Dienstag, 18 Februar 2014

Der Schnee, die Dürre, das Klima

Posted in email aus New York

Es gab ein hörbares Aufatmen in New York zum Wochenbeginn. Am Straßenrand türmen sich zwar noch immer die Schneehäufen und am Vormittag waren die Temperaturen noch immer deutlich unter Null Grad. Doch zur Tagesmitte wärmte die Sonne die Stadt auf beinahe angenehme Temperaturen. Vor allem versprach jedoch der Wetterbericht den wintergeplagten New Yorkern, endlich ein wenig Erleichterung. Zum Wochenende hin sollen sich die Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt stabilisieren, es gibt keine weiteren Schneefälle. Man darf hoffen, dass es dieses Jahr doch noch einen Frühling geben wird, was in den vergangenen Wochen oftmals unwahrscheinlich erschien.

Es war der härteste Winter, den die Ostküste, ja ganz Nordamerika  seit langem erlebt hat. Woche für Woche gab es Rekordwetter-Meldung. Zwei Mal mussten wir einen „Polar Vortex“ erdulden, bei dem Polarluft mit Temperaturen bis zu  Minus 25 Grad über ganz Nordamerika strömte. Die Schneefallmengen entlang der Ostküste schaffen es schon jetzt in die Top Ten Ranglisten, obwohl es noch nicht einmal März ist.

http://gothamist.com/2014/02/14/history_snow_nyc.php

Der Süden, wo Winter zumeist nur heißt, dass man nicht immer nur im T-Shirt herum laufen kann, erlebt gerade den zweiten „Eis Sturm“, der ganze Ballungsgebiete wie Atlanta lahm legt.

All das wurde in den Medien hinreichend breit getreten. Es gab rund um die Uhr dramatische Reportagen von der Wetterfront. In New York ereiferte man sich darüber, dass der neue Bürgermeister Bill DeBlasio an einem Tag, an dem innerhalb von wenigen Stunden fast 30 Zentimeter Schnee fielen, die Schulen nicht hat schließen lassen. An diesem Montag, im Nachklang zu einem der größten Winterstürme, die je die Ostküste heim gesucht haben, las man von überarbeiteten Meteorlogen

http://www.nytimes.com/2014/02/17/nyregion/one-group-sees-silver-lining-in-winters-storm-clouds-meteorologists.html?ref=nyregion

und von gestressten Eltern, die in den vielen schneefreien Tagen zusehen müssen, wie sie ihre Bälger beschäftigen

http://www.nytimes.com/2014/02/17/nyregion/as-snow-days-disrupt-parents-routines-finding-sympathy-for-de-blasios-decisions.html?ref=nyregion

Was bei all dem jedoch schmerzlich fehlte, waren Berichte, welche das Wettergeschehen der vergangenen Wochen in den Zusammenhang mit dem Klimawandel stellte. Das war umso erstaunlicher weil zur selben Zeit, in der die Ostküste im Schnee versank, der Südwesten eine Dürre von einer Schwere wie seit 500 Jahren nicht mehr erlebte. Präsident Obama bewilligte eine Milliarde Dollar an Nothilfe Mitteln für die Landwirtschaft dort und sprach unmissverständlich davon, dass die bedrohliche Situation auf den Klimawandel zurück zu führen ist:

http://www.reuters.com/article/2014/02/14/us-usa-obama-drought-idUSBREA1D0JD20140214

Zur gleichen Zeit hielt Außenminister Kerry in Jakarta eine bewegende, dringliche Rede zum Klimawandel und dessen potentiell katastrophalen Folgen. Der Klimawandel, so Kerry, sei unsere „schlimmste Massenvernichtungswaffe“:

 http://www.nytimes.com/2014/02/17/world/asia/kerry-urges-indonesia-to-help-stem-climate-change.html

Die New York Times immerhin setzte ihren Klima-Experten Andrew Revkin daran, zu überprüfen, ob sich ein legitimer Zusammenhang zwischen dem extremen Winterwetter und dem Klimawandel herstellen lasse. Sein Ergebnis war typisch New York Times – vorsichtig, zurückhaltend, abwägend, nichtssagend. Die Wissenschaftler, die er zitierte, gaben sämtlich zu, dass im Zuge des Klimawandels zunehmend Winter wie diese zu erwarten seien: Mit heftigen aber immer kürzeren Schneeperioden. Dennoch warnten sie davor, einen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den vergangenen Wochen her zu stellen:

http://dotearth.blogs.nytimes.com/2014/02/14/global-warming-winter-weather-and-the-olympics-five-leading-climate-scientists-weigh-in/?hp&rref=opinion

Wer klarere Worte hören wollte, der musste schon nach England schauen, wo der Guardian auf der ersten Seite unmissverständlich titelte: „Der Klimawandel ist da und er könnte zu globalen Konflikten führen:
http://www.theguardian.com/environment/2014/feb/13/storms-floods-climate-change-upon-us-lord-stern

Wer in den USA deutliche Worte hören wollte, der musste sich derweil wie so oft den alternativen Medien zuwenden. In Amy Goodmans Polit-Sendung Democracy Now, die seit vielen Jahren tapfer dort die Stimme erhebt, wo der Mainstream schweigt, kam der Umwelt-Journalist Bill McKibben zu Wort, der von Forbes und Time Magazine zu einem der einflussreichsten Denker unserer Zeit ernannt wurde.

http://www.democracynow.org/2014/2/13/this_should_not_come_as_a

McKibben zögerte keine Sekunde die derzeitigen Wetter-Ereignisse in Nordamerika in den Zusammenhang des Klimawandels zu stellen, „das ist genau das, wovon wir seit Jahrzehnten sprechen. Das sind die ersten Stadien eines dramatischen Klimaumschwungs und wir müssen sofort handeln.“

Darin war er sich mit Außenminister Kerry einig, der in Jakarta sagte, „wir haben keine Zeit mehr für Konferenzen mit Leuten, die behaupten, die Erde sei eine Scheibe.“

Trotz alledem bleibt zu befürchten, dass die notwendigen drastischen Maßnahmen ausbleiben.

Zumal die Rechte sich schon wieder heftig über den Zusammenhang der derzeitigen Wetterereignisse mit dem Klimawandel mokiert, den die Obama Regierung herstellt.

So nannte am Freitag der notorische Neokon Charles Krauthammer den Klimawandel eine „Religion“ der Obama Regierung sowie ein Trick, um Staatsmittel in die Taschen von befreundeten Firmen und Einzelpersonen fließen zu lassen:

http://www.foxnews.com/politics/2014/02/14/krauthammer-climate-change-is-not-political-its-religion/

So gehen die Erdenscheiben-Debatten in Washington weiter, während die Landwirtschaft in Kalifornien stirbt, Städte wie LA vom Austrocknen bedroht sind und der Osten im Schnee erstickt. Das kann einem gehörig Angst einjagen.

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