Mittwoch, 05 März 2014

Gentrifizierung und Hyper Gentrifizierung

Posted in email aus New York

Nach einem emotionalen Ausbruch von Spike Lee kocht in New York die Diskussion um Luxussanierung und Verdrängung wieder hoch

Es ist sicher kein Wunder, dass sich die Debatte um Gentrification in New York wieder zuspitzt, nachdem der neue Bürgermeister Bill DeBlasio in die City Hall eingezogen ist. Schließlich war es das zentrale Wahlkampfversprechen des neuen Mannes, die soziale Ungleichheit in der Stadt abzumildern und die Stadt wieder breiteren Schichten der Bevölkerung zugänglich zu machen.

 

Erstaunlich ist allerdings mit welcher Heftigkeit die Diskussion in den vergangenen Wochen geführt wird. Nichts spaltet New York so sehr, wie die Frage, wem die Stadt gehört und wie sie in Zukunft aussehen soll.

So zog Regisseur Spike Lee in der vergangenen Woche einen wahrhaftigen Feuersturm an Zorn auf sich, als er in einer Diskussionsrunde gegen die Gentrifizierung von Fort Greene wetterte, jener Nachbarschaft in Brooklyn, in der er aufgewachsen ist.

http://nymag.com/daily/intelligencer/2014/02/spike-lee-amazing-rant-against-gentrification.html

Damals, in den 70er und 80er Jahren, war Fort Greene ein vornehmlich schwarzes und relativ armes Viertel von Brooklyn. Heute gehört es zu den Lieblings-Spielplätzen der wohl verdienenden weißen Mittelschicht, die von den hübschen Brownstones und den baumbewachsenen Wohnstraßen von Brooklyn gar nicht genug bekommen kann. 

Lee redete sich richtig gehend in Rage, die F-Bombe fiel in beinahe jedem zweiten Satz.  Dabei sprach Lee der weißen Mittelschicht nicht einmal das Recht ab, in vorher vorherrschend arme, schwarze oder hispanische Gegenden wie Fort Greene, Bedford Stuyvesant oder Harlem zu ziehen. Was ihn auf die Palme bringt, ist das, was er das „Christopher Columbus“-Syndrom nennt. Die Neuankömmlinge, so Lee, täten wie die Weißen, die Amerika entdeckt haben, so, als hätte vor ihnen niemand in den Vierteln gelebt, die sie besetzen. Sie haben keinen Respekt vor den Gebräuchen und Traditionen derer, die dort schon sind. Sie rufen die Polizei, wenn wie seit Jahrzehnten abends in einem Park musiziert wird oder auf der Straße gegrillt. „Das könnt ihr nicht machen. Ihr könnt nicht einfach einmarschieren und die Einheimischen umbringen.“

Das war eigentlich nachvollziehbar. Dennoch wurde Lees Monolog  als „arrogant“ beschimpft, man warf ihm vor, selbst zur Gentrifizierung von Brooklyn beigetragen zu haben, nicht nur, weil er es in seinen Filmen so idyllisch darstellte und cool machte, sondern auch, weil er ganz handfest Grundstücke verschacherte und an der Wertsteigerung mitverdiente. Schließlich wurde ihm als Multimillionär das Recht abgesprochen, sich überhaupt zum Sprecher der Entrechteten aufzuspielen.

Das alles war noch einigermaßen legitim. Doch in den Kommentar-Threads machte sich auch eine weit hässlichere  Haltung breit. Lee hatte die Gentrifizierungsdebatte mit dem Rassendiskurs verschränkt und jetzt schlug der weiße Mann zurück. „Ich bin weiß und ziehe hin, wo ich will“, lautete etwa einer der Kommentare. „Die Schwarzen haben die Weißen verdrängt und jetzt holen sich die Weißen zurück, was ihnen gehört“, ein anderer.

Solche Töne sind natürlich im Jahr 2014 kaum zu fassen, im siebten Jahr der Obama Regierung und unter einem Bürgermeister, der mit einer Afro-Amerikanerin verheiratet ist und gemischt-rassige Kinder hat. Sicher, Lee selbst hat von der Verdrängung in Kategorien von schwarz und weiß gesprochen. Dabei hat er allerdings nur eine soziale Realität abgebildet. Sharifa Rhodes Pitts, die ein Buch über Harlem geschrieben hat,

http://sharifarhodespitts.com/harlem-is-nowhere/

hat einmal zu mir gesagt: „Natürlich müssen wir über Schwarz und Weiß sprechen, wenn wir über Gentrifizierung sprechen. Jedenfalls so lange es eine Realität ist, dass Afro-Amerikaner in der sozialen Unterschicht deutlich überrepräsentiert sind.“ Zu sagen, die Weißen nähmen sich nur zurück, was ihnen gehört, also den universellen Besitzanspruch der weißen Mittel- und Oberschicht unverblümt zu artikulieren, ist vor diesem Hintergrund mehr als unsensibel. Es ist tatsächlich, wie Lee, sagt, eine zutiefst kolonialistische Haltung.

Es deckt aber auch auf, was unter der Oberfläche in dieser vermeintlich liberalen Stadt tatsächlich los ist. Es herrscht in New York genauso Krieg zwischen Rassen und Klassen wie überall anders in Amerika. In New York herrscht, laut Statistik des Anti-Discrimination Center, eine so große Wohn-Apartheid, wie kaum irgendwo sonst in den USA:

http://www.antibiaslaw.com/new-york-city-residential-segregation

Dem Vorwurf, dass die weiße Mittel- und Oberschicht in der Stadt überall die schwarz/hispanische Unterschicht verdrängt entgegnen Gentrifizierungs-Verharmloser indes, dass das doch in New York schon immer so gewesen sei. Schon immer habe eine Gruppe im Flickenteppich der Stadt die andere ersetzt, die Deutschen die Iren, dann die Juden die Deutschen, dann die Chinesen die Juden, usw. New York sei nun einmal eine dynamische Stadt, in der Dinge sich verändern.

Andere, wie etwa der Reporter Justin Davidson vom New York Magazine, behaupten, dass Gentrifizierung nicht unbedingt schlecht sein muss und nicht unbedingt Verdrängung bedeuten müsse. In einer ausführlichen Reportage aus East Harlem, Bedford Stuyvesant und Inwood in der vergangenen Woche  stellte er dar, dass Gentrifizierung auch eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität für die angestammten Bewohner bedeuten könne:

http://nymag.com/news/features/gentrification-2014-2/

 

Davidsons Artikel erntete eine beinahe ebenso heftige Reaktionen, wie der Ausbruch von Spike Lee.

http://nymag.com/daily/intelligencer/2014/02/gentrification-all-bad-the-debate-continues.html

Gentrifizierungs-Kritiker waren empört über seine Verharmlosungen. Davidson, so einer der zentralen Vorwürfe, spreche von einer sanften Gentrifizierung durch eine Mittelschicht, die schon lange nicht mehr existiere. Die Treiber der Gentrifizierung heute seien nicht moderat verdienende Familien, die in verfallene ethnische Nachbarschaften einzögen und dort dazu beitragen, die Lebensqualität zu heben. Sie seien vielmehr ultra-reiche „Supergentrifizierer“, denen kein Immobilienpreis zu hoch sei.

Das sieht auch Jeremiah Moss so, der auf seinem Blog „Jeremiah’s Vanishing New York“ seit Jahren die Folgen der Gentrifizierung von New York dokumentiert. Moss reagierte  auf den Spike Lee Ausbruch und den Shitstorm, den dieser ausgelöst hatte, mit einem langen Essay über das, was er „Hyper-Gentrification“ nennt.

http://vanishingnewyork.blogspot.com/2014/03/on-spike-lee-hyper-gentrification.html#.UxYN6Wdr704.twitter

Moss’ postuliert, dass das was in New York und anderen Weltstädten derzeit passiert, etwas gänzlich anderes ist, als die organische Aufwertung herunter gekommener Nachbarschaften unter weitgehender Erhaltung der sozialen Strukturen. Es ist viel mehr eine gezielte Luxussanierung der gesamten Stadt, vorangetrieben durch die vereinten Kräfte von Politik und Kapital.

Diese Hyper-Gentrifizierung ist unter Bloomberg ungebremst durch die Stadt gewalzt und hat Manhattan und große Teile Brooklyns in Lebens-, Luxus-, und Konsumzonen einer elitären wohlhabenden Oberschicht verwandelt.

Ob De Blasio das Bremsen oder Zurückfahren kann oder auch nur will, ist bislang noch unklar. Fest steht jedoch, dass es sich nicht um eine periodische Neuanordnung des bunten Flickenteppichs New York handelt. Der ist lange heraus gerissen und durch einen edlen, strahlend weißen Teppichboden ersetzt worden.

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