Donnerstag, 31 Oktober 2013

Fernsehen in Amerika

Posted in email aus New York

Die Qual der Wahl

Wann immer ich Besucher aus Deutschland habe, die sich daran versuchen, mit meiner Fernbedienung durch die Untiefen des US-Kabelprogramms zu navigieren, höre ich nachher dieselbe Klage. „200 Sender, nix zu sehen", heißt es vorhersehbar nach ein oder zwei Stunden verzweifelten Klickens. Bei all der Angebotsfülle sei nichts dabei gewesen, was dazu in der Lage war, die Aufmerksamkeit zu fesseln.

Ich kann nachvollziehen, wie dieser Eindruck zustande kommt. Die Nachrichtensendungen zur Primetime bestehen nicht selten aus sogenannten Expertenrunden, bei denen sich Vertreter der verschiedenen Fraktionen die Köpfe heiß reden, zumeist durcheinander und gleichzeitig. Wem Casting- und Realityshows nicht sonderlich liegen, der kommt sich beim Zappen vor wie in einem Kerker, in dem es vor der Castingfolter kein Entrinnen gibt. Die Dutzenden von Serien, die jeden Abend laufen haben alle je eigene Fangemeinden, als Außenstehender kommt man da nur schwer mit. Und wenn es gegen Sendeschluss geht kommen die Late-Night Talker von Leno über Letterman bis Conan mit ihren schalen, harmlosen Witzeleien und ihrem belanglosen Geplänkel mit Promis.

Die Frage, warum man dafür rund 180 Dollar pro Monat berappt – inklusive Telefon und Internet natürlich – ist nach einem solchen Erlebnis durchaus verständlich. Die einzige Antwort, die mir darauf meist einfällt ist, dass man durchaus auf seine Kosten kommt, wenn man es versteht, sich durch das Dickicht des heillosen Überangebots zu kämpfen und sich die Rosinen heraus zu picken.

Die USA sind ein Schlaraffenland des Fernsehens und die Hölle zu gleich. Das Land mit seinen mehr als 300 Millionen Konsumenten ist zweifellos der größte Markt der westlichen Welt und die Bewerber um die Aufmerksamkeit der Zuschauer sind so finanzkräftig und so zahlreich, dass die Masse an Sendungen und Kanälen einen erschlägt. Dabei wird zweifelsohne eine unglaubliche Menge an Schrott geboten. Dazwischen finden sich jedoch Juwelen, die weltweit ihresgleichen suchen.

An oberster Stelle der Schmankerl stehen ganz klar die Serien, die vom Produktionswert in den vergangenen zehn Jahren immer mehr dem Kino Konkurrenz machen. Von den Sopranos bis hin zu Breaking Bad, von The Wire bis zu Boardwalk Empire – das Interessanteste, was es momentan an filmischer Erzählkunst auf der Welt zu sehen gibt, kommt aus dem US Fernsehen. Auch noch der beste Tatort wirkt daneben hausbacken und provinziell.

Das Niveau der Serien verdankt sich dem Geschäftsmodell von Premiumkanälen wie HBO, die man zusätzlich zu seinem Kabelpaket abonnieren muss. Sie finanzieren sich über die Abo-Gebühren und nicht über Werbung, die Einschaltquote ist für diese Sender praktisch irrelevant. Das Ziel solcher Edelproduktionen ist es, eine Fangemeinde heranzuzüchten, die etwa nur wegen Boardwalk Empire beim örtlichen Kabelanbieter HBO anfragt. Dafür sind Mittel erlaubt, die im Werbe-getragenen Fernsehen tabu wären – es gibt dunkle, gesellschaftskritische Themen, es gibt reichlich Sex und Gewalt.

Das Niveau dieser Serien hat freilich auch auf die Serien bei Nicht-Abo Kanälen und bei den traditionellen Netzwerken abgefärbt. Man strengt sich an, mitzuhalten, selbst mit „Bügelserien" wie etwa die Walking Dead oder Big Bang Theory auf dem Netzwerk CBS kann man sich überaus kurzweilig den Abend vertreiben.

Je länger man hier lebt, verändern sich allerdings auch ohnehin die Fernsehgewohnheiten. Es kommt nur noch selten vor, dass man tatsächlich einfach einmal den Fernseher anschaltet, um zu schauen, was gerade so läuft.

Der US Markt ist, was die Ausbreitung über die verschiedensten Plattformen angeht, den mitteleuropäischen Märkten um zwei Schritte voraus. Der Hauptprofit der Edelserien wird etwa nicht bei der Erstausstrahlung gemacht, sondern über den Weitervertrieb bei Streamingdiensten oder über die hauseigene Senderapp HBO-Go, mit deren Hilfe man jederzeit und überall das nicht Gesehene nachholen kann. Bestes Beispiel der sich dramatisch beschleunigenden Plattform-Verlagerung ist die jüngste Offensive des Videoportals Netflix, das mit eigenen Originalserien wie House of Cards versucht, HBO Konkurrenz zu machen.

Die Plattformverlagerung macht die Konsumentscheidung beim Fernsehen allerdings auch immer komplizierter. Die Frage stellt sich immer mehr, warum man überhaupt noch Kabelfernsehen haben soll. Von Sportübertragungen und Nachrichten abgesehen gibt es kaum etwas, was es nicht auch anderswo gibt. So muss man es sich etwa überlegen ob man beispielsweise nicht das HBO Abo abbestellt und dafür die acht Dollar monatlich für Netflix ausgibt. Die Entscheidung hängt davon ab, bei wem der beiden einem das Programm besser gefällt. Und das kann sich mit jeder Saison wieder ändern.

Erschwert wird das Ganze jetzt außerdem noch durch Dienste wie Aereo, der die Wellen der lokalen Netzwerksender ins Internet entführt und darin sogar von den Gerichten unterstützt wurde.

Dass den Kabelanbietern nicht noch viel schneller die Kunden davon laufen, ist angesichts dieser Umwälzungen wohl nur mit liebgewonnen Gewohnheiten zu erklären.

So könnte ich kaum damit leben, den Abend nicht mit dem Double Jon Stewart und Stephen Colbert auf Comedy Central abzuschließen. Die beiden halten sich mit ihrer Nachrichtensatire nunmehr seit zehn Jahren bestens. Wer wirklich wissen will, worum es bei den Nachrichten des Tages gegangen ist und was im Land los ist, kommt noch immer nicht an ihnen vorbei. Die vermeintlich echten Nachrichten sind in dieser Zeit nicht besser und nicht informativer geworden. Und Al Jazeera, die ja eine echte Alternative zu Fox, CNN, MSNBC und Co sein sollen, werden von vielen Kabelanbietern noch immer boykottiert. Leider auch von meinem.

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