Dienstag, 01 November 2011

If you can make it there

Posted in email aus New York

New York Marathon

Eigentlich sind meine Marathontage vorbei. Ich habe mir in meinem spätjugendlichen Alter nichts mehr zu beweisen rede ich mir seit mindestens zehn Jahren ein. Ich bin in Berlin, Frankfurt und Hamburg gelaufen, das muss für ein Läuferleben reichen.

 

Aber ich muss auch zugeben, dass der New Yorker Marathon an mir nagt, seit ich 2002 wieder hierher zurückgezogen bin. Neun Mal zog jetzt schon die Parade der leidenden 40,000 quasi an meiner Haustüre vorbei und jedes mal wurde mein Entschluss, nie mehr so einen Irrsinn mit zu machen, auf die Probe gestellt.  

 

In diesem Jahr habe ich schließlich kapituliert und so fand ich mich am Sonntag früh um halb sechs Uhr auf der Fähre zum Start auf Staten Island wieder, während es über Manhattan gerade erst dämmerte und das Licht der Freiheitsstatue wie ein Leuchtturm über die New Yorker Bucht blinkte. Das Boot war voll mit müden Gestalten in Lycra Outfits, die ängstlich vor sich hin starrten, wie die Einwanderer vor 100 Jahren, die auf ihren Schiffen aus Europa ebenso wenig wie die Läufer wussten, was sie erwartet.

 

Als knapp vier Stunden später zwei Haubitzen an der Verrazano Brücke die 47,000 Tausend auf ihren 42 Kilometer langen Leidensweg schicken verwandelt sich  die Nervosität jedoch in  pure Euphorie.  Jetzt, da der Läuferlindwurm sich auf die längste Hängebrücke der Stadt wälzt und Frank Sinatra durch die Lautsprecher tönt „If you can make it there, you can make it anywhere“ hat man das Gefühl, als liege einem Stadt zu Füßen.

 

Und so ist es auch tatsächlich an diesem Tag. Schon der Blick von der Brücke  aus auf Coney Island rechts und die Skyline von Manhattan links in der Entfernung vermittelt das Gefühl, dass einem heute diese ganze riesige Stadt gehört. Und das hört die nächsten Stunden auch nicht mehr auf. Von den  italienischen Einwanderern in Bay Ridge über die  Hipster in Williamsburg, die gerade aus den Clubs auf der Bedford Avenue gekrochen kommen, von den Hip Hopern, die einen in der Bronx begrüßen bis zu den Champagnerpartys auf den Bürgersteigen der Upper East Side – New York  bietet sich  dem Marathoner dar wie ein berauschendes Panoptikum seiner Vielfalt.

 

Es ist die Belohnung dafür, dass der Marathonläufer der Stadt seinen Mut geschenkt hat. Im Gegenzug wird er zum Ehren-New Yorker gemacht. Wer die Ziellinie im Central Park erreicht, der hat es mit Sinatra in New York geschafft und darf seinen Muskelkater tragen wie ein Ehrenbürger-Abzeichen. Auch ich fühle mich seit Sonntag noch ein ganzes Stück mehr als Teil dieser Stadt.  Und ich bin irrsinnig stolz darauf, dass ich noch immer die Treppen zur U-Bahn hinunter humpeln muss.

 

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