Montag, 07 März 2016

Die Vier.Milliarden Dollar U-Bahn Station

Posted in email aus New York

New Yorks neue Attraktion am Ground Zero

Es wird keine Reden geben am Ground Zero an diesem Dienstag, es werden keine Fahnen wehen und der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio wird nicht feierlich ein rotes Seidenband durchschneiden. Die Eröffnung des bei weitem spektakulärsten Neubaus an der Stelle der Angriffe des 11. September wird still von sich gehen, der enorme Pendlerbahnhof von Santiago Clatrava, dessen stählernes Flügeldach sich schon seit Monaten monumental über das untere Manhattan spant, wird einfach in Betrieb genommen.

New York ist  nach 15 Jahren der Zeremonien an dieser Stille müde geworden, die 9/11-Pietät hat sich abgenutzt. Zudem rechnet man das Projekt der Ära von Bürgermeister Michael Bloomberg zu, dem sein Nachfolger Bill De Blasio bekanntermaßen nicht eben freundschaftlich zu getan ist.

Der entscheidende Grund für die Zurückhaltung dürfte allerdings die massive Kritik sein, die sich der Bau seit der Präsentation der ersten Pläne vor rund 12 Jahren eingehandelt hat. Vier Milliarden Dollar hat der Spaß gekostet, mit dem sich Star-Architekt Santiago Calatrava an einer Stelle ein Denkmal gesetzt hat, die prominenter nicht sein könnte. „Und das in einer Zeit, in der es an Radiergummis für Schulkinder mangelt“, wie der Architekturkritiker der New York Times, Michael Kimmelmann, bemerkte.

Vier Milliarden ist derselbe Betrag, den das benachbarte neue World Trade Center Nummer Eins gekostet hat, eigentlich das Kernstück der Neubebauung des Grundstücks. Warum die Port Authority, die Regierungsbehörde, der das Areal gehört, für die Bahnstation ebenso viel Steuergelder ausgegeben hat, ist im Nachhinein allen Beteiligten jedoch eher rätselhaft.

Die logistische Bedeutung des Bahnhofs rechtfertigt die Kosten jedenfalls nicht. Der Bahnhof dient dem alleinigen Zweck, rund 44,000 Pendler aus New Jersey mit dem U-Bahn Netz der Stadt zu verbinden. New Yorks großer Prunkbahnhof, der Grand Central Terminal, befördert täglich fünf Mal so viele Menschen, dessen Sanierung vor rund 20 Jahren hat jedoch weniger als die Hälfte gekostet.

Allerdings sieht man dem Calatrava- Bau auf Anhieb auch an, dass es um Pragmatismus hier nicht gehen kann. Die beiden enormen Dach-Flügel, Oculus genannt, die sich überirdisch über den Ground Zero Campus spareozen, künden vor allem von einem: Von Ambition. Calatrava hat die Stahlflügel, die er bereits bei seinem Museumsbau in Milwaukee angewendet hat, als Symbol für die Wiedergeburt von Ground Zero und des südlichen Manhattan bezeichnet. Ebensosehr stehen sie jedoch für den kollektiven Willen zur Monumentalität, der bei der Neuplanung des Geländes unter der Federführung von Daniel Libeskind geherrscht hat.

Die Port Authority, damals, wie jüngst das New York Magazine schrieb, „vom Geist des Stolzes und des Trotzes beseelt“, verliebte sich sofort in den Entwurf, den Calatrava 2004 in einer theatralischen Präsentation vorstellte. Calatravas Persönlichkeit, den der damalige Direktor der Port Authority als „Da Vinci unserer Zeit“ bezeichnete, in Verbindung mit der Grandiosität des Designs, passte genau zu den Fantasien, die man bei der Port Authority für das Gelände hegte.

Nun hat man nach langen Verzögerungen und Budgetüberschreitugen das bekommen, was man sich gewünscht hat. Das Erlebnis des neuen Baus ist unbestritten atemberaubend. Die tiefgelegte, riesige gewölbte Halle, in der sauberen , hellen Ästhetik eines Apple Store gehalten, inszeniert gelungen durch die Dachfenster die neuen Wolkenkratzer des Areals. Von Außen dominiert das überdimensionierte Gebilde – die technische vielleicht komplizierteste Struktur, die je gebaut wurde, jedoch ganz eindeutig die gesamte Gegend.

Der Oculus ist eine Skulptur im Hochhausformat und jetzt schon der Blickfang von Ground Zero. Calatrava hat damit alle seine prominenten Kollegen, die am Ground Zero bauen durften, übertrumpft, gleich ob das Libeskind war, Sir Norman Foster, Maki oder Kohn, Pedersen, Fox.

Daraus, dass er Ground Zero die Krone aufsetzen wollte, hat Calatrava allerdings auch nie einen Hehl gemacht. Und irgendwie hat er es geschafft, im Klima nach dem 11- September die Behörden dazu zu bewegen, seinen Ehrgeiz zu finanzieren. So verkörpert der Bau auch, wie die New York Times schrieb, „das toxische Klima der Zeit nach 9/11, als praktische Überlegungen aus dem Fenster flogen, Hurra-Patriotismus regierte und Egoismus sanftere Stimmen erstickte.“

Calatrava selbst sieht das freilich anders. Er bezeichnete jüngst gegenüber dem New York Magazine seinen Bahnhof als Geschenk an die Stadt. So wie der Grand Central Terminal vor 100 Jahren, so Calatrava, werde sein Bahnhof mit seiner Extravaganz täglich das Leben von Hunderttausenden bereichern.

Da widerspricht ihm kaum jemand. Allerdings fragen sich heute viele, ob das wirklich vier Milliarden wert war. „Wenn wir uns das heute betrachten würden“, sagt der heutige Direktor der Port Authority, Patrick Foye, diplomatisch, „würden wir vielleicht zu einem anderen Urteil darüber kommen, wie am besten das Geld am Ground Zero ausgegeben wird.“ Doch dafür ist es nun zu spät. Insofern bleibt New York nur noch übrig, die Calatrava-Show am Groud Zero zu geniessen.

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