Montag, 10 Dezember 2012

Football gucken

Posted in email aus New York

In der Nachbarschaftskneipe

Selbst wenn man nicht aktiv die US-Sportligen verfolgt, ist es in New York recht einfach festzustellen, welcher der drei großen Sportarten gerade Saison hat. Man muss nur einen Blick in die Sportkneipen werfen und sich anschauen, wer dort die Plätze an der Bar bevölkert.

Baseball ist der Sport für Intellektuelle und Nerds. Sie kommen mit komplizierten Tabellen an, tragen während dem Spiel Zahlen in endlose Kolumnen ein, können sich noch genau daran erinnern, welche Durchschnittsprozentzahl Johnny Damon als Schlagmann 1999 im ersten Spiel des Viertfinales geschlagen hat. Und sie können endlos darüber philosophieren, warum Baseball am Besten den amerikanischen Nationalcharakter reflektiert.

Zum Basketball kommen junge Leute, man sieht Baggy Pants und schief sitzende Mützen, die HipHop-Generation tritt an. Wenn Football dran ist, bestimmen hingegen die „Frat-Boys" die Szene, wie sie genannt werden, die jungen meist weißen sportlichen Typen, die im College einer jener saufenden, raufenden und lärmenden Burschenschaften angehört haben und die sich nach dieser Zeit zurück sehen.

Zurzeit ist Football und die New York Giants stehen nach ihrem Titelgewinn 2007 zum ersten mal wieder im Finale. Beim Halbfinale vor einer Woche gegen San Francisco waren die Kneipen entsprechend berstend voll mit Frat Boys.

Das heißt, nicht ganz. In unserer Nachbarschaftskneipe, wo ich mir ab und an am Sonntagabend bei einem Bier irgendeine Partie anschaue, saß an der Theke ein älterer Herr, der als der Zwillingsbruder von Woody Allen hätte durchgehen können - dicke Hornbrille, schütteres Haar, krummer Buckel und ein so schmaler Oberkörper, dass jeder Football Profi ihn schon beim Aufwärmen aus Versehen zermalmt hätte.

Doug hieß der Mann, er war Korrektor beim Wall Street Journal und er studierte in der Ecke des schummerigen Schankraums mit einer Taschenlampe aufmerksam Zeile für Zeile seine Sonntagszeitung. Als wir ins Gespräch kamen, berichtete er, dass er gerade das Gesamtwerk von Shakespeare von vorne bis hinten lese, das sei sein Neujahrsvorsatz.

Und wie war er in einer Footballkneipe gelandet? Ach – sagte er, er verfolge Football nicht so, aber die Giants im Halbfinale, das sei wie ein Shakespeare Stück im vierten Akt, wenn sich das Drama verdichtet. Das sei einfach unwiderstehlich.

Für einen, der Football nicht mag, kannte er sich aber bestens aus. Er kannte die Spieler besser als ich, kritisierte fachkundig die Schiedsrichterentscheidungen und konnte sich noch an jeden Spielzug des Finales von 2007 erinnern. Und beim spielentscheidenden Touchdown entfuhr ihm sogar ein kleiner Freudenschrei.

Dann sagte er, das sei wie Coreolanus gewesen. Ich hatte keine Ahnung wovon er redete, man hatte mich nie dazu gezwungen das Stück zu lesen. Ich nickte trotzdem freundlich und verabredete mich mit ihm zum letzten Akt gegen Boston.

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