Donnerstag, 26 September 2013

Ende einer Ära

Posted in email aus New York

New York kehrt Bloomberg den Rücken

Am Dienstag war Wahltag in New York und wie immer zu solchen Gelegenheiten herrschte am späten Abend reges Treiben rund um den Times Square. Die demokratischen Kandidaten für den Bürgermeisterposten hatten für ihre Wahlpartys wie üblich die Ballsäle der Hotels von Midtown gemietet und so fuhren unablässig abgedunkelte Limousinen den Broadway auf und ab, um Gäste abzuladen.

Ausgerechnet Bill deBlasio, der Gewinner der demokratischen Vorwahl hielt sich jedoch aus dem funkelnden Manhattan fern. De Blasio feierte mit seiner Familie und seinen Anhängern in einem Musikclub in Brooklyn – dem coolen, jungen, anderen Stadtteil New Yorks.

Die Geste war bezeichnend. De Blasio, der nach Dienstag mit großer Wahrscheinlichkeit der neue Bürgermeister von New York werden wird, hat sich von Anfang an als Außenseiter positioniert. Der 1,90 Meter große bisherige Bürgeranwalt der Stadt gehört nicht zur etablierten politischen Maschinerie der Stadt, die 12 Jahre lang vom 1,70 Meter kleinen, autoritären Milliardenunternehmer Bloomberg beherrscht wurde. Anders als seine Konkurrenten Christine Quinn und Bill Thompson, die beide mit Bloomberg zusammen gearbeitet haben, kann de Blasio stolz von sich behaupten, dass er die bestehenden Machtverhältnisse in New York von einer wahrhaftig unbelasteten Warte aus angreift.

Das kommt bei den New Yorkern an. Sie haben genug von Bloomberg, unter dem die soziale Ungleichheit der Stadt auf Rekordniveau geschossen ist. Spätestens seit Bloomberg stur das diskriminatorische Vorgehen seiner Polizei gegen die farbige Unterschicht in den armen Bezirken verteidigte, wollen sie einen Mann im Rathaus sehen, dem nicht nur die großen Firmen und der Immobilienmarkt am Herzen liegt, sondern das Schicksal der einfachen Leute. Die Essayistin Fran Leibowitz brachte die Stimmung in der Stadt auf den Punkt, als sie sagte: „Bloomberg war immer stolz darauf, dass er auf keine Interessengruppen hören muss, weil er so reich ist. Nun, ich würde diese Interessengruppen die Bürger nennen."

DeBlasio hat es als einziger der Kandidaten geschafft, sich als glaubhafte Alternative zu Bloomberg sowie als Mann des Volkes zu positionieren. Sein Wahlkampf hatte eine klare Botschaft: Die extreme Spaltung der Stadt in arm und reich muss ein Ende haben. De Blasio will bezahlbaren Wohnraum schaffen und das nicht nur an den äußersten Enden der Bronx. Er will die Topverdiener stärker besteuern und mit dem Geld städtische Einrichtung für Kinderbetreuung schaffen. Und er will vor allem radikal das rassistische Verhalten der Polizei unterbinden.

Letzteres hat DeBlasio bei den Minderheiten der Stadt große Sympathien eingetragen. In traditionell schwarzen Bezirken wie Harlem oder Brownsville bekam er knapp die Hälfte der Stimmen. Dabei half ihm sicherlich die Tatsache, dass seine Frau und seine Kinder schwarz sind. Der Wahlkampfspot, in dem sein sympathischer 15 Jahre alter Sohn mit seiner wilden Afromähne leidenschaftlich für ihn warb, war ein Youtube-Hit.

Nun macht sich in der Stadt die leise Hoffnung breit, dass New York nach 20 Jahren unter konservativer Herrschaft wieder ein wenig menschlicher wird und ein bisschen weniger vom Geld der Wall Street getrieben. „Er wird für uns kämpfen", sagte eine ältere Frau in Brownsville, einem der ärmsten Bezirke Brooklyns in dem die Polizeischikane von Bloombergs Kettenhunden besonders übel ist.

Bloomberg versucht derweil noch so viele seiner Projekte durchzudrücken, wie er bis zum Ende des Jahres kann – Großbauvorhaben mit Luxuswohnungen und Einkaufsmöglichkeiten für die oberen Zehntausend zumeist. Im kommenden Jahr, das weiß Bloomberg, wird der politische Wind für solche Dinge sicher wesentlich unfreundlicher blasen.

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