Donnerstag, 19 Dezember 2013

Im Krankenhaus

Posted in email aus New York

In den Klauen des US Gesundheitssystems

Mein erster Gedanke, als ich blutend auf dem Rücken am Rande einer Landstraße in New Jersey lag, war „Scheiße. Jetzt bist Du pleite." Der stechende Schmerz in meiner linken Schulter, ausgelöst von einer unsanften Landung nach einem Sturz vom Fahrrad bei etwas mehr als Genuss-Geschwindigkeit, bedeutete mir nur eines: Arztrechnungen in der Höhe des Kaufpreises einer Manhattaner Wohnung in Verbindung mit einer Krankenversicherung, die um jeden Cent mit mir ringen würde. Das Worst-Case Scenario also.

Wenn man lange genug hier lebt, kennt man diese Stories zur Genüge. Die Stories von Leuten die entweder gar nicht oder unterversichert sind und die genau eine solche Situation in den Ruin stürzt. Hunderttausende von Dollar an Schulden, möglicherweise Verlust des Job wegen zu langer Krankheitszeit. Eine Katastrophe.

So habe ich noch in der Notaufnahme versucht, mich so stoisch wie möglich zu verhalten. Alles halb so wild. Tut gar nicht so weh. Das alles natürlich in der Hoffnung, dass ich trotzdem genügend Schmerztabletten mitbekomme. Und natürlich wusste ich, dass mich das Röntgenbild ohnehin verraten würde.

Gegen drei Uhr morgens, nachdem ich einem halben Dutzend echter Notfälle den Vortritt gelassen hatte, dann die gute Nachricht vom gestressten und übermüdeten diensthabenden Mediziner. Alles nur halb so wild. Schultergelenksprengung, ein paar Bänder abgerissen. Kein Bruch, keine OP, mit Krankgengymnastik und Geduld würde das schon wieder werden.

Und die Rechnungen? Glücklicherweise habe ich seit ein paar Monaten eine halbwegs bezahlbare Krankenversicherung bei der Freiberufler Gewerkschaft, die einen anständigen Teil der Kosten deckt. Von den rund 3500 Dollar an Arztrechnungen – Krankentransport, Notaufnahme, Röntgen, Nachuntersuchung – blieb ich auf knapp 300 sitzen.

Sind also die Horror-Stories über das US- Gesundheitswesen alle unwahr? Ist es gar nicht so schlimm mit den astronomischen Gesundheitskosten und den unbezahlbaren Versicherungen? Ist hochwertige Krankenversorgung in den USA tatsächlich ein Luxus für die Privilegierten? Hatte ich nur Glück gehabt oder ist das Gesundheitssytem in Amerika besser als sein Ruf?

Nun, von meiner Schultererfahrung auf die Allgemeinheit zu schließen wäre sicherlich nicht seriös. Und zu einer breiten Analyse des US-Gesundheitswesens ist hier sicher nicht der Platz.

Fest steht aber eines. Es geht hier zweifelsohne nicht so gnadenlos und brutal zu, wie es bisweilen gerne dargestellt wird. Ebensowenig, wie Europa ein Schlaraffenland ist, in dem die Krankversicherung für die Bürger universell in hoher Qualität zugänglich ist. Wie oft im transatlantischen Austausch, wächst mit der Distanz die Überzeichnung, die Vorurteile überschatten die zumeist komplexe Realität.

Meiner Schulter geht's jedenfalls wieder leidlich und pleite bin ich auch noch nicht ganz. Und die Monatsbeiträge zu meiner Versicherung kann ich auch weiterhin von meinem mageren Einkommen als Freischreiber einigermaßen leisten.

Leave a comment

You are commenting as guest.

Blog-Posts

Go to top