Samstag, 28 Juni 2014

Jeff Koons am Whitney Museum

Posted in email aus New York

Es hat schon etwas albtraumhaftes, wenn man in diesen Tagen durch den altehrwürdigen Marcel Breuer Bau an der Madison Avenue läuft, der noch bis Ende diesen Jahres das Whitney Museum of American Art beherbergt. Gleich, in welchem Stockwerk man aus dem Fahrstuhl tritt, man steht vor einem jener auf Hochglanz polierten, überdimensionalen Spielzeugfiguren, für die Jeff Koons bekannt ist – der teuerste Künstler der Gegenwart.

Da ist der berühmte Balloon Dog zu sehen und die Balloon Venus, der lebensgroße Gorilla, die aufblasbaren Badewannen-Spielzeuge und  schließlich die Porzellanfiguren von Michael Jackson mit seinem Affen. Im zweiten Stock wird immerhin mit einem Frühwerk des ehemaligen Börsenmaklers etwas Abwechslung geboten – dort steht ein ganzer Raum voll seiner Staubsauger in Plexiglas-Vitrinen, sowie seine im Wasser schwebenden Basketbälle. Einen Raum weiter ist wiederrum ein neues Werk von Koons zu bestaunen, ein riesiger Berg von „Play-Doh“, jener bunten Knete,  mit der Dreijährige gerne hantieren.

Es war ein gewagter Schachzug, dass der Whitney Direktor Adam Weinberg Jeff Koons sein gesamtes Museum für eine grandiose Werkschau überlassen hat. Das Whitney verstand sich bislang eher als Hüter des ernsthaften amerikanischen Kanons von Edward Hopper über Georgia O’Keeffe bis Roy Liechtenstein. Zeitgenössisches fand als Überblick in der Biennale statt, die gerade erst zu Ende gegangen ist. Von jemandem mit einem derart ungewissen Stellenwert in der akademischen Kunstgeschichte wie Koons ließ man hingegen lieber die Finger.

Aber es passt vielleicht zum bevorstehenden Umzug des Whitney in einen spektakulären neuen Renzo Piano Bau im Shopping- und Nachtclub Bezirk „Meatpacking“, dass man sich nun wie die anderen Museen auch an das Gefällige herantraut. Wenn man im MoMa den Schrei von Munch alleine aus dem Grund zeigen kann, dass er gerade einen Auktionsrekord gebrochen hat, und wenn das Metropolitan Museum einen ganzen Flügel aktuellem Designerschmuck widmet, dann kann das Whitney auch Koons machen.

Natürlich hagelte es für diese Entscheidung die vorhersehbare Kritik. So schrieb Jerry Saltz im New York Magazine, dass die ganze Show „eine einzige Werbeanzeige“ sei. Das Spektakel neuer Rekordpreise für Koons bei den Auktionen werde zweifellos folgen. Andererseits, so Saltz, passe die Ausstellung wohl in eine Ära, in der die Museen an einem Scheideweg stünden und immer stärker zum Großen, Aktuellen, Spektakulären neigen und darüber ihre Sammlungen vergessen.

Groß und Spektakulär ist die Koons-Show allemal. Alleine die Installation hat Millionen von Dollar gekostet. Größe und Gewicht der Werke verlangten nach besonderen Maßnahmen, wie etwa dem Entfernen der Eingangstüren und der Verstärkung des Fahrstuhls. Der Marktwert der Werke und die Sammler, die dem Whitney ihre guten Stücke liehen, verlangten nach schwindelerregenden Versicherungssummen.

Immerhin hat die Show den Effekt, dass man nachher Koons mehr Tiefe und Komplexität zubilligt, als man eigentlich bereit ist.

So versteht man etwa, wie neuartig die Staubsauger zur Zeit ihrer Entstehung Anfang der 80er Jahre waren, als der Minimalismus den Kunstdiskurs in New York beherrschte. Und seine Hasen, die Vorläufer der Ballon-Hunde, werden als wahrhaftige Meditationen über das Verhältnis von Oberfläche und Inhalt verständlich. Koons ist nicht ganz so zynisch, wie etwa sein Kollege Damien Hirst, (im Übrigen ein begeisterter Koons-Sammler) der den Kunstmarkt vehönt und dann auch noch dafür abkassiert.

Dennoch bleibt Jeff Koons eine der Schlüsselfiguren bei der Transformation der Kunstwelt in das, was sie heute ist. Koons hat sich mit immensem Marketinggeschick ab Ende der 80er gezielt als Star positioniert. Er hat immer für die Sammler produziert, sein Bezugssystem war stets der Markt. Das Ansteigen seines Kurswerts war mindestens ebenso Sinn seiner Kunst, wie irgendein tieferer Kommentar zu unserer Kultur. Oder besser gesagt, das war vielleicht sein Kommentar.

Als Koons 1991 in einer New Yorker Gallerie Gemälde von sich selbst beim Geschlechtsakt mit seiner damaligen Frau, der Pornodarstellerin Ilona Staller zeigte, schrieb der damalige Kritiker der New York Times: „Es ist ein jämmerliches letztes Aufbäumen einer Epoche, die von Selbst-Vermarktung und Sensationalismus geprägt ist.“ Der Kritiker behielt unrecht, es war nicht das Ende, es war erst der Anfang.

Nun ist mit der Koons Werkschau die Kunstwelt der überblähten Märkte, des Exzesses und der Kunst-Superstars im Museum angekommen. Das Museum gibt damit jegliche Distanz dazu auf und wird Teil des Wahnwitzes.

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