Dienstag, 04 März 2014

Oscar-Nacht:

Posted in email aus New York

Political Correctness statt Kapitalismuskritik

Es war ein gelungener Eröffnungsmonolog, den Ellen DeGeneres zur Oscar Nacht auf die Bühne brachte, eine ausgewogene Mischung aus Selbstironie und wohlmeinender Stichelei gegen die versammelte Hollywood Prominenz. Doch der Schluss-Satz der Rede ließ den Gästen im Dolby Theater am Sunset Boulevard und den Millionen vor den Fernsehbildschirmen das Lachen im Halse stecken bleiben.

„Entweder heute Abend gewinnt 12 Years A Slave den Oscar für den besten Film“, sagte De Generes bierernster Miene. „Oder wir sind alle Rassisten.“

Natürlich hatten die 6000 stimmberechtigten Mitglieder der Academy of Motion Pictures zu diesem Zeitpunkt schon lange ihre Stimmen abgegeben. Und doch schien es am Ende des Abends so, als habe man sich Ellens Drohung zu Herzen genommen. In der Tat bekam das bittere Film Epos über die Sklavenvergangenheit der USA den Oscar für den besten Film. Anscheinend will Hollywood unter keinen Umständen als rassistisch da stehen.

Es war der passende Abschluss zu einem Oscar-Abend, der Filme zu brisanten sozialen Themen belohnte. Neben 12 Years A Slave, der zusätzlich zum Oscar für den besten Film den Preis für die beste weibliche Nebenrolle in der Person von Lupita Nyong’o bekam, war der große Gewinner des Abends der Dallas Buyers Club. Matthew McConaughey bekam den Oscar für die beste Hauptrolle als der AIDS Patient Ron Woodrof, der Medikamente über die mexikanische Grenze schmuggeln muss. Jared Leto wurde für die beste Nebenrolle als der transsexuelle AUDS Patient Rayon im selben Film ausgezeichnet.

So konnte sich Hollywood in seiner politischen Korrektheit gefallen, die noch dadurch unterstrichen wurde, dass die Gastgeberin Ellen DeGeneres seit vielen Jahren offen lesbisch ist. Die Dankesreden von Lupita Nyong’o und Jared Leto, die beide eloquent den Entrechteten dieser Welt Tribut zollten und vielen im Publikum die Tränen in die Augen trieben, taten ihr Übriges.

Weit weniger populär schienen in Hollywood in diesem Jahr jedoch Filme, die sich kritisch mit dem amerikanischen Kapitalismus auseinandersetzen. Sowohl American Hustle, als auch der „Wolf der Wall Street“ gingen leer aus. Das Thema, so scheint es, ist durch, die Krise von 2008 und ihre Folgen schon so lange her, dass sich mit Introspektion über das System kein Staat mehr machen lässt. Lieber hielt man sich daran, sich an Rassismus und Homophobie abzuarbeiten, Themen, die zumindest im offiziellen Diskurs des Landes kaum mehr kontrovers sind.

Immerhin wagte die Film-Akademie dann doch noch einen potenziell anstößigen Schritt. Cate Blanchett bekam den Oscar für die Hauptrolle in Woody Allens Blue Jasmine. Blanchett dankte in ihrer Rede artig dem Regisseur, auch wenn man ihr anmerkte, dass ihr der Satz schwer über die Lippen ging. Allen ist in den vergangenen Wochen im Gerede, weil seine Stieftochter Dylan Farrow schwere Vorwürfe der Kindesmsshandlung gegen ihn erhoben hat.

Ansonsten war es ein heiterer, leichter Abend, passenderweise eingeleitet von Pharrell Williams mit seinem Happy- Song. Williams’ Happiness spülte in die Ränge und riss sogar die Hollywood A-List von ihren Sesseln. Weder Meryl Streep noch Lupita Nyong’o oder Amy Adams konnten ruhig sitzen bleiben und schwangen zu Williams’ ansteckendem Stimmungsaufheller selig die Hüften.

Die steife Getragenheit, von der oft die Oscars geprägt sind, war gebrochen und Ellen De Generes stellte sicher, dass das so bleibt. Man hatte den Eindruck, dass die Gastgeberin sich mehr im Auditorium als auf der Bühne aufhielt. Mal flachste sie mit Jonah Hill über dessen Nacktszenen im Wolf of Wall Street, mal schoss sie mit den Superstars des Gewerbes ein Selfie, das dann auch prompt Twitter zum Absturz brachte. Schließlich bestellte sie bei einem Lieferdienste Pizza und teilte die fetten Schnitten an die Stars aus, die sie zum Teil nach ihrer Vor-Oscar Hungerkur gierig verschlangen.

Das alles war ebenso schwerelos wie der zweite Abräumer des Abends neben „12 Years A Slave“, das Weltraumdrama „Gravity“ mit Sandra Bullock und George Clooney. Hollywood nahm sich nicht zuletzt dank Ellen De Generes in diesem Jahr selbst nicht so besonders ernst. Und das war durchaus erfrischend.

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