Dienstag, 05 Juli 2011

Let the memories begin

Posted in email aus New York

Ein Tag in der Disney Hölle

Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass es mich in diesem Leben noch einmal nach Disney World verschlägt aber bisweilen hat das Schicksal einen grausamen Humor und treibt einen zu Dingen, die man so gut gebrauchen kann, wie einen mehrtägigen Migräneanfall. 

Seit Monaten schon klagen die beiden Töchter meiner Lebensgefährtin, dass sie in der Schule als Teenager zweiter Klasse betrachtet werden, weil sie noch nie die floridianische Version von Neuschwanstein gesehen haben und noch nie mit Mickeymausohren auf dem Kopf in beinahe Schallgeschwindigkeit aus 45 Stockwerken Höhe in Richtung Erde gerast sind. Also fanden wir uns in der vergangenen Woche wie eine gute amerikanische Durchschnittsfamilie in den Osterferien unverhofft in Orlando am Eingang des „Magic Kingdom“ wieder- dem zentralen Amüsiergelände des ortsansässigen Disney Imperiums. 

Das heißt zunächst einmal fanden wir uns auf dem Parkplatz Daisy 33 wieder, von dem aus uns hocheffizient eine Pendelbahn an das Hauptportal brachte. Wenigstens waren wir nicht in Goofy oder gar auf dem Pluto gelandet. 

Das Eingangstor versprach in großen Lettern „Let the Memories beginn“- Lasst die Erinnerungen beginnen. Nicht etwa die Erlebnisse oder den Spaß, sondern die Erinnerungen, die offenbar von Disney dem, an das man sich erinnern soll, irgendwie magisch vorgeschaltet sind; oder zumindest damit synchronisiert – das Erlebte ist schon im Moment des Erlebens Erinnerung. 

Hier wären meine Partnerin und ich gerne ein wenig verweilt und hätten über diese Semantik sinniert, doch dafür hatten die lieben Kinder nur wenig Sinn. Sie wollten Spaß. Der kam vorwiegend in der Form von Schlange stehen an den verschiedenen Attraktionen, Erlebniswelten wie der „Small World“ – einer fröhlichen Versammlung sämtlicher Weltkulturen in hochdestillierter Klischeeform -; oder einer Gruselachterbahn mit doch immerhin beeindruckenden Hologramm-Effekten. Etwa die Hälfte der zehn Stunden bestanden daraus, sich von den jeweils thematisch kostümierten, stets penetrant fröhlichen „Castmembers“ - oder Darsteller - genannten Mitarbeitern in endlosen Slalomschlangen zu dem Punkt führen zu lassen, an dem man in irgendein Land- oder Wassergefährt einsteigt um sich betören zu lassen. 

Da saß man dann also in den vorfabrizierten Instant-Erinnerungen. Rechts oder links ausscheren war komplett unmöglich, nichts was den Erinnerungsplan gefährden könnte war erlaubt. Selbst die Fotospots, mit deren Hilfe man die „Erinnerungen“ dann zurück nach Hause transportieren konnte, waren genau markiert, freundlich gesponsert von der Firma Kodak. 

Nach etwa sechs Stunden dann ein vermeintlicher Lichtblick. Auf der staubigen Hauptstraße der Westernstadt kündete ein täuschend verwittertes Schild einen Saloon an. Selbst ein wässriges Budweiser hätte ich zu diesem Zeitpunkt genossen wie einen 12 Jahre alten Whisky – nur irgendetwas, was die fortschreitende Totalverstumpfung erträglich macht und es erleichtert, gegenüber den Kindern Enthusiasmus vorzutäuschen. Doch so werden Erinnerungen bei Disney leider nicht gemacht. „Dies ist ein trockenes Königreich“, informierte mich grinsend aber mitleidslos eine „Darstellerin“ am Eingang. Im Saloon gab es lediglich Coca Cola und Pommes, das Western-Ambiente entpuppte sich auf der anderen Seite der Schwingtür als ordinäre McDonalds-Atmosphäre. 

So dauerte es noch drei weitere Stunden, bis wir auf dem Balkon unseres Strandhäuschens saßen und uns ein Glas Wein einschenken konnten. Es ist wohl der Moment jenes Tages, an den ich mich am liebsten erinnern werde. 

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