Mittwoch, 17 Juni 2015

Die Primaten der Park Avenue

Posted in email aus New York

Drei Jahren unter den Superrechen von New York

In den nordöstlichen Gefilden der Insel Manhattan lebt ein Stamm von Primaten, mit denen die Evolution es ungewöhnlich gut gemeint hat. Es mangelt ihnen an nichts, sie essen die ausgesuchtesten Speisen der Welt, ihre Kinder werden von den besten Erziehern und Lehrern groß gezogen, die in der westlichen Hemisphere  zu finden sind. Sie fliegen mit Hubschraubern in ihre Wochenendhäuser und geben ohne mit der Wimper zu zucken 8000 Dollar für eine Handtasche aus.

Wer solchermaßen mit Überfluss gesegnet ist, müsste eigentlich sorgenfrei durch das Leben laufen. Doch die Primaten der Upper East Side wähnen sich trotz allem in einem permanenten aufreibenden Kampf miteinander, der um vieles erbarmungsloser geführt wird, als etwa der wahrhaftige Überlebenskampf ihrer entfernten Artgenossen ein paar Kilometer entfernt in der Bronx.

Der Mensch kann sich, wie es scheint, nicht helfen, wenn alle Verteilungsschlachten geschlagen sind, sucht er sich neue Gründe, sich mit anderen zu messen und mit ihnen Konflikte an zu zetteln. So lautet  jedenfalls die tiefere anthropologische Einsicht von Wednesday Martin, die sechs Jahre lang unter den „Primaten der Park Avenue“, wie sie ihr Buch nennt,  gelebt hat, um ihre Riten und Gewohnheiten zu studieren.

Martins Expedition in das Stammesgebiet der oberen Zehntausend von Manhattan - grob dem Quadranten zwischen Fifth Avenue und Lexington sowie 72ter bis 86ter Straße - begann eigentlich ganz unschuldig – als gewöhnlicher Umzug. Die studierte Literaturwissenschaftler und ihr Mann, ein Investmentbanker, wollten nach dem 11. September weg aus dem unteren Manhattan, um ihre Kinder in einer vermeintlich heimeligeren Umgebung sowie in der Nähe der Großeltern groß zu ziehen.

Doch damit begann für Martin die Initiation in eine Welt von ungeschriebenen Regeln und Codes, deren Erlernen im überaus feindseligen Biotop der Upper East so überlebensnotwendig wie schmerzhaft war. Um als „Upper East Side Geisha“ zu bestehen, so stellte sich heraus, braucht Frau Nerven aus Drahtseil und den Killerinstinkt eines Elitesoldaten der Navy Sondertruppen.

Das Abenteuer begann mit der Jagd nach einer Wohnung, einer klassischen Geisha-Aufgabe im Gebiet der teuersten Postleitzahl der Welt.  Wednesday musste lernen, wie man sich zu kleiden hat, um von Maklern überhaupt bestimmte Wohnungen vorgeführt zu bekommen. Sie musste wieder und wieder das demütigende Ritual einer Bewerbung um die Aufnahme in eine Wohnungseigentümer-Gemeinschaft über sich ergehen lassen – ein Prüfung bei der selbst A-List Prominente wie Madonna  schon durchgefallen waren, weil sie nicht die richtigen Schulen besucht hatte. Und sie musste sich hochschwanger Bewerbungsgespräche um Eigentümerschaft in ihrem Schlafzimmer gefallen lassen.

Mit dem hart erkämpften Einzug in eine akzeptable Adresse war der Kampf um Aufnahme in den Stamm jedoch noch lange nicht geschlagen. Im Gegenteil, er hatte gerade erst begonnen.

Wie hart man es sich verdienen muss, unter den Frauen der „Masters of the Universe“ akzeptiert zu werden, bekam Wednesday zu spüren, nachdem sie einen Kindergarten Platz für ihren Sohn ergattert hatte. Gleich, wie genau sie den Dress Code für das Abholen des Juniors studierte und wie sehr sie sich bemühte, über die richtigen Themen Small Talk zu machen,  das Eis mit den anderen Prestige-Frauen war nicht zu brechen. Sie wurde geschnitten, eine Verabredung zum Spielen mit den anderen zukünftigen Herrschern der Wall Street war für ihren Sohn nicht zu bekommen. Erst als Martin bei eine Cocktail-Party die Aufmerksamkeit einer der Männer ergattern konnte, wurde ihr Junior zu einem Sonntagsflug im Privatflugzeug mit genommen.

Bisweilen artete der Krieg um jeden Zentimeter soziales Terrain gar in offene Feindseligkeit aus. Mehr als einmal erlebte Wednesday Martin, wie sie auf offener Straße von den Alpha Weibchen der Upper East Side, mit der 10,000 Dollar Handtasche als Nahkampfwaffe in Vorhalte, vom Bordstein gedrängt wurde. Ein Erlebnis, das sie dazu brachte, sich eine Birkin Hermes, die Mutter aller exklusiven Handtaschen, zuzulegen und den Kampf aufzunehmen.

Wednesday Martin schaffte es schließlich, die Hürden für die Akzeptanz im exklusiven Kreis der Upper East Side Weibchen zu nehmen. Ihr Sohn spielte mit den Kindern der richtigen Eltern und besuchte die richtige Privatschule, sie und ihr Mann machten an den richtigen Orten Urlaub. Sie ging in die richtigen Fitness-Studios mit den richtigen Privattrainern und meisterte die komplizierte Kunst der richtigen Garderobe zum richtigen Anlass- bis hin zum schnellen Einkauf um die Ecke am späten Abend.

Doch nach sechs Jahren hatten sie genug davon und wechselten auf die andere Seite des Central Park, auf die Upper West Side, wo die Anforderungen an die Society Frau deutlich laxer sind. Dass sie aus der Distanz von zwei Kilometern Luftlinie nun aufgeschrieben hat, wie es unter den Frauen der Einprozenter zugeht, wurde freilich im Nordosten der Insel nicht eben wohlwollend aufgenommen. Die Preisgabe von Stammesgeheimnissen, wie etwa der Zahlung von „Frauenboni“ bis 150,000 Dollar pro Jahr für vorbildliches Spielen der geforderten Rolle, wurde ihr als Hochverrat angekreidet. Wednesday Martin wurde als Lügnerin und Übertreiberin beschimpft, der Weg zurück in den Stamm der Upper East Side wird ihr wohl auf immer verwehrt bleiben. Von dem Drang, dort dazu zu gehören, dürfte sie allerdings auch kuriert sein.

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