Mittwoch, 04 Februar 2015

Man Spread

Posted in email aus New York

Die neue Front im Gender Krieg

Jeder, der einmal mit der New Yorker U-Bahn gefahren ist, hat das schon einmal erlebt. Der Waggon ist brechend voll, die Fahrgäste, die neu einsteigen, kommen kaum mehr durch die Tür, bevor sie schließt. Und doch sitzt ein Mann breitbeinig in der Mitte zwischen zwei Sitzschalen und tut so, als gehe ihn das alles nichts an. Auf die Bitte hin, doch Platz zu machen, reagiert er im besten Fall mürrisch im schlimmsten Fall zornig.

Die New Yorker haben für dieses asoziale Verhalten nun einen Namen: Man Spreading, wird das rücksichtslose Sich-Ausbreiten genannt –ein Begriff der sowohl auf das Spreizen der Oberschenkel, als auch auf das Sich-Ausbreiten im öffentlichen Raum anspielt. Und seit Beginn diesen Jahres geht die Verkehrsgesellschaft MTA nun systematisch gegen den Scherensitz vor, mit dem vorwiegend männliche Zugfahrer so viel Territorium markieren, wie sie nur irgend können.  „Dude – stop the spread please“ – „Typ – lass das Ausbreiten sein“ ist auf Schildern in den Zügen zu lesen, nebst einem Piktogramm, das einen Man Spreader zeigt.

Eigentlich müsste die Aufforderung unkontrovers sein. Was könnte man schließlich vernünftigerweise dagegen einwenden, sich in einem notorisch überfüllten U-Bahn-Netz auf die 45 Zentimeter zu beschränken, welche die Innenarchitekten der New Yorker Bahnen aufgrund von statistischen Erhebungen über Hüftbreiten jedem Fahrgast zugeteilt haben? Doch die Stigmatisierung der Man-Spreader hat dennoch eine Debatte  ausgelöst, die so hitzig geführt wird, wie New Yorker eben gerne streiten, wenn es um etwas geht, dass ihren Alltag betrifft.

Viele Pendler sind dankbar, dass sich die Behörden des Themas endlich angenommen haben. So schrieb der Kultur-Blogger Brian Moylan als Reaktion auf die Kampagne ein feuriges J’Accuse gegen die Man-Spreader. „Diese Leute brechen den Sozialvertrag dieser Stadt“, so Moylan. „Wir haben nicht genug Platz auf dieser Insel und jeder sollte nur den Raum beanspruchen, der ihm zugeteilt wird.“

Ähnlich sieht es die Schauspielerin Kelley Rae O’Donnell, die schon lange vor dem Fahrbetrieb MTA ihre eigene Kampagne gegen das Manspreading gestartet hat. Auf den Blog „Men taking up too much space on the subway“ lädt sie regelmäßig Fotos von besonders flagranten Fällen des Man Spreading, um die Spreizer öffentlich zu beschämen. „Es macht mich verrückt“, so O’Donell. „Es ist so was von rücksichtslos in dieser überfüllten Stadt.“

O’Donnells Blog ist nicht der einzige seiner Art, Bilder von über drei Sitze ausgebreiteten Männenr sind auch auf den Seiten „Your Balls Are not that big“ – „So groß sind Deine Eier nicht“ – und auf „Move the Fuck Over Bro“ – Rück `verdammt nochmal rüber Freundchen – zu sehen. In den Kommentaren zu den Fotos auf diesen Seiten macht sich jedoch ein massiver Zorn der Männer darüber breit, auf diese Art ausgedeutet zu werden. „Habt Ich schon einmal etwas von Hoden gehört?“, verteidigte sich da ein beleidigter Man Spreader. „Ich werde meine Genitalien bis zu dem Tag verteidigen, an dem ich sterbe, und Du hast keine Ahnung wie es ist, externe Geschlechtsteile zu haben“,  meckerte ein anderer.

Doch die Gegner des Man Spreading wollen das Argument des genitalen Unbehagens nicht gelten lassen, nicht einmal die männlichen. „Als Besitzer eines Penis“ schreibt Brian Moylan, „kann ich nur sagen, dass es vollkommen unmöglich ist, dass Dein Paket so groß ist, dass Du Deine Beine so weit spreizen musst, wie der Grand Canyon. Und wenn, dann solltest Du Dir einen Gefallen tun, und ein Taxi nehmen.“

In Wirklichkeit glaubt Moylan, gehe es hier doch um etwas ganz anderes. „Man Spreading ist eine visuelle Manifestation patriarchalischen Privilegs“, meint er. Das provokative Spreizen der Oberschenkel ist demnach nichts anderes als klassisches Alpha-Männchen-Verhalten. Man besetzt so viel Platz, wie man nur eben kann, als Herausforderung an Rivalen und als plumpes  Geltendmachen der eigenen Präsenz.

Insofern ist das Man Spreading dem Federspreizen der Pfauen nicht unverwandt. „Das Männchen plustert sich auf , versucht die Rivalen einzuschüchtern und das andere Geschlecht zu beeindrucken“, schreibt Nina Bahadur in eine Kolumne über das Man Spreading in der Huffington Post. „Es ist letztlich der Versuch, Potenz zu demonstrieren.“

Natürlich geht dieser Versuch in der U-Bahn des hochzivilisierten New York nach hinten los. „Das einzige was ich sehe ist ein Mann der dringend Aufmerksamkeit braucht und unter schmerzlicher Unsicherheit leidet“, schreibt Bahadur. Ein höflicher, rücksichtsvoller Mann beeindrucke sie wesentlich mehr.

So sind die New Yorker Männer nun auch in der U-Bahn dazu angehalten, ihr Rollenverhalten zu überdenken und das mit behördlichem Nachdruck. Die Räume für Machos werden enger im Big Apple. Genau 45 Zentimeter haben sie noch Platz und wenn sie über die Stränge schlagen, laufen sie seit Neuestem Gefahr, schonungslos an den digitalen Pranger gestellt zu werden.

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