Donnerstag, 01 August 2013

Freizeitsport als Dawrinismus

Posted in email aus New York

Radln in New York

Für New Yorker Rennradfahrer, die am Wochenende der Stadt entkommen wollen, gibt es nur ein einziges winziges Verkehrsnadelöhr. Alleine der Weg über die George Washington Bridge im Norden Manhattans führt schnell ins Grüne und auf ruhigere Straßen und so drängt sich am Samstagvormittag ein steter Strom von Lycra-Trägern auf die schmale Rampe an der 178ten Straße, die zum Radweg auf der Brücke fährt.

Wie viele es sind, die in der Stadt Radsport betreiben ist immer wieder beeindruckend, wenn man da steht. Es sind nicht Hunderte, sondern Tausende die sich mit dem Strampeln auf teuren Carbon-Boliden fit halten und Entspannung suchen. Zwischen 8 Uhr früh und Mittag rollen sie Reifen an Reifen über den Hudson nach New Jersey.

Das war freilich nicht immer so. New Yorker Radveteranen erinnern sich an die Zeit, als sich die Rennradfahrer der Millionenmetropole alle persönlich kannten. An den Rennen im Central Park, bei denen sich heute Hunderte um sechs Uhr morgens am Sonntag an die Startlinie drängeln, nahmen damals gerade einmal ein Dutzend teil.

Für den Boom verantwortlich ist zweifellos Lance Armstrong. Die New Yorker, vom Berufsleben darwinistisch gestählt und nicht selten ähnlich bedingungslos ehrgeizige Charaktere wie Armstrong, waren von seiner Dominanz bei der Tour de France ebenso beeindruckt, wie von seinem kompromisslosen Siegeswillen. Nicht zuletzt um es ihm gleich zu tun, kaufte man sich ab der Jahrtausendwende ein Rennrad und häufig gleich das gelbe Armband dazu, dass einen auf die Philosophie einschwor, jeden Tag zu leben, als sei es der Letzte.

Von all dem ist leider bis heute auch die Radsportkultur hier geprägt. Die wenigsten hier fahren zum Vergnügen Fahrrad und aus sozialen oder gesundheitlichen Gründen. Früher oder später schließt sich jeder einem Team an, der Erwachsenen-Rennbetrieb in der Gegend boomt. Gestandene Männer und Frauen mit Berufen und Familien betreiben in Massen eine Feierabendkarriere als Pseudo-Armstrongs. Das Training wird so ernst genommen, als würde man dafür bezahlt. Personal Trainer verdienen sich krumm, der Markt für Pulsmessgeräte und Wattzähler blüht. Das Mannschaftstrikot wird bei jeder Ausfahrt getragen wie eine Ehrenuniform. Wer mit neutralem Sportdress unterwegs ist wird nicht ernst genommen. Sogar ein abwertendes Schimpfwort hat man für die ehrgeizlos Touristen: Man ist ein „Fred" wenn man keine Rennen fährt. Sponsorenlogos auf dem Equipedress unterstreichen die Ernsthaftigkeit der Freizeitbeschäftigung. Man inszeniert sich als Werbeträger, auch wenn die Materialspende des örtlichen Radladens für viele der rollenden Börsenmakler wirtschaftlich vollkommen irrelevant ist.

Natürlich wird in der Szene auch gedopt. Im vergangenen Jahr wurde der Gewinner der Hobbyfahrt Gran Fondo New York in der Altersklasse 45-50 positiv auf EPO getestet. Er habe durch seine Erfolge bei den örtlichen Seniorenrennen einen Status und ein Ansehen in der Szene genossen, die ihn süchtig gemacht haben, sagte der Ertappte später.

Für den europäischen Freizeitsportler ist das alles bisweilen befremdlich. So ist in Europa in der Regel eine Gruppenausfahrt am Wochenende genau das - ein kollaboratives Unterfangen, bei dem das gemeinsame Erleben im Vordergrund steht. Das Tempo wird den Schwächeren angepasst, jeder trägt im Windschatten seinen Teil dazu bei, dass der Schwarm kompakt und zügig voran und sicher nach Hause kommt.

Hier herrscht hingegen der ungebremste Radsportdarwinismus. Jede Ausfahrt ist ein Rennen, es geht immer darum den anderen zu demonstrieren, dass man stärker ist. Jede Autobahnbrücke wird hoch gesprintet an jeder Snhöhe ist eine imaginerte Bergwertung. Es sei denn, freilich, der Freizeit-Armstrong hat bestimmte Anordnungen von seinem Personal Trainer und sabotiert durch seine autistischen Aktionen jegliche funktionierende Gruppendynamik. Da wird in einem Moment das Tempo verschleppt weil „Grundlage gefahren" werden soll. Im nächsten Moment wird unvermittelt drauflos gesprintet um einen Zielpuls zu erreichen..

An all dem hat bislang auch der Sturz des Idols noch nicht geändert. Die Livestrong und Discovery Channel Hemdchen auf den Straßen von New Jersey sind zwar deutlich weniger geworden. Die Mentalität hat sich aber noch nicht gewandelt. Radln a la Armstrong ist nach wie vor a la Mode. Das Ziel des Tuns ist Selbstbehauptung und Selbstbestätigung, wie so vieles andere auch in dieser narzisstischen Stadt.

Ich bin an dieser Mentalität in meinen ersten Jahren in New York oftmals fast verzweifelt. Radsport, Sport überhaupt, war für mich immer zuvorderst sozial. Doch gleichzeitig hatte ich wenig Lust mir die wöchentliche Raserei aufzwingen zu lassen. Zumindest auf den ersten 50 von 150 Kilometern wollte ich nicht um jede Ecke sprinten . Als ständiger Miesepeter mitzurollen war aber auch sinnlos und wenig spaßig für alle.

Mittlerweile habe ich mich im Großen und Ganzen damit abgefunden, dass die Gruppenausfahrten nun einmal so sind und ich versuche mich darauf einzulassen. Sogar ein paar Rennen bin ich mittlerweile mitgefahren, auch wenn es mir nie in den Sinn kommen würde, mich in meinem Alter einem Trainingsregime zu unterziehen, eine Teamuniform anzulegen und Ambitionen auf eine Seniroen-Karriere in der örtlichen Rennszene zu hegen. Und wenn mir nach einer gemächlicheren Ausfahrt zumute ist, bei der ich meinen Gedanken nach hängen oder in die Landschaft schauen kann, dann fahre ich eben alleine.

Aber auch, wenn ich sonst nicht sehr oft Heimweh nach Deutschland habe, fehlt mir in diesem Punkt die alte Welt doch sehr. Die Welt, in der Radsport zuerst als Mannschaftssport begriffen wird und man zuerst lernt in der Gruppe zu funktionieren bevor man den anderen davon fährt, in der es als Kunst gilt seine Rolle im Schwarm gut zu spielen und wo nicht das Individuum über allem steht.

Aber vielleicht gibt es ja Hoffnung, jetzt, da sich der große Heros Armstrong als Betrüger heraus gestellt hat, jetzt da seine Großartigkeit als narzisstische Persönlichkeitsstörung enttarnt wurde. Vielleicht gibt es ja nicht nur im Profisport einen Kulturwandel, sondern auch an der Basis. Es würde mir sehr dabei helfen, mich in meiner Wahlheimat noch ein gutes Stück wohler zu fühlen.

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