Dienstag, 03 April 2018

Die Wohlfühlfabel vom großen Einiger

Posted in email aus New York

Zum 50ten Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King

Es drehte nicht wenigen Amerikanern den Magen um, als Donald Trump am 15. Januar diesen Jahres bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus an das Mikrofon trat und in salbungsvollen Worten das Erbe des großen Bürgerrechtsanführers Martin Luther King ehrte. „Wir feiern heute, dass King sein Leben der in unserer Verfassung verankerten Wahrheit gewidmet hat, dass alle Menschen gleich erschaffen sind“, las Trump von seinem Manuskript anlässlich des Nationalfeiertags zu Ehren Kings ab.

Kurz zuvor hatte Trump noch Länder wie Haiti und Somalia als „Dreckslöcher“ beschimpft. Es war nur eine von zahllosen Äußerungen des Präsidenten, die ihn trotz wiederholter gegenteiliger Behauptungen als Rassisten auswiesen - wie etwa seine Gleichsetzung der Neonazis von Charlottesville mit den Gegendemonstranten aus der Black Lives Matter Bewegung.

Vermutlich wird Donald Trump an diesem Mittwoch, dem 50. Jahrestag der Ermordung von Martin Luther King, wieder ähnliches von sich geben. Man ist dererlei von Trump schon seit seinem Wahlkampf gewohnt – Trump wechselt seine politischen und weltanschaulichen Farben, je nachdem, welchem Publikum er zu gefallen trachtet.

Im Fall von Martin Luther King ist dieses Manöver weitestgehend risikolos. King ist heute eine jener wenigen Figuren, auf die sich praktisch die gesamte amerikanische Nation einigen kann. Der Nationalfeiertag zu seinen Ehren wird selbst von Ultrakonservativen geachtet. Sein Denkmal auf der National Mall in Washington, das 2011 eingeweiht wurde, steht fest in der Reihe der großen Helden der amerikanischen Geschichte von Washington über Jefferson bis Lincoln.

Für viele in der amerikanischen Linken und in der Bürgerrechtsbewegung unserer Zeit beruht diese Appropriation von King durch den bürgerlichen Mainstream jedoch auf einer extremen Verzerrung dessen, was King und die Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre tatsächlich darstellten. So sagt Jeanne Theoharis, Autorin des Buches „A More Beautiful and Terrible History: The Uses and Misuses of Civil Rights History”: “Wir haben eine nationale Fabel darüber gesponnen, was die Bürgerrechtsbewegung war. Wir benutzen diese Fabel bei Gedenkfeiern und Festtagsreden dazu, uns als Amerikaner gut zu fühlen.”

Die Mainstream-taugliche Fabel, in deren Zentrum oft King steht, geht in etwa so: King mobilisierte schwarze wie weiße Menschen guten Willens um mit friedlichen Mitteln gegen die rassische Ungerechtigkeit und rassische Gewalt im Süden anzugehen. Geleitet wurde er vonder Vision eines Amerikas, in dem, wie er es in seinem “I have a dream speech” artikulierte, die Nachfahren der Sklaven und der Sklavenhalter brüderlich zusammen kommen.

Der Ruf, so geht die Fabel weiter, wurde erhört. Washington verabschiedete in kurzer Folge zwei Gesetze, welche die Diskriminierung von Schwarzen im Süden ein für alle Mal beendete. Seither ist Rassismus in den USA praktisch kein Thema mehr. Leute wie Trump können sich mit Lippenbekenntnissen, mit Händschütteln und der Besetzung von Alibipositioneen durch Afroamerikaner einreden, das sie keine Rassisten sind.

Die Perfidie dieser Approporiation geht noch weiter. Die Fabel wird nicht selten dazu benutzt, heutigen Protest zu diskreditieren. So war etwa rund um den Spielerprotest im Football und um die Black Lives Matter Bewegung immer wieder zu hören, dass King derartiges Verhalten gewiss nicht gebilligt hätte. Schließlich war er für Gewaltlosigkeit und Integration.

Gegen diese Art von Vereinnahmung und gleichzeitige Kastration von King wehren sich die amerikanische Linke und die neue Bürgerrechtsbewegung jedoch mit Händen und Füßen. Es ist ein Kampf um die amerikanische Geschichtsschreibung, der zum Jahrestag von Kings Ermordung nun wieder besonders stark aufflackert, der aber seit der Ermordung von Michael Brown in Ferguson das Hintergrundrauschen für die öffentliche Debatte um die Rassenbeziehungen in den USA bildet.

So schreibt Vann R. Newkirk in der MLK Sonderausgabe des Magazins „The Atlantic“ in dieser Woche, dass „in der offiziellen Geschichte, die unseren Kindern erzählt wird, Kings Tod die transformationale Tragödie in einem letzlich siegreichen Kampf ist.“ In Wirklichkeit, so Newkirk, sei die Ermordung Kings jedoch nur eine von zahllosen reaktionären Attacken gegen Kings Bewegung“ gewesen, einer Reaktion, die erstaunlich erfolgreich war.

Laut Historikern wie Newkirk und Theoharis begann die Reaktion gegen King bereits Zeit seines Lebens. Die Nation hatte gehofft, dass mit den Gesetzen von 1964 und 1965 das Thema der Rassendiskriminierung vom Tisch sei. Doch King machte keinerlei Anstalten, Ruhe zu geben.

Schon um die Zeit der neuen Gesetzgebung artikuliert King neue Ziele für die Bürgerrechtsbewegung. Immer wieder betont er, dass er keine Ruhe geben werde, bis wahre Gleichstellung erreicht ist. Dabei konzentriert er sich auf dieselben Themen, die bis heute die Black Lives Matter Bewegung beschäftigen.

King lenkt sein Augenmerk vom Süden ab und geht nach Los Angeles und Chicago, wo er für Wohngerechtigkeit kämpft. Er demonstriert für die Auflösung der Schwarzenghettos, für die Verbesserung der Lebensbedingungen dort, für bezahlbaren Wohnraum.

Gleichzeitig taucht King in New York auf, wo er für bessere Bildung für schwarze Kinder demonstriert. Im Süden kämpft er für universelle Krankenversicherung, ein Kampf, den Barack Obama während seiner Präsidentschaft gegen seine republikanischen Gegner weiter kämpfe musste und der bis heute nicht ausgestanden ist.

Im letzten Jahr seines Lebens nimmt Kings politische Philosophie dann volle Gestalt an. Er startet seine Kampagne gegen Armut und kämpft gegen soziale Ungleichheit, ungeachtet der Hautfarbe. Und nach langem Ringen spricht er sich öffentlich und in aller Deutlichkeit gegen de Vietnam Krieg aus. Der Kampf gegen Rassismus ist für King nicht ohne den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und gegen Militarismus zu denken.

In dieser Zeit schlägt King immer stärker offener Hass entgegen. Selbst die Mainstream Presse verurteilt seinen Protest gegen Vietnam als Verrat. Die Unterstützung des liberalen Mainstream, die er nach seiner Rede in Washington 1963 genoss, geht ihm verloren.

Am 4. April 1968 trifft ihn in Memphis dann die tödliche Kugel eines Attentäters. Er hatte das seit langer Zeit erwartet. Die Appropriation seines Lebens und Werks in den folgenden Jahrzehnten wäre für ihn weitaus schmerzhafter gewesen, als der physische Mord. Ebenso, dass die Vorkämpfer um sein wahres Erbe bis heute um ihr Leben fürchten müssen.

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