Dienstag, 01 Oktober 2013

Orange is the New Black

Posted in email aus New York

Die neue Netflix Erfolgsserie

Seit einigen Wochen macht eine Rede von Kevin Spacey auf einer Konferenz in Edinburgh die Runden im Netz, eine Rede, in dem der Schauspieler (American Beauty) die Vorzüge der Produktion und des Vertriebs von TV Serien per Streamingdiensten wie Netflix preist.

Natürlich war die Rede nicht ganz uneigennützig, Spacey spielt die Hauptrolle in der Serie House of Cards, die Netflix exklusiv für das Netz produziert hat und die für einen ganzen Haufen Emmy Awards nominiert ist.

Das beeinträchtigt allerdings nicht die Gültigkeit von Spaceys Kernargument. Spacey sagt, dass das Wichtigste im Internetzeitalter ist, dem Konsumenten komplette Kontrolle darüber zu geben, was er wann, wo und auf welchem Gerät ansehen oder lesen möchte. Falls die Fernsehnetzwerke nicht endgültig aussterben wollen, müssen Sie dieses oberste Prinzip verinnerlichen.

Ich gehöre ja eigentlich zu den konservativeren Medienkonsumenten und finde nicht unbedingt, dass wir uns daran gewöhnen sollten, uns permanent unsere Sinneseindrücke danach gestalten zu können, in welcher Laune wir uns gerade befinden. Ich finde, dass eine gewisse Widerständigkeit unserer Medienumwelt wie auch unserer Umwelt insgesamt durchaus ihre Tugenden hat. Allerdings hat mich meine chronische Schlaflosigkeit auch schätzen gelehrt, nachts um 3 genau dort weiter zu schauen, wo ich in der Vornacht aufgehört habe.

Meine jüngste nächtliche Obsession ist auch eine Netflix Serie, wenn auch nicht Spaceys House of Cards. Die konstitutive Verderbtheit von Washington hat mich nach zwei Folgen ein wenig gelangweilt. Es ist ja nicht so, dass man das nicht weiß.

Gefesselt hat mich hingegen die andere Netflix-Erfolgsserie Orange is the New Black. Zuzuschauen, was passiert, wenn das behütete weiße Mittelschicht Amerikas auf die vulgäre ethnische Unterschicht prallt, weil man sich einfach nicht mehr aus dem Weg gehen kann, ist grenzenlos unterhaltsam.

http://www.youtube.com/watch?v=nryWkAaWjKg

OitB ist die Geschichte von Piper Chapman, einer gut aussehenden, blonden jungen Frau, die mit ihrem Verlobten in Brooklyn lebt. Er ist aufstrebender Journalist, sie hat gerade mit ihrer Freundin eine Kosmetikmarke gelauncht, das Paar hat eine niedliche Brownstone-Wohnung in Park Slope, vor der sie gewiss bald einen Kinderwagen die baumbewachsene Allee auf und ab schieben werden.

Doch dann zerstört wie ein Blitzschlag ein katastrophales Ereignis die Idylle. Piper wird von einer dunklen Episode aus ihrer Vergangenheit eingeholt. Sie hat während ihrer Studentenzeit gemeinsam mit ihrer damals lesbischen Geliebten Drogen geschmuggelt. Die ist jetzt verurteilt worden und hat sie verpfiffen. Piper wird zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.

Damit beginnt das große Sozialexperiment. Pipers Vorstellungen, dass sie sich von den Mitinsassinnen fernhalten und die Zeit zur Selbstverbesserung nutzen kann, platzen schon nach wenigen Stunden. Stattdessen muss sie rasch lernen, sich in der Gesellschaft dieser Frauen durchzusetzen und zu überleben.

Diese Frauen – das sind schwarze Mädchen aus dem Ghetto, deren Weg in die Strafanstalt von ihrem ersten Lebenstag an vorgezeichnet war und die sich hier wohler fühlen als in dem Dreck aus dem sie kommen. Das ist eine russische Köchin aus Brighton Beach mit Mafia-Verbindungen, das sind drei Generationen einer Latino-Familie aus der Bronx, die sich durch den Geliebten der Mutter in Drogengeschäfte haben verwickeln lassen. Und das ist auch Pipers Geliebte von einst, die sie verpfiffen hat. Kurz es ist das, was man in Park Slope als Abschaum ansehen würde, als den Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft.

Nun lernt Piper allerdings erstaunlich schnell die Regeln in dieser Gesellschaft und setzt sich geschickt durch. Mehr noch, sie lernt viele dieser Frauen schätzen und lieben. Sie lässt sich sogar wieder auf eine lesbische Liebschaft mit ihrer Ex ein. Von ihrem Yuppie-Gatten entfernt sie sich jedoch zunehmend.

Das ist eine hübsche Botschaft im nach wie vor bestehenden ökonomischen und rassischen Apartheidssystem des heutigen Amerika (The New Jim Crow). Eine WASP steigt hinab zu den Unantastbaren und entdeckt die Menschlichkeit, die sie verbindet. Die putzige Wohlstandswelt, aus der sie stammt, kommt ihr hingegen zunehmend verlogen und leer vor.

Dass das alles im Gefängnis stattfindet, gibt der Serie zusätzliche Schärfe. Das Gefängnissystem in den USA, so seine härtesten Kritiker wie David Simon oder Michelle Alexander, ist heute dazu da, die Unerwünschten in der Gesellschaft, diejenigen, die von der Dienstleistungsgesellschaft als nutzlos ausgespuckt wurden, dauerhaft vom Rest der Gesellschaft abzusondern. Es ist eine Art modernes Konzentrationslagernetz. In Orange is the New Black steigt eine Angehörige der herrschenden Kaste in diesen Hades hinab und hat ein Aha-Erlebnis.

Was man nun brennend erfahren möchte ist freilich, was mit Piper passiert, wenn und falls sie heraus kommt. In ihre alte Rolle kann sie nun schwerlich zurück. Dass sie mit ihren Schwestern in die Bronx zieht ist aber ebenfalls nicht vorstellbar. Sie gehört nirgends mehr hin.

Aber bis die Serie sich da entscheiden muss, ist noch Zeit. Gerade wird die zweite Staffel gedreht, Piper muss also noch 13 Folgen lang im Knast von Litchfield zubringen. Und so brauche ich mir um die schaflosen Nächste der nächsten Monate keine Sorgen zu machen.

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