Donnerstag, 11 Oktober 2007

Please Hold

Posted in email aus New York

Recherchealltag in New York

Es ist manchmal kein Spass als Journalist in einem fremden Land zu arbeiten. Wenn ich früher in Deutschland bei Institutionen oder Firmen oder wichtigen Menschen angerufen und mich als Reporter für das renommierte Medium XYZ vorgestellt habe, dann wurde ich umgehend durchgestellt; oder wenigstens am selben Tag noch zurückgerufen. Nicht so in Amerika. Der Satz „ich arbeite für eine deutsche Zeitung“ ruft bei den Angerufenen etwa die gleiche Reaktion hervor, wie wenn ein Journalist aus, sagen wir, Albanien beim FC Bayern anruft und ein Exklusiv-Interview mit Oliver Kahn möchte. Alleine die Höflichkeit hindert die Vorzimmerdamen und Assistenten daran, sofort wieder aufzulegen. Manchmal wünscht man sich allerdings, dass sie genau dies tun würden, anstatt einen der Charade zu unterziehen, die sich gewöhnlich nach der Anfrage entspinnt. 

Ich arbeite derzeit an einer Geschichte über amerikanische Kirchen. Dazu möchte ich die Pfarrer dieser Kirchen interviewen. Also rufe ich bei verschiedenen New Yorker Gemeinden an. In der Regel bekommt man da zunächst einmal eine automatiserte Ansage an die Strippe. Sehr freundlich bekommt man minutenlang verschiedene Optionen angeboten – von denen einen allerdings nicht eine einzige interessiert. Man kann zu einem weiteren Band mit der Ansage von Gottesdienstzeiten verbunden werden, man kann zu einer Ansage mit Anfahrtsinstruktionen verbunden werden oder man kann per Telefon-Tastatur den Nachnamen der Person eintippen, mit der man reden möchte. Kennt man jedoch niemanden und möchte einen Menschen fragen, mit wem man denn mit seinem Anliegen am Besten reden sollte, hat man Pech gehabt. 

Also tippt man irgendeine Buchstabenkombination ein und bekommt irgendwen ans Telefon. Die Person hört sich dann geduldig an, was man vorzutragen hat. Allerdings spürt man durch die Leitung bereits, dass er oder sie keine Ahnung haben, wovon man redet. Eine deutsche? Zeitung? .. wie heisst die? eine Geschichte über was? Ein Interview? Zu welchem Thema? Das passt alles nicht in das mentale Ablagesystem und deshalb steigt der Angerufene meist nach zwei Sätzen aus und denkt anstatt zuzuhören darüber nach, was er/sie zum Abendessen einkaufen oder in welcher Kneipe er gleich gehen möchte. Trotzdem darf man zu Ende sprechen. Allerdings nur, um dann zu jemandem anderes verbunden zu werden. 

Dann hängt man gewöhnlich zu schwungvoller Gospelmusik etwas zehn weitere Minuten in der Warteschleife. Wenn man das durchhält und nicht wieder aufgelegt hat, geht das Spiel von vorne los. Sollte man nun tatsächlich etwa beim Assistenten des Pfarrers gelandet sein, hat man zumindest das Glück, dass man nicht noch einmal weiter verbunden wird und nach erneuten zehn Minuten in der Warteschleife sein Sprüchlein zum wiederholten Mal aufsagen darf. Was aber nicht heißt, dass irgendetwas von dem was man sagt, nun tatsächlich durchdringt. Wieder steigt das Gegenüber nach wenigen Sekunden aus, lässt einen noch ein paar Minuten ins Leere reden, nur um einen dannzu bitten, das Alles noch einmal per email zu formulieren. 

Das tut man dann auch brav, wohlwissend allerdings, dass das nicht zu viel führen wird. Was sich dann zumeist auch bewahrheitet. Wenn man ein paar Tage später nachhackt, bekommt nach wiederrum fünfzehn Minuten in der Warteschleife zu hören, dass die Anfrage dem Pastor noch nicht vorgelegt werden konnte. Man solle nach ein paar weiteren Tagen noch einmal anrufen. Das tut man dann. Dann heißt es allerdings, dass der Terminkalender des Herrn Pfarrers in der nächsten Zeit gerappelt voll ist. Wenn man dann sagt, man wäre bereit, seine eigenen Terminvorstellungen zu revidieren, darf man einen erneuten Antrag stellen. 

In der Zwischenzeit hat man eigentlich schon, will man auf einen Stundensatz oberhalb des gesetzlichen Mindestlohnes kommen, sein Honorar aufgebraucht. Dabei ist dieses eine Interview nur ein Baustein für eine Geschichte. Dazu kommen fünf weitere Interviews, die bereits geleistete Hintergrundrecherche im Vorfeld, die Nachrecherche, vom Schreiben einmal ganz abgesehen. Wenn sich dann Redaktion in Deutschland meldet, wie weit man denn mit der Geschichte gekommen sei, hört man sich mittlerweile wahrscheinlich schon genauso an, wie die Vorzimmerdamen an denen man versucht vorbei zu kommen .. DieseWoche nicht, bitte, kommende Woche nochmal anrufen. Aber dann, bestimmt ....

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