von den Realitäten eingeholt. So war Obama erstmals gefordert, als 2009 der prominente schwarze Harvard-Professor Henry Louis Gates in seinem eigenen Haus verhaftet wurde, weil man ihn für einen Einbrecher hielt. Obama nahm die Haltung ein, die ihm bis heute am angenehmsten ist. Er lud den Polizisten und den Professor zu einem gemeinsamen Bier ein und versuchte die Gemüter zu kühlen.

In den kommenden Jahren bemühte sich Obama, das Thema der fortgesetzten Rassenprobleme in den USA so gut es ging  zu umschiffen.  Doch  als der Jugendliche Trayvon Martin 2012 in Florida vom Sicherheitswächter George Zimmerman erschossen wurde, kam Obama nicht mehr umhin Farbe zu bekennen. Der Präsident gestand zu, dass Trayvon Martin sein Sohn hätte sein können. Und er bekannte, dass er die Alltagserfahrung von Afro-Amerikanern, die oft in den kleinsten Dingen offensichtlichen Vorurteilen und Ängsten begegneten, kenne und verstehe. „Es ist eine Geschichte, die sich einfach weigert, zu verschwinden.“

Mit der Krise in Ferguson droht nun dieses Problem der fortgesetzten Rassendiskriminierung in den USA zu eskalieren. Die Demonstranten sehen den Tod von Michael Brown als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es ist der vierte Tod eines Afro-Amerikaners durch exzessive Polizeigewalt innerhalb von 14 Tagen. Das schwarze Amerika fühlt sich hilf- und schutzlos systematischer institutioneller Gewalt ausgesetzt. Das spiegelt sich nicht nur in den Todesfällen wieder sondern auch in den extremen Inhaftierungsraten unter Afro-Amerikanern und in der wohl dokumentierten Praxis der systematischen täglichen Polizeischikane  in amerikanischen Städten.

„Afro-Amerikaner sind zornig“, schreibt deshalb Lamar Hill auf CNN.com. Für Hill und für immer mehr schwarze Amerikaner ist die Zeit der post-rassischen Schönfärberei mit Ferguson endgültig vorbei.

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