Montag, 23 Juni 2014

Kara Walker in Williamsburg

Posted in email aus New York

Das Kunstspektakel des Sommers

Im Hip-Viertel Williamsburg findet derzeit das Kunstspektakel des Sommers statt und an diesem Sonntag habe ich es endlich geschafft, auch den Weg nach Brooklyn anzutreten, um mitreden zu können.

Das Event ist eine Installation der schwarzen Künstlerin Kara Walker in der seit 10 Jahren still gelegten „Domino Sugar Factory“ am East River, unmittelbar unterhalb der Williamsburg Bridge.

http://creativetime.org/projects/karawalker/

Die Sugar Factory, eine Zuckerraffinerie, die bis 2004 über viele Jahrzehnte hinweg das Leben von Williamsburg bestimmt hatte, ist eine Brooklyner Ikone. Der riesige alte Neonschriftzug an dem monströsen alten Backsteinbau ist vom gesamten Manhattaner East River-Ufer aus zu sehen und ist ein Teil der New Yorker Stadtlandschaft, der nicht weg zu denken ist.

Was Kara Walker mit der herrlich herunter gekommenen Fabrikhalle, mit rostigen Wellblechwänden, dem fauligen Geruch von Molasse und Stahlträgern voller Taubendreck gemacht hat, ist zweifellos brilliant.

Man muss über Kara Walker wissen, dass sich ihr Werk um die Ikonografie der Sklaverei dreht. Ihre berühmten Scherenschnitte, die aus der Distanz anmuten wie putzige Biedermeier Mementos, zeigen verstörende Szenen der Unterdrückung und vor allem der Vergewaltigung schwarzer Frauen.

http://www.walkerart.org/calendar/2007/kara-walker-my-complement-my-enemy-my-oppress

Die Zuckerfabrik hat sie nun mit einer Reihe an Figuren aus Zucker gefüllt. Im hinteren Teil der riesigen Fabrikhalle thront eine elf Meter hohe weiße Sphinx. Ihre Gesichtszüge sind unverkennbar afroamerikanisch, das an der Stirn zugeknotete Kopftuch unterstreicht die Anspielung an die „black mommy“, die schwarze Ur-Mutter. Ihr riesiges Hinterteil und die einladend da gebotene Scham evoziert eine Mischung aus Fruchtbarkeit und Unterwürfigkeit und passt somit zur verstörenden Ästhetik von Walker.

Durch die Halle verteilt sind kleine schwarze Knaben aus Molasse, Nippesfiguren des 19. Jahrhunderts nachempfinden, die eindeutig Arbeiter in den Zuckerrohrfeldern Südamerikas darstellen sollen. Ihre traurige Gestallt, die in der Sommerhitze der Halle langsam zerläuft, stößt den Besucher mit der Nase auf die Produktionsbedingungen des kostbaren Gutes, das wir uns jeden Tag in den Kaffee rühren.

Als großes New Yorker Kunstspektakel übertrifft die Installation zweifellos bei Weitem Spektakel der Vergangenheit, wie die orangefarbenen Tücher von Christo im Central Park oder die Wasserfälle von Olafur Eliasson im New Yorker Hafen. Mit viel Geld von Sponsoren aus Finanz und Wirtschaft, von Bürgermeister Bloomberg persönlich gelockert, verharrten diese Werke im Dekorativen und dienten letztlich nur dazu, die Tourismusindustrie anzukurbeln.

Walker ist um Vieles vielschichtiger und intelligenter. Selbst wenn die politische Botschaft plump ist, vermag die Inszenierung wenigstens kurzzeitig aufzurütteln. Die Wahl von Thema, Material und Dimension für diesen speziellen Raum ist nicht weniger als brilliant.

Leider vermag auch Walker dem kommerziellen Kontext monumentaler Kunst im öffentlichen Raum nicht zu entrinnen. Die Domino Sugar Factory ist seit ihrer Schließung 2004 ein heiß umkämpftes Objekt. Williamsburg ist einer der Boomstadtviertel des Boombezirkes schlechthin – Brooklyn. Bis 2004 bestimmte die Domino Factory hier das Leben – sie ernährte Tausende von Arbeiterfamilien, die seit Jahrzehnten die Gegend zwischen Kent und Bedford Avenue bevölkerten.

Heute gehört Williamsburg ganz den von Richard Florida beschworen Creatives. Die Ruine der Sugar Factory und die angrenzenden Blocks sind die letzte noch un-hippe Oase des Viertels, wo sich noch Überreste der alten Proletarierkultur finden.

Das wird sich spätestens im kommenden Jahr ändern. Die Fabrik wird abgerissen, dafür entsteht eine riesiger Stahl- und Glaskomplex mit Geschäften und Wohnungen für die neue Williamsburger Klientel.

http://thedominoeffectmovie.com/

Das Kunstereignis im so anmutig verfallenden Industriebau verkörpert diesen Prozess in Idealform. Es ist gewissermaßen die letzte Phase der ersten Gentrifizierungswelle von Williamsburg. Die langen Schlangen entlang der Kent Avenue am Wochenende bekamen eine herrlichen Vorgeschmack darauf, wie hübsch und cool es hier unten in South Williamsburg bald wird. Und durch ein Guckloch in der Fabrikhalle bekam man einen Eindruck davon, wie toll die Ausblicke über den Fluss in Richtung Manhattan aus den neuen Wohnungen bald sein wird.

Natürlich haben die Bauherren des neuen Objekts es auch nicht versäumt, die Kara Walker Show dazu zu benutzen, für sich zu werben. Sie verteilten am Eingang Aufkleber mit der Aufschrift „We are here“. Viele Besucher klebten sie sich an die T Shirts, teilweise im Irrglauben, es handele sich um eine Solidaritätsbekundung mit Kara Walkers Bürgerrechtsbotschaft.

Auch dieser Effekt war gewiss kalkuliert.

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