Freitag, 03 Oktober 2014

Fahrradkrieg in Manhattan

Posted in email aus New York

Das neueste Kapitel in der Schlacht um die Straße

Als unbeteiligter Beobachter hatte man in den vergangenen Monaten glauben können, dass sich die Fahrradkriege auf New Yorker Straßen, über die ich vor knapp drei Jahren schon einmal berichtet habe, einigermaßen beruhigt haben.

http://www.sebastianmoll.de/index.php/arbeiten/new-york/120-fahrradkriege

Es schien so, als hätte sich New York ebenso an die paar Hundert Kilometer Fahrradwege gewöhnt, die Bürgermeister Bloombergs streitbare Verkehrdezernentin Janette Sadik Kahn auf den Straßen der Stadt eingezeichnet hat, wie an das neue Leihradprogramm und an die paar Hunderttausend New Yorker, die mittlerweile täglich mit dem Rad zur Arbeit pendeln.

Diejenigen von uns, die täglich mit dem Rad durch die Stadt fahren, wussten es freilich die ganze Zeit über besser. Der irrationale Hass, der einem als Radfahrer in dieser Stadt zumeist entgegenschlägt, schwelt überall unter der Oberfläche. Für die Autofahrer ist man Hindernis und wenn man sich lautstark beschwert, dass man wieder einmal lebensgefährlich abgeschnitten wurde, wird man grundsätzlich angeschrien. Ähnliche Gefühle schlagen einem von Seiten der Fußgänger entgegen, die nicht selten auf ihr Handy starrend bei rot auf eine Straße stolpern und einen dann anbellen, wenn man es wagt sie zurecht zu pfeifen.

Am Schlimmsten ist jedoch nach wie vor die Attitüde der New Yorker Polizei, die mit der fahrradfreundlichen Politik der Stadtoberen noch nie etwas anfangen konnte. Fahrradfahrer sind (ebenso wie Fußgänger) für sie Freiwild. Autofahrer haben zumeist nicht einmal mit einem Bußgeld zu rechnen, wenn sie Radfahrer oder Fußgänger schwer verletzen oder töten.

http://www.nytimes.com/2013/11/10/opinion/sunday/is-it-ok-to-kill-cyclists.html?_r=0

http://www.nytimes.com/2014/09/30/opinion/why-drivers-get-away-with-murder.html?hp&action=click&pgtype=Homepage&module=c-column-top-span-region®ion=c-column-top-span-region&WT.nav=c-column-top-span-region&_r=1

Im Gegenzug wird jedoch in sogenannten periodischen „Blitz" Aktionen gegen Radfahrer gnadenlos durchgegriffen. Überfahren roter Ampeln und sogar Geschwindigkeitsüberschreitungen werden mit Bußgeldern bis zu 250 Dollar geahndet.

In der vorvergangenen Woche hat ein Vorfall nun jedoch den Fahrradhass wieder offen ausbrechen lassen.

Was geschah.

An einem schönen Septemberdonnerstag kollidierte im Central Park ein Radfahrer mit einer Fußgängerin. Die arme Frau fiel auf den Kopf und erlag zwei Tage später ihren Verletzungen.

Die New Yorker Fahrrad-Community zeigte sich untröstlich. Der Dachverband New Yorker Fahrradclubs veröffentlichte ein Schreiben des Bedauerns und hielt alle Mitglieder an, sich im Straßenverkehr vorbildlich zu verhalten.

http://www.crca.net/2014/09/letter-to-crca-members-on-safety-in-central-park/http://www.crca.net/2014/09/letter-to-crca-members-on-safety-in-central-park/

Der berüchtigte Fahrradblogger Bike Snob nahm sich den Radler zur Brust, der nicht nur mit Aerolenker fuhr, sondern laut seinem Strava-Konto regelmäßig versuchte, auf der 10 Kilometer-Runde im Central Park persönliche Rekorde aufzustellen

http://bikesnobnyc.blogspot.com/2014/09/sorry-we-have-important-things-to.htmlhttp://bikesnobnyc.blogspot.com/2014/09/sorry-we-have-important-things-to.html

Die Runde im Central Park, muss man dazu wissen, ist bis auf die Rush Hour am Morgen und am Abend für den Autoverkehr gesperrt. Die Straße ist dreispurig, es werden Läufern und Spaziergängern ebenso viel Platz eingeräumt wie Radlern und Autos. Dennoch empfehlt es sich kaum mit dem Rennrad in hohem Tempo am hellichten Tag diese Straße zu benutzen. Der Park ist voll von Touristen auf Stadträdern, die in die Luft starren und Zickzack fahren. Hinzu kommen Spaziergänger die ohne zu schauen die Straße plötzlich überqueren, es gibt Jogger, Skateboarder, Rollerblader, die alle den gleichen Raum beanspruchen. Und es gibt keine klaren Regeln für diesen ganzen Verkehr. Wer hier ernsthaft mit dem Rennrad trainiert, der geht deshalb in den frühen Morgenstunden oder abends nach 19 Uhr, wenn die Autos wieder weg sind, und der Feierabend-Sportverkehr langsam abebbt. Das ist dann meist wunderschön, man hat freie Fahrt, durch die Dämmerung und erhascht vom Sattel aus grandiose Blicke auf die Skyline, deren Lichter zwischen dem Laub hindurch funkeln.

Natürlich weiß bis heute niemand, was genau zu dem tragischen Zusammenprall geführt hat. Niemand kann sagen, ob der Pilot rücksichtslos war, ob er zu schnell fuhr, ob die Frau ohne zu schauen, plötzlich auf die Straße getreten ist, oder eine Kombination aus alle dem. Dennoch hat die Reue der Radler uns nicht vor dem geballten Zorn der Hasser geschützt.

Die konservative New York Post, die schon immer gegen Räder in der Stadt war, hat den Radler auf dem Titel mit der Schlagzeile „Hell on Wheels" abgebildet. In einem Editorial wurde gefordert, uns „Speed Demons" alle ins Gefängnis zu werfen.

http://nypost.com/2014/09/19/put-a-hard-brake-on-heartless-speed-demons/http://nypost.com/2014/09/19/put-a-hard-brake-on-heartless-speed-demons/

Selbst der besonnenere New Yorker machte wieder einmal die Radler als das große Problem im New Yorker Stadtverkehr aus. Wir seien von einer Mischung aus Opferhaltung und moralischer Überheblichkeit getrieben und glaubten deshalb, uns benehmen zu können, wie wir wollen.

http://www.newyorker.com/news/news-desk/bicycle-crash-kills-another-pedestrian-central-parkhttp://www.newyorker.com/news/news-desk/bicycle-crash-kills-another-pedestrian-central-park

Die Polizei schwärmte derweil in den folgenden Tagen in Hundertschaften aus, um die Radler zu schikanieren. Im Central Park wurden an einem Nachmittag 103 Strafzettel im Central Park verteilt. Ich musste bei meiner Abendrunde an jeder Ampel absteigen und mein Rad über die Kreuzung schieben.

Natürlich ließ das alles die ursprüngliche Reue und das Kitgefühl der Radler deutlich abklingen. Der Bike Snob fand sich dazu genötigt, daran zu erinnern, dass wir diejenigen sind, die noch immer in der Hackordnung des New Yorker Verkehrs ganz unten stehen und sowohl vor dem Gesetz als auch vor dem blinden Zorn der übrigen Verkehrsteilnehmer schutzlos da stehen.

http://bikesnobnyc.blogspot.com/2014/09/so-are-we-still-best-cycling-city-in.htmlhttp://bikesnobnyc.blogspot.com/2014/09/so-are-we-still-best-cycling-city-in.html

Die wirkliche Gefahr, die wirklichen Killer auf den Straßen New Yorks, die Autos blieben derweil unbeanstandet und von der Staatsgewalt beschützt.

Natürlich wird die derzeitige Aufregung wieder absterben. Und es wird alles wieder so sein wie vorher. Wir Radler werden weiterhin von allen anderen Parteien verteufelt, missachtet und gefährdet werden. Und werden uns umso mehr dazu legitimiert fühlen, die Regeln zu brechen, die uns ohnehin mehr gefährden als schützen.

Es wird weiterhin ein Krieg bleiben auf den überfüllten Straßen von New York. Erst gestern musste ich einem Autofahrer wieder mit der Faust aufs Dach trommeln, weil er ohne zu schauen auf den Radweg herüber gezogen ist und mich dabei beinahe zerquetscht hätte. Erwartbar habe ich mir dafür eine Schrei-Tirade eingefangen.

Was hier in New York zu einer Normalisierung führen kann, weiß ich nicht. New York ist ein überfüllter Ort und hippiehaftes Kumbaya ist Sache der New Yorker nicht. So wird es immer eine Schlacht um jeden Zentimeter Straße bleiben. Leider bleiben die Radfahrer dabei ewig auf der untersten Stufe der Hackordnung hängen. Wir sind die Unberührbaren der New Yorker Straßen.

Egal wie viele wir sind, wir werden von niemandem als legitime Verkehrsteilnehmer anerkannt. Und der letzte Vorfall hat die Lage nicht eben verbessert.

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