Freitag, 31 Oktober 2014

Projektionsfläche für soziale Reibungsfelder

Posted in email aus New York

Zum viralen Catcall Video

Es gehört zu den ureigenen Eigenschaften des Internet, dass Publikumserfolg nur schwer planbar ist, was „viral“ wird und was nicht, entzieht sich in der Regel der Kontrolle der „Content“-Lieferanten. Insofern ist der New Yorker Agentur „Hollaback“ in dieser Woche ein Geniestreich gelungen.

Es gehört zu den ureigenen Eigenschaften des Internet, dass Publikumserfolg nur schwer planbar ist, was „viral“ wird und was nicht, entzieht sich in der Regel der Kontrolle der „Content“-Lieferanten. Insofern ist der New Yorker Agentur „Hollaback“ in dieser Woche ein Geniestreich gelungen.

Acht Millionen Mal wurde der Videoclip von Hollaback in den ersten zwei Tagen angeklickt, der zeigt, wie eine attraktive junge Frau durch Manhattan läuft und sich mehr als 100 Mal Zurufe in den verschiedensten Graden der Zudringlichkeit gefallen lassen muss. Und nicht nur das: Medien von den großen Kabelnetzwerken über Tageszeitungen bis hin zu Blogs und Tausenden von Twitter-Konten griffen das Thema auf.

Der Clip traf ganz offensichtlich einen Nerv. Mehrheitlich rief er die gewünschte Reaktion hervor, man empörte sich pflichtschuldigst darüber, dass eine Frau in New York nicht einfach die Straße herunter laufen kann, ohne angemacht zu werden. Man zeigte sich schockiert über die allgegenwärtige Verdinglichung der Frau

Die Betroffenheit potenzierte sich noch, als am Donnerstag bekannt wurde, dass die Darstellerin in dem Clip, Shoshana Roberts, nach der Veröffentlichung mehrfache Androhungen der Vergewaltigung erleben musste. So schrieb der New York Times Kolumnist Nicholas Kristof auf seiner Facebook Seite: „Das macht mich zornig. Diese Frau tut der Öffentlichkeit einen Dienst, in dem sie die Belästigung von Frauen auf der Strasse bloßlegt und nun wird sie bedroht. Ich möchte einfach nur sagen: Danke und wir decken Dir den Rücken.“

Allerdings gab es auch diejenigen, die dem Aufruf zur Entrüstung nicht so leicht folgen wollten. In dem Video, bemerkte etwa das Portal „The Improper“, sei kaum einer der Männer übertrieben aufdringlich oder aggressiv. Die Zudringlichkeiten beschränkten sich überwiegend auf Komplimente wie „Du bist hübsch“ oder auf simple Kontaktversuche wie „Hallo, wie geht’s Dir?“ „Was ist denn genau ein „Catcall“ – eine Anmache – fragte deshalb die Seite. „Wo ziehen wir denn genau die Linie zwischen einer freundlichen Kontaktaufnahme, einem harmlosen Flirt und einer Zudringlichkeit?“

Genau diese Frage war es wohl, welche die massive Reaktion auf das Video provoziert hat. Die Aktion von Hollaback deutete gezielt auf ein Problemfeld hin, auf das der klassische Feminismus gemeinhin kaum achtet. Anmache oder Flirt im öffentlichen Raum war bislang eher eine Grauzone, in der sich Sexismus nicht so eindeutig festmachen ließ.

Im Zuge des neuen Feminismus, der sich in den USA derzeit immer stärker manifestiert, gehört dererlei jedoch eindeutig in die Kategorie sexistischen Verhaltens. Der neue Feminismus, der zuletzt gegen Vergewaltigungen an Universitäten aufbegehrte, will auf eine allgegenwärtige „Rape Culture“ aufmerksam machen, die nicht nur Frauen immer und überall zu Sexobjekten macht. Das „Cat-Calling“ auf der Straße gehört da eindeutig dazu.

Doch die Debatte in den USA um das Catcall Video war an diesem Punkt nicht zu Ende. Aufmerksame Beobachter sahen in dem Clip auch eine rassische Dimension. Das Portal Salon etwa bemerkte, dass die Anmacher in dem Filmchen beinahe ausschließlich schwarz und hispanisch waren, das Opfer hingegen weiß. „Geht es hier nicht viel mehr um eine Reaktion auf Gentrifizierer, die durch eine ethnische Nachbarschaft stolzieren?“, fragte deshalb die Kolumnistin.

So hat Shoshana Roberts mit ihrem Spaziergang eine formidable Projektionsfläche für alle möglichen heißen sozialen Themen geliefert hat. Durch ihre bloße Präsenz im öffentlchen Raum, hat sie einiges darüber aufgedeckt, wie dieser in New York funktioniert und strukturiert ist. Und ganz neben, hat sie und ihre Agentur auch noch gezeigt, wie die der öffentliche Raum des Internets beschaffen ist.

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