Sonntag, 20 Februar 2011

Marjories Blues

Posted in email aus New York

Besuch in Marjorie Elliots Jazz-Parlor

Das gesamte letzte Jahr über hatte ich mir vorgenommen, mal wieder Sonntags zu Marjorie zu gehen. Aber wie das so ist, es kommt immer irgendetwas dazwischen, es gibt irgendetwas wichtigeres oder das Wetter ist zu schön. 

Das ist eigentlich dumm, denn die Salons bei Marjorie Eliot gehören zum Besten, was man in New York mit einem Sonntag anstellen kann. Majorie ist eine ältere schwarze Frau, etwa Mitte 70, eine ehemalige Musikerin und Bühnenschriftstellerin die in einem einst eleganten aber leicht herunter gekommenen Apartmenthaus in Harlem lebt. Seit nunmehr 19 Jahren öffnet sie an jedem Wochenende die Türen zu ihrer Wohnung. Sie stellt Klappstühle auf, serviert Kekse und Orangensaft und jeder ist so willkommen, als wäre er Teil der Familie. 

Und dann wird Musik gemacht. Marjorie sitzt am Klavier, ihr alter Weggefährte Bob Cunningham, der schon mit Thelonius Monk gespielt hat, spielt das Kontrabass und die beiden werden von einer stets wechselnden Besetzung von jungen Jazzern begleitet: Sedric der Saxofonist aus Paris, Koji, der Trompeter aus Japan, junge Sängerinnen aus dem Viertel – wer auch immer Zeit und Lust hat. Man lässt einen freiwilligen Beitrag im Hut bevor man geht aber darauf kommt es nicht an. Es kommt nur darauf in einer intimen Umgebung gemeinsam zu musizieren und seine Musik mit anderen Leuten zu teilen. 

Marjorie hat mit den Salons angefangen, um über den Tod ihre ersten Sohnes Phil hinweg zu kommen, der 1992 an Nierenversagen gestorben ist. Sie sagte, die Sonntage seien damals unerträglich gewesen und deshalb habe sie Musik und Menschen um sich herum haben wollen. In der Zwischenzeit ist auch Michael, der zweite ihrer fünf Söhne an Hirnhautentzündung gestorben. Marjorie hat immer weiter gemacht. Jeden Sonntag. Nicht ein einziges Konzert ist ausgefallen. 

Am vergangenen Sonntag war ich mir jedoch erstmals nicht sicher, ob Marjorie die Kraft haben würde, sich ans Klavier zu setzen. Am Freitag fand sich in der New York Times eine Notiz, dass auch ein dritter ihrer Söhne verschwunden ist. Der 32 Jahre alte, geistig behinderte Shawn war am 9. Februar am Broadway in einen Bus gestiegen und wird seither vermisst. Als wir um halb vier am Sonntag an der Wohnungstür des Apartments 3F in der Number 555 Edgecombe Avenue geklingelt haben, wussten wir deshalb erst nicht, was uns erwartet. Doch das Wohnzimmer war bereits voll von Gästen, Marjorie hatte sich ein grünes Samtkostüm und hübsche Ohrringe angezogen und begrüßte uns mit einer herzlichen Umarmung an der Tür. Ich gestand ihr, dass ich nicht sicher war, ob sie Leute sehen wollte an diesem Tag. Doch doch, versicherte sie mir. Es sei schön, dass die Menschen gekommen seien. „Das ist doch die Art und Weise, wie wir das feiern, was wir sind“, sagte sie. 

Und in den nächsten eineinhalb Stunden zeigte sie, was sie damit meinte. Zusammen mit Sedric, Koji und Bob spielte sie den Herz-zereißendsten Blues, den man sich nur vorstellen kann. Es saß niemand in Marjories Wohnzimmer, dem nicht die Tränen in Strömen herunterlief. Jeder war Mensch in diesen 45 Minuten, egal ob schwarz oder weiß. 

Wer vorher nicht verstand, worum es beim Blues geht, der begriff es am vergangenen Sonntag im Apartment Nummer 3F an der Edgecombe Avenue. Der Blues, das war schon immer zu forderst ein Mittel, mit Würde weiter zu leben, auch wenn der Schmerz und das Leid eigentlich zu groß sind, um weiter zu machen. 

Es ist schwer zu sagen, ob es Marjorie danach besser ging. Sie stand am Ende des Konzerts vom Klavier auf und zog sich zurück. Ihr Sohn Rudell, ebenfalls hauptberuflicher Jazzer, der den Nachmittag mit einer Ode an seinen Bruder beendet hatte, verabschiedete die Gäste mit einer etwas angestrengten Freundlichkeit. 

Es gibt im Moment sicher nichts, das Marjorie wirklich zu trösten vermag. Aber wenn es etwas gibt, das sie am Leben erhält, dann ist es ganz gewiss, am Klavier zu sitzen und den Blues zu singen. 

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