Samstag, 09 April 2016

Der Barde des einfachen Mannes

Posted in email aus New York

Zum Tod von Merle Haggard

Es gibt nicht viele  Country Musiker in den USA, die von der riesigen Fangemeinde des Genresnur mit dem Vornamen genannt werden. Gerade einmal eine Handvoll bekommen diese Auszeichnung, die ein sicheres Zeichen für die Adelung in dieser amerikanischsten aller Musikgattungen bedeutet.

Merle Haggard, der an diesem Mittwoch im Alter von 79 Jahre verstarb, war einer von ihnen. Neben ihm stehen nur noch Johnny Cash, Waylon Jennings, Loretta Lynn, Dolly Parton, Willie Nelson und vielleicht Kris Kristofferson.

Entsprechend groß war die Bestürzung über Haggards Tod in der Country Gemeinde. „Sein Einfluss und sein Vermächtnis sind kaum in Worte zu fassen“, sagte der Gitarrist Deke Dickerson, der auch die Begleitbücher zu vielen von Haggards Alben geschrieben hat. „Er war einer der Größten aller Zeiten.“

Doch die Trauer um Haggard ging weit über die Country-Musik hinaus. Das ganze Land verlieh am Mittwoch seiner Anteilnahme Ausdruck. Die Nachrufe zierten die Titelseiten aller maßgeblichen Zeitungen, Prominenz aus allen Sparten kondolierte im Universum der sozialen Medien und sogar Präsident Obama teilte dem Land mit, dass die USA eine Legende verloren hätten.

 Das Ausmaß der nationalen Trauer um den Verlust einer Country Legende zeigt ,wie wichtig das Genre für das kulturelle Leben der Nation ist. Country ist beständig die erfolgreichste Musikrichtung der USA und alle anderen Sparten des Pops erkennen neidlos den immensen Einfluss des Country an. So haben so unterschiedliche Musiker wie die Byrds, die Grateful Dead und Elvis Costello Merle Haggard Songs gecovert.

Die Trauer um Merle Haggard ist aber auch so groß, weil er, wie es nur die Country Musik kann, Brücken über scheinbar unüberbrückbare kulturelle Gräben in Amerika baute. Auf Merle Haggard konnte  man sich, wie auch etwa auf Johnny Cash, zwischen New York, Los Angeles, Texas und Tennessee einigen. Haggard war eine nationale Ikone, quer über soziale Schichten, ethnische Herkunft und politische Ansichten hinweg.

Der universelle Appeal von Haggard lag in den Geschichten die er erzählte: Einfache Geschichten von den Kämpfen und Nöten des einfachen Mannes, wie sie nur die Country Musik erzählen kann und mit denen sich jeder identifizieren kann.  Haggard sang von Strafgefangenen und von Alkoholikern, vom Kampf des Arbeiters und von der Armut.

All das war bei Haggard zutiefst glaubhaft, es klang nach ehrlichem Mitgefühl  und nicht nach entrücktem Bedauern. Haggard war eine der Figuren, von denen er sang, einer der Vergessenen Amerikas.

Haggard wuchs als Sohn eines Eisenbahn-Zimmermanns in einem ausgebauten Zug-Waggon in Kalifornien auf. Sein Vater starb, als er 11 war, seine Mutter musste mit mehreren Jobs die Kinder durchbringen. 1957, im Alter von 20 Jahren, wurde er wegen Einbruchdiebstahls verhaftet und verbrachte drei Jahre im Staatsgefängnis St. Quentin.  Über die Erfahrung schrieb er gleich mehrere Songs, darunter „Mama Tried“, eine Entschuldigung an seine Mutter dafür, dass er sie enttäuscht hatte.

In den Wirren der sozialen Umbrüche der 60er Jahre fand sich Haggard zunächst nicht zurecht. In der Entstehung der Gegenkultur, insbesondere in Kalifornien, war es für ihn, wie für viele Country-Musiker schwer, seinen Platz zu finden. So schrieb Haggard 1960 den Song „Okie from Muskogee“ in dem er sich über die Hippies lustig machte. Ein Song für den er sich später entschuldigte: „Die jungen Leute hatten damals etwas begriffen, was ich nicht begriffen hatte.“

Seine Aura der Authentizität bewahrte sich Haggard Zeit seiner Karriere auch dadurch, dass er von der Country Musik Branche in Nashville gänzlich unabhängig blieb und sich in seine Texten und seinen Sounds von niemandem beeinflussen ließ. So vermied er es, zugunsten von Verkaufszahlen sich dem Massengeschmack anzupassen. In den letzten 20 Jahren seiner Karriere spielte er nur noch für seine eingeschworene Fangemeinde.

Gerade in den vergangenen Jahren, in Zeiten wachsender wirtschaftlicher Nöte in Amerika, erfuhren seine Songs jedoch wieder eine Renaissance. Haggards Empathie für den einfachen Mann stellt sich zunehmend als zeitlos heraus – auch wenn sie eine Weile lang in Amerika nicht en Vogue war. 

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