Dienstag, 21 Oktober 2014

Der 95 Millionen Dollar Blick

Posted in email aus New York

In New York haben Apartment-Türme für die Superreichen Konjunktur

New Yorkern ist er seit Monaten schon ein Dorn im Auge, jener schlanke Turm, der an der Ostseite der Midtown Skyline wie ein gigantisches Streichholz Manhattan überragt und am Vormittag seinen hässlichen Schatten über den Central Park wirft.

Er sticht heraus, der neue Wolkenkratzer an der Park Avenue, der zu Beginn dieser Woche seine volle Bauhöhe erreicht hat und nun mit 420 Metern das höchste Apartment-Haus der westlichen Welt ist. Von seinem Penthouse im 96ten Stock auswird man auf die Aussichtsplattform des Empire State Building hinab schauen können und selbst das Dach des neuen World Trade Center ist niedriger. Alleine die Antenne macht den Bau am Ground Zero offiziell höher.

Doch Höhe ist selbst in New York nicht alles. Wenn man sich umhört, wird man kaum jemanden finden, der den schlichten, quadratischen Bau von Rafael Vinoly mag. „Das Gebäude ist so isoliert und ohne Kontext“, sagt Vin Cipolla von der Municipal Arts Society, einer Bürgervereinigung, die es sich zum Ziel gesteckt hat, über das Stadtbild zu wachen. „Es überschattet und dominiert alles und man weiß nicht so recht, was man davon halten soll.“

Andere New Yorker wissen sehr wohl, was sie davon halten sollen.  „Wenn New York tatsächlich ein reiner Spielplatz für die Reichen geworden ist, dann ist dies unser Leuchtturm“, schrieb der Architekturkritiker der New York Times, Matt Chaban. Für ihn, wie für viele andere Bürger, ist die Nummer 432 Park Avenue  ein Symbol für den außer Kontrolle geratenen Turbokapitalismus, der zunehmend die Stadt bestimmt.

Das lässt sich alleine daran fest machen, für wen der Wolkenkratzer geplant ist. Die teuerste Wohneinheit, das Penthouse mit sechs Schlaf- und sieben Badezimmern, kostet 95 Millionen Dollar. Dafür bekommt der Käufer die Option auf ein Wohnquartier für eine Hausangestellte für 3,9 Millionen sowie einen Weinkeller für 300,000 Dollar. Die billigste der ca. 140 Wohnungen wird sieben Millionen kosten.

Dennoch wird erwartet, dass sich das 1,3 Milliarden Dollar Projekt für den Bauherrn , den berüchtigten Immobilien-Tycoon Harry Macklowe, rentiert. Der Markt für Ultra-Luxus in Manhattan ist derzeit schier unersättlich.

Deshalb sprießen in den vergangenen Jahren Luxus-Türme wie das 432 Park in der ganzen Stadt aus dem Boden. Die Superreichen, die einst in ihrem Ghetto auf der Upper East Side blieben, breiten sich über die ganze Stadt aus. So ist gerade im Greenwich Village ein neuer Turm im Bau, ebenso am Fuß der Brooklyn Bridge an der Park Row. Nur Schritte von dort entfernt hat erst vor zwei Jahren der Luxusturm des Star-Architekten Frank Gehry eröffnet. Und ein paar Blocks vom 432 Park ist das One 57, ein weiterer Super-Luxus Turm gerade bezugsfertig geworden.

Wer die Käufer genau sind, weiß man wegen der strengen Diskretion der Vermieter nicht. Doch Beobachter des Marktes sind sich sicher, dass es sich vorwiegend um ultrareiche Investoren aus Übersee handelt: russische Öl-und Metal-Magnaten, arabische Sheikhs, asiatische Multi-Milliardäre..

Daran ist vieles zu beklagen. Die Erfahrung zeigt, dass diese Käufer in den Apartments nicht wirklich wohnen, sondern sie nur gelegentlich benutzen. Einen Großteil des Jahres werden Türme wie das 432 Park leer stehen – eine Hülle für eitle Investitionsobjekte.

Das wäre schlimm genug, alleine weil es jegliches soziale Gefüge eines Stadtviertels untergräbt, zumal bei Mega-Projekten wie dem 432 Park große Grundstücke aufgekauft und umgewandelt werden müssen. Noch schlimmer ist jedoch, dass diese Projekte in der ganzen Stadt die Grundstückspreise in die Höhe treiben und somit die Stadt für alle unbezahlbarer macht. „Der Boom auf dem Superluxus-Markt“, sagt James Parrott, Ökonom beim Think Tank „Fiscal Policy Institute“, gibt in Verbindung mit einer rasant wachsenden Obdachlosigkeit sowie Rekordzahlen bei Zwangsversteigerungen den Blick auf eine sich dramatisch beschleunigende Polarisierung unserer Gesellschaft frei.“

Bauherr Harry Macklowes Stolz auf sein Werk wird durch solche Überlegungen freilich nicht getrübt. Macklowe spricht von seinem „Lebenswerk“ und vergleicht das 432 Park mit der Mona Lisa. Allerdings hat sich der Baulöwe noch nie durch übertriebene soziale Sensibiliät ausgezeichnet. In den 80er Jahren ließ er bei Nacht und Nebel am Times Square zwei „SROs“ abreißen – billige Notunterkünfte für gestrandete Existenzen. Stunden später trat ein Gesetz in Kraft, das den Abriß verboten hätte.

Seither hat Macklowe einen Ruf als skrupelloser Profiteur. Doch das stört ihn nicht besonders. Als er in der vergangenen Woche bei einem Presse-Event mit der Kritik konfrontiert wurde, der neue Wolkenkratzer sei krass, antwortete er, „Ich gebe hier hunderten von Leuten Brot und Arbeit und de bedanken sich bei mir.“ Ob es sich diese Angestellten noch leisten können, auch nur in der Nähe von Manhattan zu leben, ist freilich eine Frage, die Macklowe nicht weiter interessiert.

 

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