Mittwoch, 02 Januar 2013

Das leere Zentrum

Posted in email aus New York

Neujahr am Times Square

Wenn man lange genug in New York lebt, dann lässt der Drang, sich an Sylvester ins Gewühlt zu stürzen, merklich nach. Das Dabeisein bei der vermeintlich größten Party der Welt büßt deutlich an Reiz ein, wenn man es ein paar Mal mit gemacht hat – überfüllte U-Bahnzüge,  überteuerte Restaurants, vollgestopfte Clubs, die exorbitante Sylvesterpreise verlangen und allüberall Touristen, die vor Erwartung der Nacht ihres Lebens glühen – es reicht, wenn man das ein oder zwei Mal gesehen hat.

 

So waren wir in diesem Jahr im trauten Kreis zuhause und haben um Mitternacht auf den Plasmabildschirm geglotzt, um, wie die Leute in Miami und Maine und vielleicht auch ein paar Unverzagte, die in Deutschland um sechs Uhr Morgens noch zugange waren, am Times Square das Fallen der großen Kristallkugel zu betrachten.

 

Das stellte sich als gar nicht so uninteressant heraus. Denn das Spektakel, das jeder New Yorker, den ich kenne, unter allen Umständen zu meiden sucht, enthüllte so manches über die Stadt, in der wir leben.

 

Zu allererst ist das Ganze, allem Hype zum Trotz, ein Nicht-Erlebnis. Leute fliegen um den halben Erdball um den ganzen Tag hinter Absperrgittern, streng von Hundertschaften von Polizisten bewacht, herum zu stehen und zu warten. Alkoholkonsum ist strengstens verboten, zum Tanzen ist kein Platz. Das einzige was gestattet ist, ist die idiotischen Mützen mit dem Logo des Hauptsponsors – in diesem der deutsche Creme-Konzern Nivea – zu tragen. Und vielleicht eine Tröte.

 

Dann wird um Mitternacht die blinkende, glitzernde LED Kugel von einem Wolkenkratzer herunter gelassen, der Bürgermeister wünscht allen ein gutes neues Jahr, Frank Sinatra wird eingespielt und fertig. Was bleibt ist eine weitere Stunde Gedrängel, um wieder an die U-Bahn zu kommen. Es sei denn, man will sich in einer der Touristenbuden am Times Square zehn Dollar für ein Bier abknöpfen lassen.

 

Das Ganze ist eine traurige, kaum mehr erkennbare Anspielung, auf das, was es einmal war – ein wildes Fest auf den Straßen New Yorks. Die Art Straßenfest, die man vielleicht zu Sylvester noch in Rio erleben kann oder zu Fasching in Köln, wo Menschen wirklich ausgelassen sind und Tanzen und Grölen und Saufen und mit wildfremden Menschen Herumknutschen.

 

Aber für das reingefegte, parfümierte New York unserer Tage, wäre so etwas zu riskant. Die öffentliche Ordnung, die man mit „Null Toleranz“ in den 90er Jahren brutal hergestellt  hat, wäre wieder in Gefahr. Und so bekommen die Touristen eine Art Parodie einer authentischen urbanen Erfahrung geboten. Es ist ein Verweis auf einen ekstatischen Karneval, ohne dass der Karneval selbst tatsächlich stattfindet. Und trotzdem grinsen alle glückselig in die Fernsehkameras, als hätten sie tatsächlich das erlebt, was es hier gar nicht mehr zu erleben gibt. Es ist wie ein Reflex auf eine Pavlov-Glocke. Spaß! Jetzt!

 

Das Alles passt natürlich bestens zum Times Square selbst. Der Times Square ist ein Simulakrum im eigentlichen Sinn. Die grellen Neon- und Plasma-Lichter sind überall per Verordnung angebracht worden. Sie machen die „Marke“ Times Square aus.

Die Lichter haben ihren Ursprung in den Roaring Twenties, als sie hier am Times Square ein aufregendes Nachtleben bewarben. Dahinter verbargen sich Nachtclubs und Cabarets, Jazzhöhlen und Tanzbars. Heute zeigen sie den Börsenstand an und Werben für die Mieter der Wolkenkratzer hier, wie die Unternehmensberater Ernst and Young oder den Nachrichtendienst Reuters. Das Entertainmentangebot am Times Square ist ähnlich fad,wie das Sylvesterevent: Es gibt überteuerte Burgerbuden und Familienkaufhäuser.

 

Der Kaiser hat keine Kleider. Spontaneität, Überraschung, Leben sind  garantiert ausgeschlossen.  Uns ging’s hingegen gut bei unserem langweiligen Syslvester zuhause. Wir haben gut gegessen und gut geredet. Und nach Mittarnacht noch einen Film geguckt. When Harry met Sally. Ein Sylvesterfilm aus den 80er Jahren, als die Stadt noch eine andere war, als noch nicht alles ein von Marketingstrategen geplantes Erlebnispaket war. Schöne Zeiten. 

Leave a comment

You are commenting as guest.

Blog-Posts

Go to top