Dienstag, 17 September 2013

Neue Hysterie in New York

Posted in email aus New York

Der Cronut Wahn

Eine neue Hysterie hat New York befallen. Die Cronut Hysterie.

Cronut? Für alle, die sich in den letzten Tagen mit wirklich wichtigen Dingen beschäftgt haben: Ein Cronut ist eine Kreuzung zwischen einem Donut und einem Croissant, ein kleines, süßes, frittiertes Blätterteigteil, erfunden von Patissier Dominique Ansel in SoHo. Seit Ansel zu Beginn des Frühjahrs mit seiner Kreation auf den Markt kam, ist ganz New York Meshugge nach den süßen Stückchen, die Manie treibt immer abstrusere Blüten. Schon ab sechs Uhr morgens bilden sich Schlangen vor Ansels Geschäft. Leute verkaufen ihre Plätze in der Schlange für 100 Dollar und mehr, andere bieten für ebenso viel Geld ihre Dienste als Cronut Einkäufer an. Auf dem Schwarzmarkt erzielen die Cronuts, die täglich nur in begrenzter Menge gebacken und streng kontingentiert werden (vier Stück pro Käufer), mittlerweile bis zu 60 Dollar das Stück.

Natürlich ist klar, das kein süßes Teilchen der Welt so viel Geld wert sein kann, gleich wie köstlich es auch sein mag. Den Ursprung der Manie im frittierten Teig selbst zu suchen, wäre deshalb sicherlich grober Unfug. Die Explosion des Marktes für ein Produkt, das vorher niemand kannte und brauchte liegt zweifellos anderswo, irgendwo in den Tiefen der kollektiven New Yorker Psyche.

Leider sagt die Cronut Hausse allerdings wohl nichts Schmeichelhaftes über diese Psyche aus. Eigentlich kann man sie nur als Symptom einer schweren Persönlichkeitsstörung sein.

Natürlich war New York schon immer eine narzisstische Stadt, sich abzuheben, zu differenzieren, war stets eine wirkmächtige Antriebskraft der Bewohner dieser Metropole. Nur – in der Vergangenheit geschah das häufig über verfeinerten Geschmack in Kunst, Musik, Literatur oder wenigstens Mode. Nun ist New York auf den Kreppel gekommen. Ein trauriger Zustand.

Noch trauriger wird die Geschichte dadurch, dass die Kreppelhörnchen-Manie auch nicht abgeebbt ist, als sich der Cronut rund um die Welt herum gesprochen hatte. Nicht einmal die Touristen aus Deutschland, Japan oder Kansas, die mittlerweile ebenfalls für den Cronut Schlange stehen, halten die Leute davon ab, sich um das Kaffeestückchen zu balgen. Dabei ist der Effekt, sich dadurch als Kenner auszuzeichnen, schon lange verpufft. Man hechelt nur noch einem Hype hinterher, um des Hypes willen. Daran würde sich wohl leider auch nichts ändern, wenn Ansel getrockneten Kuhmist verkauft.

Vor diesem Hintergrund ist es schwer zu entscheiden, ob es beruhigen soll, dass die Menschen auch für die hervorragenden kostenlosen Shakespeare Aufführungen im Central Park den Sommer über einen halben Tag Schlange stehen. Oder die kostenlosen Met-Konzerte. Oder die kostenlosen Freiluftfilme im Bryant Park. Oder die kostenlosen Museumsabende im MoMa und im Met. Geht es wirklich um den Kulturgenuss oder eher wie beim Cronut auch nur um das Dabeisein beim nächsten Spektakel, nach dem Motto sicherheitshalber mal anstellen, wo eine Schlange ist, man könnte ja etwas verpassen. Es ist beinahe so wie früher in den ehemaligen Ostblockländern.

Man will hoffen, dass beides eine Rolle spielt, jedenfalls beim Theater, Kino oder im MoMa. Oder bei der nächsten tollen Indie-Band, die in Williamsburg spielt und die noch keiner kennt. Obwohl ich gerade bei Letzterem die Befürchtung habe, dass es sich nicht viel anders verhält, als beim Cronut. Der Hipster und der Möchtegern Gebäck-Gourmet, sie sind sich wohl näher, als ihnen beiden das lieb ist.

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