Montag, 20 Januar 2014

Erweiterungsbau des MoMa

Posted in email aus New York

Tod der Kunst?

Je länger er sich das anhören musste, desto mehr drehte sich Jerry Saltz der Magen um. Da war die Rede von Zugänglichkeit und Flow, navigationaler Lesbarkeit, Konnektivität, chirugischen Interventionen, sozialem und performativem Raum sowie von institutionellem Interfacing mit der Stadt. Nur ein Wort hörte Saltz nicht: Kunst.

Das trieb Saltz die Tränen in die Augen, wie er später gestand, denn Saltz ist Kunstkritiker und die Veranstaltung, der er beiwohnte, war die Präsentation eines Erweiterungsbaus des größten Kunstmuseums der Welt. Um die Kunst, das wurde Saltz jedoch mit jedem Satz des pseudo-intellektuellen Architekturgeschwafels klar, ging es dabei nicht.

Deshalb schleppte sich Saltz nach den ermattenden drei Stunden der Präsentation an seinen Rechner in den Redaktionsstuben des New York Magazine und verfasste einen offenen Brief an den Vorstand und die Treuhänder des Museums. „Dieser generische, technokratische Bau verachtet die Kunst, Künstler und das Museum", steht darin. „Ich flehe Sie deshalb im Namen der Kunst-Community an, diesen Plan abzulehnen."

Saltz war bei weitem nicht alleine in seiner Entrüstung über den Erweiterungsbau des MoMa an der 53ten Straße für den das leerstehende Folk Art Museum abgerissen und durch einen Glasbau des Architektenbüros Diller, Rentro und Scoffidio ersetzt werden soll. Keiner der maßgeblichen New Yorker Kunst- und Architekturkritiker konnte irgendetwas Positives an dem Projekt finden.

So schrieb Martin Filler in der New York Review of Books, der Plan besitze „die Präsenz und das Panache eines kommerziellen Parkhauses." Michael Kimmelman von der New York Times sah in dem Raum „jenes vertraute Manöver, das Konzeptlosigkeit als Flexibilität ausgibt." Und Peter Schjeldahl beim New Yorker sieht in dem Bau einen „Ausdruck von Übersättigung und Langeweile."

In der Vehemenz der Kritik spiegelt sich zuforderst die Enttäuschung wider, dass das MoMa sich nicht mehr angestrengt hat, den Folk Art Museums-Bau zu retten. Das erst 12 Jahre alte Gebäude der Architekten Tod Williams und Billie Tsien war ein Favorit der Kritik, es wurde als Meisterwerk der Museumsarchitektur gepriesen. Als das MoMa im vergangenen Jahr das Grundstück samt Museum für seine Expansion erwarb und den Abriss ankündigte, gab es einen dementsprechenden Aufschrei in der Presse.

MoMa heuerte daraufhin Diller, Rentro und Scoffidio an, um eine Lösung zu finden, die den Erweiterungsnotwendigkeiten des Museums gerecht wird, ohne den Bau von Tsien und Williams zu opfern. Man war guter Hoffnung, schließlich hatten Diller und Scoffidio eine alte Schienentrasse in Chelsea, die Highline, in einen der beliebtesten Parks von New York verwandelt. Doch das Architektenbüro enttäuschte. Bei der Präsentation zu Beginn dieser Woche behaupteten sie, dass es keinen Weg gegeben hätte: „Wir hätten zu viel des Gebäudes verloren, wenn wir versucht hätten es zu retten."

Das wollen freilich die Kritiker in dieser Form nicht glauben. Das Opfer eines der beeindruckendsten Beispiele zeitgenössischer Architektur in New York zugunsten eines „Einkaufszentrums-artigen" Neubaus, wie Filler schreibt, sei nur dann unumgänglich, wenn man die „Bedürfnisse" des MoMa akzeptiert. Diese Bedürfnisse seien an aller erster Stelle, die „maximale Effizienzsteigerung beim Durchschleusen von Besuchermaßen" sowie ein unstillbarer Expansionsdrang.

So bricht sich in der Kritik an dem neuen Bau ein schon lange schwelender Zorn darüber Bahn, was aus dem MoMa geworden ist. Unter der Ägide des derzeitigen Direktors Glenn Lowry, den der New Yorker Journalist Michael Wolff im Londoner Guardian als „Mann ohne Eigenschaften" beschreibt, habe sich das MoMa in ein seelenloses Kunstkaufhaus verwandelt, einzig dazu da, möglichst große Touristenmassen möglichst rasch an den Werken vorbei zu treiben und so den Profit zu maximieren.

„Es ist ein Übergangsort", schreibt Wolff, „kalt, hässlich und stets verwirrend." Einen MoMa Besuch vergleicht er mit einem Besuch bei Bloomingdales in der Vorweihnachtszeit. Michael Kimmelman von der New York Times findet das Museum so „verstopft und freudlos wie der Van Wyck Expressway – die Autobahn nach Long Island – an einem heißen Freitagnachmittag."

Jerry Saltz findet, dass der neue Erweiterungsbau der endgültige Sargnagel für das MoMa ist. „Ich musste dabei zusehen, wie das beste Museum für moderne Kunst der Welt vom Wahnsinn zerstört wurde", vom Wahnsinn des ewigen Zwangs zum Wachstum, der zu einer Art amerikanischer Religion geworden sei. Lange vorbei sei die Zeit, in der man im MoMa in einen bedeutungsvollen, intimen Dialog mit der Kunst an der Wand eintreten könne.

Deshalb fleht Saltz den MoMa Vorstand an, diesen „masochistischen Akt" zu verhindern, der das Museum endgültig von einem ursprünglichen Auftrag entfernt. So richtig glaubt jedoch auch Saltz nicht daran, dass da wirklich noch etwas zu retten ist.

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